„Dieses Land braucht einen Neuanfang“: So tickt Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock, die im Herbst Angela Merkel beerben will

Christiane Rebhan
·Lesedauer: 5 Min.
Die Grünen-Chefin Annalena Baerbock soll Kanzlerkandidatin der Grünen werden
Die Grünen-Chefin Annalena Baerbock soll Kanzlerkandidatin der Grünen werden

Wie bei keiner anderen Partei in Deutschland gilt bei den Grünen "ladies first" – diesem Erstzugriffsrecht der weiblichen Parteimitglieder bleiben sie sogar bei der Wahl ihrer Spitzenkandidatin treu. Grünen-Chefin Annalena Baerbock führt die Umweltpartei in den Bundestagswahlkampf. Nach dem 26. September könnte die 40-Jährige Bundeskanzlerin werden, in dem nicht unwahrscheinlichen Fall, dass eine Ampelkoalition mit SPD und FDP zu Stande kommt.

"Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass dieses Land einen Neuanfang braucht", sagte Baerbock am Montag in Berlin. Sie wolle eine Politik anbieten, die vorausschaue.

Viele hatten im Vorfeld versucht, Baerbock die Eignung für dieses exponierte Amt abzusprechen. Zu jung, keine Regierungserfahrung, hieß es. Doch Baerbock selbst sagte im Interview mit der "Bild am Sonntag": "Ich traue mir das Kanzleramt zu", weil sie für schwierige Herausforderungen, wie den Klimaschutz und den Umgang mit der Coronakrise, das Wissen, die Verantwortung und die Leidenschaft mitbringe. Annalena Baerbock ist Mutter zweier Töchter im Grundschulalter. Sie sagt: "Für mich gilt: Frauen und Mütter müssen in diesem Land jeden Job machen können." Ein Blick ins Ausland kläre auf, sagte Baerbock – und verweist auf die neuseeländische Regierungschefin Jacinda Ardern (40) und Kanadas Premierminister Justin Trudeau (49). "Wenn’s in Neuseeland bei der Premierministerin mit kleinen Kindern funktionieren kann oder bei dem kanadischen Premierminister, dann sollte das auch in Deutschland funktionieren können."

Für das Wohl des Volkes will sich die 40-Jährige selbst zurücknehmen

Dem Vorwurf der mangelnden Regierungserfahrung konterte sie stets damit, dass drei Jahre als Parteichefin, Abgeordnete und Mutter kleiner Kinder stählen. Der Spiegel ergriff Partei für sie und stellte die Frage in den Raum: Wäre Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, der genauso jung ist wie Baerbock, der bessere Kanzler, weil er bereits drei Jahre Staatssekretär und drei Jahre Bundesgesundheitsminister war? Der Autor kommt zum Schluss: "Zweifel sind erlaubt."

Auch schon bekannt ist, was nach Baerbocks Meinung zu einer guten Kanzlerin gehört: Die Person müsse den weiten Blick haben und tiefe Kenntnis. Die gebürtige Niedersächsin will Politik nicht nur mit dem Kopf machen, sondern auch mit dem Herzen. Außerdem gehöre – ganz Vorbild Merkel – die Bereitschaft dazu, sich selbst zurückzunehmen, und sich "gleichzeitig mutig den großen Herausforderungen stellen".

Doch woher kommt Baerbock und wofür tritt sie ein? Die Hannoveranerin wuchs als Tochter einer Sozialpädagogin und eines Maschinenbauingenieurs zusammen mit zwei Schwestern und zwei Cousinen auf einem Bauernhof in Pattensen bei Hannover auf. Baerbock ist mit dem Politikberater und PR-Manager Daniel Holefleisch (* 1973) verheiratet. Die Familie lebt in Potsdam. Sie sagt über sich selbst, dass sie nicht gläubig, aber getauft ist. Sie geht mit ihren Kleinen in den Kindergottesdienst, sagte sie der "Bild am Sonntag". Nach dem Abitur studierte Baerbock zunächst von 2000 bis 2004 Politikwissenschaft und öffentliches Recht an der Uni Hamburg, danach von 2004 bis 2005 Völkerrecht in London. Beinahe hätte sie sogar promoviert.

Sozialpolitische Themen beackert sie ebenso wie Außenpolitik

Was sind ihre politischen Schwerpunkte? Über Baerbock heißt es, sie sei in vielen Themen sattelfest – mehr als Habeck – und wenn nicht, erarbeitet sie sich den Stoff. Zum Beispiel telefoniert sie vor wichtigen öffentlichen Auftritten häufig mit den Fachpolitikern ihrer Partei, um die Fakten zu kennen. Während der Corona-Pandemie tat sie sich immer wieder als Sozialpolitikerin hervor. Unter anderem griff sie wiederholt die Themen Schulen und Nachhilfe auf. Auch aus eigener Erfahrung, wenn die Doppelbelastung aus Arbeit und Homeschooling "wieder voll zuschlägt" . Das schultere dann überwiegend ihr Mann, sagte Grünen-Chefin.

Baerbock will bei einer Regierungsbeteiligung ihrer Partei im Bund schnell einen Rechtsanspruch auf einen Frauenhausplatz einführen, sagte sie der "Bild am Sonntag".

Als die USA von Deutschland höhere Verteidigungsausgaben und mehr militärisches Engagement forderte, machte die Grünen-Chefin sich für eine bessere Ausrüstung der Bundeswehr stark und zeigt sich offen für neue Auslandseinsätze. Sie stimmt gar dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron zu, der für eine souveräne europäische Verteidigungspolitik eintritt. Nach ihrem Auslandsstudium war die Niedersächsin eine Zeit lang Referentin für Außen- und Sicherheitspolitik für die Grüne Bundestagsfraktion.

Die typischen Grünen Themen wie Umwelt- und Klimaschutz will sie angehen und sich dabei ein offenes Ohr für Skeptiker behalten. Im Werben für einen sozial-ökologischen Umbau der Gesellschaft forderte die Grünen-Chefin ein "Veränderung, Innovation und Bewegung sind nicht für alle eine Verheißung, sondern für viele auch eine Zumutung", sagte Baerbock bei einem Grünen-Parteitag. Für ehrgeizige Ziele brauche es "Mehrheiten, eine grundsätzliche Akzeptanz und die Bereitschaft der Menschen mitzumachen."

Baerbock gilt als die stabilere Kandidatin

Die "Zeit" zitierte einen nicht genannten Grünen jüngst mit der Einschätzung: "Mit Annalena als Spitzenkandidatin
landen wir zwischen 17 und 19 Prozent. Mit Robert zwischen 14 und 24 Prozent." Heißt: Die Entscheidung für Habeck hätte sowohl mehr Chance als auch mehr Risiko mitgebracht. Wie stehen also ihre Chancen? Unter den Anwärterinnen und Anwärtern von Union und Grünen auf das Kanzleramt gelten Markus Söder (CSU) und Annalena Baerbock (Grüne) einer Umfrage zufolge am ehesten als führungsstark und tatkräftig. Das Meinungsforschungsinstitut YouGov hatte dazu 1637 Personen befragt. 30 Prozent der Leute schätzen sie als tatkräftig ein. Bei der Sympathie der Wählerinnen und Wähler liegen beide Grünen-Chefs mit 49 Prozent gleichauf; 42 Prozent halten Baerbock für klug und verständig. Nun muss sie diesen Vertrauensvorschuss einlösen.