Kaum hat er sich bewiesen, könnte es auch schon wieder vorbei sein: In seinen letzten Tagen als Außenminister zeigt Sigmar Gabriel noch einmal, was in ihm steckt.

Kaum hat er sich bewiesen, könnte es auch schon wieder vorbei sein: In seinen letzten Tagen als Außenminister zeigt Sigmar Gabriel noch einmal, was in ihm steckt.


Gewohnt eloquent, gewohnt selbstbewusst gewohnt forsch: „Diese Partei hat noch nie gegen das Interesse des Landes gehandelt“, sagte Sigmar Gabriel - und schickte ein Grinsen hinterher. Die Zuhörer staunten nicht schlecht angesichts dieser demonstrativen Gewissheit. Was der geschäftsführende Außenminister damit eigentlich meinte: Der Koalitionsvertrag würde mit Sicherheit eine Mehrheit bei der SPD-Mitgliederbefragung bekommen.

Laut Umfragen zeichnet sich aber allenfalls eine knappe Mehrheit für den Vertrag und damit für eine Fortsetzung der Großen Koalition ab – wenn überhaupt. Das Ergebnis liegt am Sonntag vor.

Gabriel blieb sich einmal mehr treu an diesem Mittwochabend bei der Handelsblatt-Veranstaltung „Asia Business Insights“ in Düsseldorf. Jeder im Saal wusste, dass der ehemalige SPD-Chef nur dann eine Chance hat sein inzwischen geliebtes Amt an der Spitze des Auswärtigen Amts zu behalten, sollten die Sozialdemokraten für diesen umstrittenen Koalitionsvertrag stimmen.


Und selbst dann sind seine Chancen eher gering. Sein politisches Schicksal liegt in den Händen des derzeitigen Interims-Parteichefs Olaf Scholz und seiner wahrscheinlichen Nachfolgerin Andrea Nahles. Inzwischen ist es kein Geheimnis mehr, dass das Verhältnis der beiden zu Gabriel belastet ist. Und so zeigt er in diesen Tagen, die seine letzten sein könnten als Chefdiplomat, noch einmal, was in ihm steckt.

Er sprach über die große Geopolitik. Über Donald Trump, der das zerstöre, was die „Amerikaner in mühsamer Arbeit 70 Jahre lang aufgebaut hätten, jene multilaterale Weltordnung also, von der selbstverständlich auch die Vereinigten Staaten profitierten, und sei es nur, um nicht ein drittes Mal in einen Weltkrieg eingreifen zu müssen“. Er sprach über China, „das seine Chance nach dem Rückzug der USA nutze, um sein autokratisches Modell als globale Systemalternative anzubieten“.

Und schließlich dozierte Gabriel über sein Lieblingsthema Europa, den alten Kontinent, der nicht fähig zur Einigkeit sei und sich tragischerweise von der „Weltbühne verabschiede“ — trotz seines großen Potenzials.

Der Vortrag des Außenministers war eine Lehrstunde in Realpolitik. Auch in der anschließenden Befragung durch Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe gab Gabriel den Kissinger, jenen legendären US-Außenminister, der die Gesinnungsethik aus der Diplomatie verbannte, und an deren Stelle eine konsequente Verantwortungsethik oder eben „Realpolitik“ setzte.


Nicht das Normative sei entscheidend, sondern die Interessen: „Das Problem ist nicht, dass China eine Strategie hat, das Problem ist, dass man sich fragen muss: Wo ist unsere?“ Oder weiter: „Wir brauchen keine Strategie, die sich gegen China richtet, aber wir brauchen eine, die uns hilft, für unsere Interessen zu kämpfen, so Gabriel.

Den jüngsten Einstieg des chinesischen Autokonzerns Geely bei Daimler etwa hält er nicht für bedrohlich, sondern sieht sogar eine Chance darin. „Wenn ich Daimler wäre, würde ich mir Gedanken darüber machen, ob es nicht hilfreich ist, wenn ein chinesischer Verbündeter an Bord käme“, sagte Gabriel. Es gebe in Kalifornien Firmen wie Google oder Tesla, die sich vorgenommen hätten, Deutschland die Position als Autoland Nummer eins auf dem Globus streitig zu machen. Denn das sogenannte Smartphone auf Rädern, das die Amerikaner derzeit entwickelten, sei eine ernst zu nehmende Gefahr für die deutsche Autoindustrie.

Insgesamt sieht Gabriel die chinesischen Engagements bei deutschen Unternehmen gelassen. Wenn man vergleiche, was die Deutschen in China investierten, seien die hiesigen Investitionen der Chinesen doch recht überschaubar. „Entscheidend ist doch, dass es fair zugeht, dass es für deutsche Unternehmen die gleichen Zugangsmöglichkeiten zum chinesischen Markt gibt wie umgekehrt“, sagte Gabriel. Und das sei nicht der Fall, dafür müsse Europa kämpfen.


„Natürlich wird die Welt unbequemer - auch für Europa“, sagt Gabriel. Ein Grund mehr für ihn, endlich die europäische Einigung voranzutreiben, so wie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron es wolle. „Europa bedeutet kein Souveränitätsverlust, wie viele EU-Mitgliedsstaaten behaupten“. Das Gegenteil sei der Fall: „Nur Europa kann deren Souveränität bewahren.“

Überhaupt diese Verzagtheit der Europäer: wo sie Probleme sähen, entdecken andere Chancen. „Beim Blick nach Afrika zum Beispiel - Europa sieht Probleme, denke nur an Flüchtlinge. Für China dagegen stelle Afrika eine Chance dar. Gabriel redet zügig, aber ohne Hast. Weiß auf jede Frage eine ebenso passende wie präzise Antwort. USA, Russland, Türkei, China und wieder zurück zum abtrünnigen großen Bruder auf der anderen Seite des Atlantiks.

Es ist erstaunlich, wie schnell er, der von seinem Naturell alles andere als ein Diplomat ist und über Jahrzehnte überwiegend innenpolitisch geprägt wurde, sich zu Hause fühlt in der ebenso großen wie komplexen Welt der Außenpolitik.

Wahrscheinlich ist es dieser Mix aus einer gewissen Hybris, einem lockeren Mundwerk und einer kleinen Überdosis Eitelkeit, die den wahrscheinlich talentiertesten Politiker unter den Sozialdemokraten dann doch so oft Scheitern ließ - zuletzt als Parteichef und am Ende möglicherweise auch als Außenminister.