Atomwaffengegner erhalten Nobelpreis


Der Friedensnobelpreis 2017 geht an die Internationale Kampagne gegen Atomwaffen, ICAN. Die Organisation erhält den Preis, weil „sie die Aufmerksamkeit auf die katastrophalen humanitären Folgen jeglichen Gebrauchs von Atomwaffen“ gelenkt hat, heißt es in der Begründung des Nobelkomitees in Oslo. ICAN ist eine Dachorganisation für rund 450 Gruppen aus 100 Ländern, die sich für Abrüstung einsetzen. Der Name der Organisation ist eine Abkürzung für International Campaign to Abolish Nuclear Weapons.
„Wir leben in einer Welt, in der die Gefahr, dass Atomwaffen benutzt werden, größer als seit Langem geworden ist“, schreibt das Komitee in der Begründung. „Einige Staaten modernisieren ihre Arsenale, und es besteht eine realistische Gefahr, dass weitere Länder auf nukleare Waffen setzen, wie beispielsweise Nordkorea“, heißt es weiter. Und das norwegische Nobelkomitee forderte die Atommächte auf, „ernsthafte Verhandlungen“ über die Vernichtung von rund 15 000 Atomwaffen in der Welt zu starten, erklärte die Vorsitzende des Nobelkomitees, Berit Reiss-Andersen.

In einem ersten Kommentar bezeichnete die ICAN-Chefin Beatrice Fihn die Ehrung ihrer Organisation als „unglaublich“. Die 34-jährige hatte nicht mit der wichtigsten politischen Auszeichnung gerechnet. „Wow, ich bin geschockt, das ist phantastisch. Welch eine Ehre“, sagte sie. Schwedens Außenministerin Margot Wallström zeigte sich zufrieden mit der Wahl von ICAN. „Es ist hochverdient und an der Zeit“, sagte sie in Stockholm.

Auch aus Berlin kamen positive Reaktionen. Deutschland unterstütze den Gedanken an eine Welt ohne Atomwaffen, erklärte ein Regierungssprecher in Berlin und gratulierte dem norwegischen Nobelkomitee für die Entscheidung. Auch die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini, die selbst zu den Favoritinnen für den diesjährigen Friedensnobelpreis gehörte, zeigte sich zufrieden. „Gut zu sehen, dass der Nobelpreis 2017 an @nuclearban geht“, twitterte sie.


Unter der Leitung der Schwedin Beatrice Fihn organisiert die Organisation von Genf aus ihren Arbeit für Abrüstung. Die Organisation ist noch recht jung, sie wurde erst vor zehn Jahren gegründet. Seitdem setzt sich ICAN für Abrüstung ein und erreichte im Juli dieses Jahres, dass 122 Staaten einen Vertrag gegen Atomwaffen unterzeichneten. Das Abkommen verbietet Herstellung, Besitz, Einsatz und Lagerung von nuklearen Waffen. Allerdings sprachen sich die neun Atommächte und weitere Staaten, darunter Deutschland, gegen das Abkommen aus. Unter anderem weisen sie darauf hin, dass das Abkommen nicht mit der Mitgliedschaft im Nordatlantischen Verteidigungsbündnis vereinbar sei.

In diesem Jahr musste das Osloer Nobelkomitee unter 318 Vorschlägen auswählen. Die Frist, bis zu der ehemalige Friedensnobelpreisträger, Parlamentarier, Regierungsmitglieder und Wissenschaftler ihre Kandidatenvorschläge einreichen konnten, endete am 1. Februar dieses Jahres. Seitdem haben sich die Mitglieder des Osloer Nobelkomitees mehrere Male getroffen, um zusammen mit externen Beratern die Liste auf rund zehn Namen zusammenzustreichen. Wer auf der Liste steht, ist eines der bestgehütetsten Geheimnisse in der norwegischen Hauptstadt. Alle Namen von Einzelpersonen oder Organisationen, die in den Medien kursierten, beruhten auf Spekulationen, beziehungsweise auf Angaben von den Personen, die Kandidaten vorschlagen dürfen.

Zu den Favoriten zählten in diesem Jahr die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini, der iranische Außenminister Javad Zarif und der ehemalige US-Außenminister John Kerry. Sie hatten 2015 die Verhandlungen zum Atomabkommen mit dem Iran maßgeblich organisiert.


Deutschland hält an Atomwaffen fest


Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen gehörte ebenso wie die syrischen Weißhelme zu den Favoriten. Der kongolesische Arzt Denis Mukwege und der im deutschen Exil lebende türkische Journalist Can Dündar galten ebenfalls als Topkandidaten. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Papst Franziskus wurden immer wieder als mögliche Preisträger genannt. Im vergangenen Jahr wurde der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santas für „seinen resoluten Einsatz, um den mehr als 50-jährigen Bürgerkrieg in seinem Land zu beenden“ ausgezeichnet.
Die Bundesregierung übermittelte ebenfalls ihre Glückwünsche, hält aber dennoch an der atomaren Abschreckung fest. „Die Bundesregierung unterstützt das Ziel einer Welt ohne Atomwaffen“, sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer am Freitag in Berlin. „Wir müssen allerdings anerkennen (...), dass von einigen Staaten nukleare Waffen nach wie vor als ein Mittel militärischer Auseinandersetzung betrachtet werden.“ Solange dies der Fall sei und Deutschland und Europa hiervon bedroht seien, bestehe die Notwendigkeit einer atomaren Abschreckung durch die Nato fort.

Demmer antwortete damit auf die Frage, warum Deutschland zwar das Ziel einer atomwaffenfreien Welt unterstütze, aber eine Teilnahme an den UN-Verhandlungen über ein verbindliches Verbot von Atomwaffen im Sommer verweigerte. Zu den US-Atomwaffen, die auf einem Stützpunkt in Büchel lagern, wollte sich die Sprecherin nicht äußern. Das Thema unterliegt der Geheimhaltung. Die amerikanischen Waffen dienen der sogenannten nuklearen Teilhabe Deutschlands innerhalb der Nato. Im Kriegsfall würden sie von deutschen Tornado-Kampfjets ins Ziel getragen. Deutschland selbst besitzt keine Atomwaffen.


Mit der Bekanntgabe des Friedensnobelpreises geht der diesjährige Nobelreigen zu Ende. Am Montag wird zwar noch der Wirtschaftspreisträger bekanntgegeben, doch dieser Preis ist kein richtiger Nobelpreis. Der Wirtschaftspreis wurde erst 1968 von der Schwedischen Zentralbank gestiftet und wird seit 1969 vergeben. Sein offizieller Name lautet „Preis der Schwedischen Reichsbank zum Andenken an Alfred Nobel“. Der Wirtschaftspreis hat unter allen Nobelpreisen eine Sonderstellung, denn der Preisstifter, der schwedische Industrielle und Erfinder des Dynamits Alfred Nobel, hatte in seinem Testament keinen Wirtschaftspreis vorgesehen und war auch äußerst negativ gegenüber Ökonomen eingestellt.

In den vergangenen Jahren hatten deshalb mehrfach einige Nachfahren von Alfred Nobel versucht, die Preisvergabe unter Hinweis auf das Testament zu stoppen.
Dotiert sind die Auszeichnungen in diesem Jahr mit neun Millionen Kronen, rund 933 000 Euro. Sie werden am 10. Dezember, dem Todestag von Alfred Nobel, in Stockholm und Oslo überreicht.