Aufruf zur Aufholjagd


Mit Glasfaser ist Sölden längst ausgerüstet. Der Wintersportort im malerischen Tiroler Ötztal besitzt längst ein superschnelles Internet und damit die digitale Infrastruktur des 21. Jahrhunderts. Einer, der es genau weiß, ist Hannes Ametsreiter. Bevor der Österreicher 2015 den Chefsessel bei Vodafone Deutschland in Düsseldorf übernahm, war der promovierte Kommunikationswissenschaftler CEO der Telekom Austria, welche die Alpenrepublik schon vor Jahren mit einem dichten Glasfasernetz überzog. Im Gegensatz zu Österreich ist die digitale Infrastruktur in Deutschland geradezu hinterwäldlerisch. Nicht nur in den Tälern der bayerischen Alpen ist das Langsam-Internet noch weit verbreitet, sondern auch anderswo in der Bundesrepublik geht es im Netz im internationalen Vergleich eher gemächlich zu.

Geht es nach den Vorstandschefs, Internetpionieren und Zukunftsforschern, die sich auf Initiative des Handelsblatt, Handelsblatt Global, „Wirtschaftswoche“, „Die Zeit“ und „Tagesspiegel“, soll sich das schleunigst ändern. Die Botschaft der 50 Teilnehmer, die auf über 3000 Meter Höhe den ersten Entwurf eines digitalen Manifests des 21. Jahrhunderts schrieben: die digitale Aufholjagd muss jetzt beginnen.

Im Grundgesetz ist im Artikel 5 das Recht auf freie Meinungsäußerung verankert. Ein Recht auf ein superschnelles Internet gibt es leider noch nicht. Vielleicht sollte unsere Verfassung erweitert werden, damit endlich etwas geschieht? Denn für eine Hochleistungswirtschaft ist eine schnelle Datenautobahn so wichtig wie der der Ausbau des Schienennetzes oder der Flughäfen. Auch Datenverbindungen entscheiden über Aufstieg und Fall eines Wirtschaftsstandorts.


Noch wird an der Endfassung des digitalen Manifests gearbeitet. Doch bereits in Sölden wurde eines klar: der Befund für die digitalen Verkehrswege in Deutschland fällt besorgniserregend aus. Die früheren Datenhighways aus Kupferkabel sind heute beschauliche Daten-Landstraßen. Und der Staat: er fördert vor allem eine Technologie aus alten Zeiten, kritisieren Marktteilnehmer. Auf dem Giga-Gipfel in Sölden schlug Ametsreiter daher zu Recht Alarm. Nur acht Prozent aller Haushalte hätten in Deutschland bislang einen durchgehenden Glasfaser-Anschluss, so das Resümee des Vodafone-Chefs. Damit käme Deutschland auf den vorletzten Platz in Europa. Eine Peinlichkeit.

Viel Zeit für die Aufholjagd bleibt Deutschland nicht, wenn es vermeiden will, noch weiter abgehängt zu sein. Denn das Datenvolumen wird in Zukunft dramatisch wachsen. Selbstfahrende Autos sind keine ferne Vision mehr, sondern Produkte, die bereits in wenigen Jahren auf unseren Autobahnen zu sehen sein werden.


Johann Jungwirth, seit 2015 Chief Digital Officer der Volkswagen AG, rechnet damit, dass bereits im Jahr 2021 in den ersten Städten selbstfahrende Autos rollen werden. Der frühere Apple-Manager, der direkt an VW-Chef Matthias Müller berichtet, schlug in Sölden Alarm, die digitale Aufholjagd zu beschleunigen. Die deutsche Politik müsse schneller die gesetzlichen Rahmenbedingungen anpassen und nicht erst im nächsten Jahrzehnt, wie derzeit geplant. „Ich bin mir sicher, dass es beim selbstfahrenden Auto enorm wichtig ist, der Erste am Markt zu sein. Wer als Zweiter sechs oder zwölf Monate später kommt, wird Probleme haben, sich noch durchzusetzen“, warnte der digitale Vordenker des weltgrößten Autokonzerns. Hoffentlich wird seine deutliche Warnung von den Koalitionären in Berlin gehört? Denn die USA, Singapur und der Golf-Staaten sind schon längst weiter.

Doch selbst ohne selbstfahrende Autos wächst das Datenvolumen heute schon jährlich um stolze 60 Prozent. Zu Recht verlangt Ametsreiter daher, bis zum Jahr 2023 80 Prozent aller Bürger an ein Gigabit-Netz anzuschließen. Nur so kann Deutschland wieder auf die digitale Überholspur wechseln.

Niemand, auch kein Politiker, kann die Zukunft verlässlich voraussagen. Doch Politiker können die Zukunft gestalten. Das gilt besonders für die Führungsmannschaft in der größten Volkswirtschaft Europas. Die Digitalisierung versändert Wirtschaft, Politik und Gesellschaft grundlegend. Sie ist quasi eine Überlebensfrage für Deutschland. Die Antwort: Deutschland braucht sehr viel mehr Mut zur Zukunftsgestaltung. Das ist die eigentliche Botschaft von Sölden.