Wie Audi seinen Vorstand umkrempelt

Audi tauscht vier von sieben Vorstandsmitglieder aus, Unternehmenschef Rupert Stadler bleibt aber. Was Audi mit der Personalrochade bezweckt und wer die neuen Hoffnungsträger sind.


Die wochenlangen Personalspekulationen bei Audi haben ein Ende: Die VW-Tochter tauscht vier von sieben Mitgliedern des obersten Management-Gremiums auf einen Schlag aus. Axel Strotbek, Thomas Sigi, Hubert Waltl und Dietmar Voggenreiter müssen gehen. Sie treten ihre Posten am 1. September ab, wie Audi mitteilte. Es bleiben Bernd Martens als Vorstand für Beschaffung, Entwicklungsvorstand Peter Mertens (allerdings auch erst seit dem 1. Mai 2017 auf diesem Posten) und der umstrittene Vorstandsvorsitzende Rupert Stadler.

Mit dem Austausch von vier Top-Managern will der Aufsichtsrat wieder etwas Ruhe in das krisengeschüttelte Unternehmen bringen. Der Audi-Aufsichtsratsvorsitzende und VW-Konzernchef Matthias Müller dankt den Ausscheidenden für ihren Einsatz: „Die bisherigen Vorstände haben die positive Entwicklung von Audi mitgestaltet“, sagte Müller. "Zuletzt ist Audi durch eine schwierige Phase gegangen, hat aber alle Voraussetzungen, auch in der Mobilitätswelt von morgen erfolgreich zu sein. Das neue Team im Vorstand wird gemeinsam mit der Belegschaft die Transformation von Audi in Richtung Zukunft konsequent vorantreiben.“ Gerüchten um Unstimmigkeiten im Aufsichtsrat bei dem Vorstandsumbau trat Aufsichtsratsmitglied Wolfgang Porsche entgegen: „Wir stehen hinter den heute getroffenen Entscheidungen.“

Seit Bekanntwerden des Dieselskandals vor knapp zwei Jahren gilt Vorstandschef Stadler als angezählt. Der Manager habe sich „an der Spitze von Audi bewährt“, sagte Porsche als Vertreter der Eigentümerfamilien. Es dürfte aber ein Abschied auf Raten sein, die Namen von möglichen Nachfolgern kursieren auch hier schon. Damit bleibt Stadler neben Martens die einzige langjährige Konstante im Vorstand. Im Entwicklungsressort, das die Ingolstädter VW-Tochter eigentlich auf die Mobilität der Zukunft ausrichten will, kamen und gingen mehrere Manager.




Mit den Neubesetzungen hat Audi allerdings zwei Chancen verpasst: auf eine Frau zu setzen und externe Manager zu holen. Auch der neu zusammengestellte Audi-Vorstand bleibt eine reine Männer-Runde. Unter den vier neuen Mitgliedern ist zwar kein (Motoren-)Entwickler, also droht wohl keine spätere Verwicklung in den Abgasskandal. Der echte und nach außen zur Schau gestellte Neuanfang sieht aber anders aus, wenn Wolfsburg und Ingolstadt auf Nummer sicher spielen und nur interne Kandidaten aus dem Riesenreich des Konzerns in den Audi-Vorstand befördern.

Doch wer sind die Neuen? Was zeichnet sie aus? Und warum mussten ihre Vorgänger gehen? Eine Übersicht.

Marketing- und Vertriebsvorstand Bram Schot – der Problemlöser

Dass der Stuhl von Dietmar Voggenreiter wackelte, war früh abzusehen. Der Name des Vorstands für Marketing und Vertrieb machte als einer der ersten die Runde, als die Nachrichtenagentur Reuters im Juli über eine angebliche Personalrochade im Audi-Vorstand berichtete. Voggenreiter rückte zwar erst zum 1. November 2015, also nach Bekanntwerden des Abgasskandals, in den Vorstand auf. Doch mit seinem Ressort verantwortete er zwei wichtige Bereiche – die Außenwirkung des Unternehmens mit angekratztem Diesel-Image und den globalen Vertrieb, bei dem Audi zuletzt hinter Mercedes und BMW zurückgefallen war.




Besonders auf dem zweiten Gebiet ist sein Nachfolger gewandt: Bram Schot (56) ist ein Vertriebsspezialist. Der gebürtige Niederländer leitete über Jahre die Italien-Tochter von Mercedes-Benz, bevor er 2011 nach Wolfsburg wechselte. Bei VW war er zunächst für strategische Projekte im Vertrieb auf Konzernebene zuständig. Diesen Job hatte er allerdings nur kurz inne, weil er bereits im Folgejahr nach Hannover zu VW Nutzfahrzeuge entsandt wurde. Dort übernahm er das Vorstandsressort für Marketing und Vertrieb und erwarb sich im Marken- und Konzernvorstand ein so hohes Ansehen, dass man ihm jetzt den ungleich komplexeren Posten in Ingolstadt zutraut. Ob Schot nicht nur das nüchtern-zahlengetriebene Nutzfahrzeuggeschäft, sondern auch das emotional geladene Premium-Geschäft beherrscht, wird sich dann bald zeigen.

Schots Aufgaben: Ruhe hereinbringen – sowohl im Marketing, aber vor allem im Vertrieb. Dieser ist neben dem Dieselskandal die derzeit wohl größte Baustelle bei Audi. Die Verkäufe laufen nicht mehr so rund, von der Premiumspitze sind die Ingolstädter inzwischen ein gutes Stück entfernt. Das hat unterschiedlichste Ursachen, die nur bedingt mit dem Abgasskandal zusammenhängen. In den USA gehen die Verkäufe allgemein zurück, Audi verliert dort aber stärker als die Konkurrenz. Und der neue A4, als klassischer Dienstwagen das Rückgrat der Audi-Flotte, läuft nur schleppend. In beiden Fällen sind die Audi-Modelle offenbar im Gesamtpaket nicht attraktiv genug.




Dazu kamen hausgemachte Probleme aus der Zeit Voggenreiters: In China wollte Audi neben FAW mit SAIC ein zweites Joint-Venture aufbauen. Die Händler von FAW-Audi gingen ob der Aussicht, dass bald wenige Meter weiter ein Händler von SAIC-Audi um die chinesischen Käufer geworben hätte, auf die Barrikaden. Die Konzernmutter VW macht das schließlich schon seit Jahrzehnten so, mit Parallel-Produktion und Vertrieb über FAW und SAIC. Die mächtigen Händler von FAW-Audi, die fast 40 Prozent aller Audis weltweit verkaufen, zogen da nicht mit und bestellten in Ingolstadt einfach keine neuen Autos mehr. Der Streik sorgte für eine immense Absatz-Delle Anfang 2017. Inzwischen hat man sich zwar geeinigt, doch beruhigt sind die Fronten noch lange nicht. Klar ist: Wegen des Streits wird das laufende Jahr Audi sicher keinen neuen Rekord einbringen.



Ein neuer Vorstand saß im Audi-Aufsichtsrat


Produktionsvorstand Peter Kössler – der Umstrittene

Auch auf Produktionsvorstand Hubert Waltl wurde der Druck zuletzt immer größer – vor allem von den deutschen Mitarbeitern. Unter Waltl wurden einige unpopuläre Standort-Entscheidungen getroffen. Die zweite Generation des Audi Q5, als Mittelklasse-SUV global ein Bestseller, wird nicht mehr in Deutschland gebaut, sondern für alle Weltmärkte in dem neuen Werk in Mexiko. Die nächste Generation des kleinen A1 wird künftig nicht mehr in Brüssel von Audi-Mitarbeitern zusammengeschraubt, sondern bei Seat in Spanien. Da der A4 wie erwähnt nicht so gut verkauft wird und der Q5 fehlt, ist das Stammwerk in Ingolstadt nicht voll ausgelastet. Dennoch werden die ersten beiden Elektroautos der Marke nicht in Deutschland montiert, sondern im dafür freigeräumten Werk in Brüssel. Dafür gab es von vielen Seiten Kritik, auf einer Betriebsversammlung soll Betriebsratschef Peter Mosch dem Produktionsvorstand ungewöhnlich scharf den Kopf gewaschen haben.




Peter Kössler (58) kennt also die Baustellen, schließlich ist er selbst seit Jahren in der Audi-Produktion als Manager aktiv – von 2007 bis 2015 als Leiter des Werks Ingolstadt, seitdem Leiter von Audi Hungaria, wo neben vielen Motoren auch der Audi TT und zwei Varianten des A3 gebaut werden. Dennoch stand seine Berufung in den Vorstand bis zuletzt auf der Kippe: Einem von der Nachrichtenagentur Reuters zitierten Insider zufolge soll der Plan bei Wolfgang Porsche auf Missfallen gestoßen sein. Der mächtige Familienvertreter im Audi-Aufsichtsrat wollte offenbar einen anderen Kandidaten durchsetzen.

Der Punkt: Porsche und Kössler kennen sich, denn Kössler sitzt ebenfalls im Audi-Aufsichtsrat. Das große Aber: Kössler ist für die Arbeitnehmerbank in dem Kontrollgremium. Und das passt Wolfgang Porsche offenbar gar nicht, einen arbeitnehmernahen Manager auch noch als ausführendes Organ in den Vorstand zu befördern. Ob Wolfgang Porsche am Ende seine Meinung geändert oder lediglich den Widerstand aufgegeben hat, ist noch nicht bekannt.

Personalvorstand Wendelin Göbel – der Vertraute

Deutlich weniger umstritten ist die Personalie Wendelin Göbel. Der heute 53-Jährige ist bei Audi kein Unbekannter, intern zumindest. Denn nach außen ist er bislang nicht groß in Erscheinung getreten. Göbel kam vor fast 30 Jahren zu Audi und machte an der Seite von Martin Winterkorn Karriere. Die beiden waren so vertraut, dass „Wiko“ Göbel 2007 mit in die Konzernzentrale nach Wolfsburg nahm. Als Generalsekretär erarbeitete sich Göbel dort großes Ansehen und das Vertrauen vieler weiterer Konzerngrößen. Deshalb gelang es ihm auch, dem Diesel-Sog zu entkommen. Als Winterkorn im September 2015 gehen musste, blieb Göbel auf seinem Posten und arbeitete fortan eng mit dem Ex-Porsche-Chef Matthias Müller zusammen. Deshalb wurde Göbel im Vorfeld der Personalrochade oft als Vertrauter Müllers bezeichnet, obwohl er eigentlich ein Vertrauter Winterkorns war.




Einen der gröbsten Fehler seines Vorgängers Thomas Sigi wird der Konzern-Manager Göbel aber wohl kaum wiederholen: zu arbeitnehmernah aufzutreten. Offiziell ist die Begründung zwar nicht, aber laut einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ sei Sigi den Eigentümerfamilien Porsche und Piëch wohl zu „konziliant“ gegenüber den Arbeitnehmern gewesen. Als 2016 Nachtschichten gestrichen werden sollten (und damit lukrative Zuschläge für die Arbeiter), protestierte die Belegschaft. Sigi und auch Produktionsvorstand Waltl gaben nach – und ließen von den Plänen ab.



Alle Neuen haben den Konzern-Stallgeruch


Wie hart Göbel an dieser Baustelle jetzt vorgehen wird, bleibt abzuwarten. Schließlich muss er sich als erfolgreicher Manager der zweiten Reihe auf einem Vorstandsposten noch bewähren. Mit dem Rückhalt von Müller, den Eigentümerfamilien und auch Audi-Chef Stadler könnte er aber auch durchgreifen, gegen den Widerstand der Arbeitnehmer. In Wolfsburg setzt man große Hoffnungen in ihn, Kreise beschreiben ihn als integren, loyalen und zuverlässigen Manager. Aber auch als ruhenden Pol – also genau das, was Audi derzeit gut gebrauchen kann.




Finanzvorstand Alexander Seitz – der Zahlenmensch

Warum Finanzvorstand Axel Strotbek gehen muss, ist immer noch ein Rätsel. Offiziell hat sich bei Audi dazu niemand geäußert. Strotbek folgte 2007 auf Stadler als Finanzvorstand, als dieser den nach Wolfsburg gewechselten Winterkorn an der Audi-Spitze beerbte. Zusammen hat das Duo Audi an die Spitze des Premium-Segments geführt und die Marke mit den vier Ringen zum wichtigsten Gewinnbringer innerhalb des VW-Konzerns gemacht. Die Finanzzahlen stimmen, womöglich hat aber Strotbek das Unternehmen zu lange auf die gute wirtschaftliche Lage ausgerichtet und zu wenig für schwerere Zeiten vorgesorgt. Zugleich ist der studierte Wirtschaftsingenieur aber auch Vorstand für IT und Integrität – gerade im letzten Bereich sah Audi in der Dieselaffäre schlecht aus.

Sein Nachfolger ist wie alle anderen Neuzugänge ein Manager mit Stallgeruch. Alexander Seitz (56) hat viel VW- und Auslandserfahrung. Er war unter anderem Beschaffungsvorstand bei Volkswagen do Brasil. Derzeit ist er Statthalter bei Volkswagen-SAIC – also einem der beiden VW-Ableger in China. Bei Audi ist Seitz bislang nicht in Erscheinung getreten, hat sich aber im Konzern für höhere Aufgaben empfohlen.



KONTEXT

Verlorene Freunde und neue Gegner für Audi-Chef Rupert Stadler

Martin Winterkorn – Verschwundener Verbündeter

Der Ex-VW-Chef stolperte über den Abgasskandal.

Ferdinand Piëch – Verschwundener Verbündeter

Der frühere VW-Aufsichtsratschef spielt keine große Rolle mehr.

Ulrich Hackenberg – Verschwundener Verbündeter

Einst gefeierter Audi-Technikchef, jetzt tief im Skandalsumpf.

Jörg Hofmann – Neuer Widersacher

Der IG-Metall-Chef verlangt als VW-Aufsichtsrat eine zügige Skandalbewältigung.

Matthias Müller – Neuer Widersacher

Der VW-Chef verliert die Geduld mit Stadler.

Stephan Weil – Neuer Widersacher

Dem Ministerpräsidenten Niedersachsens liegt Wolfsburg näher als Ingolstadt.