Audis Titelrivalen im Check: Ist Nico Müller zu wenig aggressiv?

Sven Haidinger
·Lesedauer: 5 Min.

Dieses Wochenende entscheidet sich in Hockenheim, wer den letzten Class-1-Titel in der DTM gewinnt (hier geht's zum Zeitplan): Entweder schlägt Rene Rast, der in der Meisterschaft 19 Punkte voran liegt, zum dritten Mal zu, oder Herausforderer Nico Müller sichert sich seine erste DTM-Krone. Oder es passiert ein Wunder, und dessen Abt-Audi-Teamkollege Robin Frijns, dem 41 Punkte fehlen, ist der lachende Dritte.

Doch wie fällt eigentlich der Vergleich der drei Audi-Asse aus, die die Saison 2020 klar dominiert haben? "Sie arbeiten alle auf einem sehr hohen Niveau, und die Unterschiede findet man eher im Detail", holt Audi-Sportchef Dieter Gass aus, der sein Trio besser kennt als die meisten.

"Wenn ich mich da festlegen müsste, dann würde ich sagen, dass Robin vielleicht derjenige mit dem größten natürlichen Speed ist. Rene ist der, der bei der Arbeit am meisten ins Detail geht. Und Nico ist derjenige, der am meisten von beiden Seiten hat. Man sieht anhand der Ergebnisse, dass sich die drei nicht viel schenken."

Rast gelingt bester Spagat aus Qualifying und Rennen

Wie der Vergleich ausfällt? Bei den Siegen hat Rast inzwischen Müller übertrumpft. Er hat sechs Erfolge zu Buche schlagen, während es bei Müller fünf und bei Frijns drei sind. Die Statistik zeigt aber auch, dass Frijns auf eine Runde in dieser Saison der schnellste Mann war.

Er kommt zwar wie Rast auf insgesamt fünf Pole-Positions, dafür sicherte sich der Niederländer im Qualifying bislang satte 28 Punkte, während Rast auf 26 Zähler kommt. Müller kann da mit drei Poles und 21 Punkten nicht ganz mithalten. Der Schweizer war bei den vergangenen vier Qualifyings in Zolder nie unter den Top 3.

Auch DTM-Boss Gerhard Berger, der dieses Jahr sein Titelfinale beim letzten Saisonwochenende erhält, fiel dieses Jahr Frijns' enormes Tempo auf. "Manchmal glaube ich, Frijns ist der Schnellste, aber er macht am meisten Fehler", sieht er bei seiner Analyse auch einen Schwachpunkt beim Abt-Audi-Underdog.

Berger: "Habe bei Müller im Vorjahr Aggressivität vermisst"

Der Abgezockteste unter den Titelaspiranten ist für Berger ganz klar Rast. "Er ist derjenige, der mit der größten Erfahrung herangeht. Und der auch die Nerven nicht wegschmeißt und an der Technik arbeitet - und dann am Ende der Saison noch zulegen kann", sagt der Österreicher über den 34-Jährigen, der mit seinen vier Siegen in Zolder die Meisterschaft kurz vor dem Finale zu seinen Gunsten drehte.

Und was hält Berger von Abt-Audi-Pilot Müller, der die ganze Saison lang wie der sichere Champion aussah, ehe bei Rast der Knoten platzte? "Müller finde ich fantastisch. Er hat wirklich eine super-weiche Linie, ist ein superschneller Mann. Was ich allerdings im letzten Jahr bei ihm ein bisschen vermisst habe, ist die Aggressivität am Ende, um wirklich auch die Meisterschaft ins Visier zu nehmen."

Eine Anspielung darauf, dass Müller im Vorjahr im Titelfinale keine direkte Attacke auf Rast startete und am Ende den Kürzeren zog. Fehlt dem 28-jährigen Schweizer die letzte Konsequenz? Auch Rast zielt in eine ähnliche Richtung, als er auf die Schwächen seines Rivalen angesprochen wird: "Man hat im vergangenen Jahr und auch in diesem Jahr gesehen, dass im letzten Moment, wenn es darauf ankommt, die Performance nicht so da war wie zuvor."

"Performance, wenn es drauf ankommt, nicht ganz da"

"Beispielsweise im Vorjahr der Frühstart am Nürburgring, und dann in diesem Jahr in Zolder, wo er ein bisschen gestrauchelt ist. Aber ich kann jetzt nicht sagen, woran das liegt. Vielleicht sind es nur ungünstige Umstände oder Zufälle. Ich würde da eigentlich nicht von einer Schwäche reden, denn so richtige Schwächen hat auch er nicht."

Als Stärken nennt er bei Müller das Reifenmanagement - speziell wenn es warm ist, was auf den Fahrstil des Vizemeisters des Vorjahres zurückzuführen ist: "Ich glaube, das hat man gerade in diesem Jahr gesehen. Er fährt sehr sauber und kann speziell seine Hinterreifen dabei sehr gut schonen."

Aber fehlt Müller wirklich manchmal der Killerinstinkt? Der Abt-Audi-Pilot schüttelt den Kopf. "Wenn die Möglichkeiten da sind, dann bin ich definitiv aggressiv genug", sagt er. "Ich habe in einigen Rennen Schlüsselmanöver gezeigt, als wir im Hintertreffen waren. Und ich habe so Plätze gewonnen. Wenn es zählt, dann weiß ich, wann ich aggressiv sein muss und wann ich solche Manöver machen muss."

Müller: Rasts Schwäche war 2020 das Reifenmanagement

Aber wie sieht es eigentlich bei Rast aus? Hat der Schwächen? "Seine Schwäche war speziell in dieser Saison wohl das Reifenmanagement", sagt Müller. "Da waren wir klar einen Schritt besser." Er kennt aber auch die Stärken seines Rivalen, der für seinen Killerinstinkt, seine Konsequenz und für seine unglaublichen Arbeitsmoral bekannt ist.

"Zu Renes Stärken gehört sicherlich, und besonders in diesem Jahr, dass er in der Lage ist, in Situationen, in denen er nicht um den Sieg fährt, trotzdem das Maximale herauszuholen", sagt Müller.

"Gerade in der Saison, in der wir drei Titelaspiranten über weite Strecken dominiert haben, war es ihm dadurch immer noch möglich, aufs Podium zu fahren, viele Punkte zu holen und so weiterhin im Titelkampf mitzumischen. Und wenn es für ihn lief, hat er es auch geschafft, das Potenzial zu maximieren."

Mit Bildmaterial von Audi.