Ein Astrophysiker will den Traum von sauberer Energie wahrmachen


Blauer Pazifik, geschwungene Hügel, strahlende Sonne – Michl Binderbauer wandert gern durch die Landschaft im Süden von Los Angeles. Wenn er mit seinen zwei jungen Kindern durch den Limestone Canyon Park, zu den Ortega-Wasserfällen oder auf den Palomar Mountain läuft, überkommt ihn ein „Gefühl der Bestimmung“. Diese Naturschönheit müsse erhalten bleiben, sagt er, das sei „ein grundlegendes und existenzielles Problem“.

Jeden Tag arbeitet der Astrophysiker an der Lösung, wie er glaubt: „Unsere Kinder könnten als erste Generation ohne Umweltverschmutzung leben.“

Der Physiker arbeitet bereits seit seinem Studium an diesem Traum. Und er kommt ihm jetzt einen großen Schritt näher. Der 49-Jährige ist nun Chef des Start-ups TAE Technologies. TAE verfügt bereits heute über prominente Investoren wie den Staatsfonds von Kuwait, die Rockefeller-Familie oder Paul Allen, den Mitgründer von Microsoft.

Seit der Ernennung von Binderbauer ist auch der frühere Vorstandschef von General Electric, Jeffrey Immelt, in den Verwaltungsrat eingezogen. In dem Gremium sitzt bereits der ehemalige US-Energieminister und Nuklearphysiker Ernest Moniz, geführt wird der Verwaltungsrat vom bekannten Hedgefonds-Manager Arthur Samberg.

In zehn Jahren den ersten Reaktor

Das Geschäftsmodell von TAE ist vor allem ein großes Versprechen. Das kalifornische Start-up will schon in zehn Jahren den ersten Reaktor auf den Markt bringen, der mit Fusionsenergie saubere, preiswerte und unbegrenzte Energie erzeugt. Hinter dem Projekt steckt auch eine Partnerschaft mit Google. Der Konzern durchkämmt mit Software und künstlicher Intelligenz die ungeheuren Datenmengen aus der TAE-Versuchsanlage.

„Mit Google erhalten wir Ergebnisse aus Experimenten in Wochen, nicht mehr Monaten“, sagte der frühere CEO von TAE, Dale Prouty, der die Partnerschaft mit Google eingefädelt hat.

Gelingt es Binderbauer, seine Ziele einzuhalten, dann würden sich viele Umweltprobleme buchstäblich in Luft auflösen: Bei dem Reaktor fallen so gut wie keine Abgase an. Treibhausgase und globale Erwärmung würden der Vergangenheit angehören. Auch entsteht bei dem TAE-Reaktor im Gegensatz zur Kernenergie kein langlebiges radioaktives Material.

Allerdings sind solche luftigen Versprechungen nicht neu. Mit der Verschmelzung von Atomkernen Energie zu gewinnen, das beschäftigt die Forscher seit vielen Jahrzehnten. Ihr Vorbild: die Sonne – in deren Innerem ein beständiges Fusionsfeuer brennt. Aber die Bedingungen auf der Erde nachzuvollziehen ist schwer. Die technischen Probleme seien immens, die Herstellung eines Reaktors sei zu teuer.

600 Millionen Dollar durch Fundraising

„In 100 Jahren schafft es TAE vielleicht, aber nicht in einem Jahrzehnt“, urteilt Daniel Jassby, der als Astrophysiker viele Jahrzehnte an der Eliteuniversität Princeton zur Kernfusion forschte. Solche Zweifel kennt Binderbauer: „Wir haben bislang alle Meilensteine erfüllt, die wir mit unseren Investoren vereinbart haben“, sagt der gebürtige Österreicher.

„Ohne Frage stehen wir vor hohen Herausforderungen, es gibt keine Garantien – aber mit hoher Wahrscheinlichkeit werden wir unsere Ziele erreichen.“ Insgesamt sammelte die Firma in vielen Fundraising-Runden in den vergangenen 15 Jahren 600 Millionen Dollar ein.
„Nichts gegen Princeton, aber in der privaten Wirtschaft arbeiten wir einfach schneller“, sagt Binderbauer. Auch verweist er auf den hochrangigen Wissenschaftsbeirat von TAE, der sich zweimal im Jahr trifft und in dem Nobelpreisträger und andere bekannte Physiker sitzen. Sie setzen auf TAE, aber an Fusionsenergie arbeiten auch andere Firmen mit prominenter Unterstützung.


Das Unternehmen Commonwealth Fusion Systems ist eine Ausgründung der Eliteuniversität MIT und erhielt von wenigen Monaten 50 Millionen Dollar vom Energiekonzern Eni. Der italienische Energieversorger will 2033 einen Fusionsreaktor ans Netz bringen. Der deutschstämmige prominente Investor Peter Thiel hat sich beim TAE-Konkurrenten Helion Energy engagiert, Amazon-Gründer Jeff Bezos beim kanadischen Start-up General Fusion.

Binderbauer forscht seit mehr als drei Jahrzehnten an der Fusionsenergie, davon lange Jahre als Technikchef von TAE. Schon als Student arbeitete er mit Professor Norman Rostoker in der University of California Irvine, einem der Pioniere der Fusionsenergie. Zusammen mit anderen gründeten sie 1998 TAE, das damals noch Tri Alpha Energy hieß.

Das erste Geld kam von Freunden und Familienangehörigen, erst später kamen Paul Allen mit Vulcan Capital, Goldman Sachs oder die Rockefeller-Familie als Geldgeber hinzu.

Die Investoren ließen sich von TAE begeistern, weil das Unternehmen einen neuen Weg in der Fusionsenergie beschreitet. Bei internationalen Forschungsprogrammen wie ITER in Südfrankreich oder Wendelstein 7-X in Mecklenburg-Vorpommern vom Max-Planck-Institut werden die beiden Wasserstoffsorten Deuterium und Tritium verwendet.


Dabei entsteht ein Helium-Kern, außerdem wird ein Neutron frei sowie große Mengen nutzbarer Energie. Das Problem dieses Weges: Tritium kommt in der Natur nicht vor und wird bislang aus angereichertem Kühlwasser von Kernkraftwerken gewonnen und ist radioaktiv. Der Princeton-Physiker Jassby warnt vor „hohen Volumen von radioaktivem Abfall“.

Das Problem umgeht TAE, indem es Wasserstoff und Bor verwendet. Allerdings ist dabei die Kernfusionsreaktion viel schwerer umzusetzen. Zum Beispiel werden dafür extrem hohe Temperaturen von drei Milliarden Grad Celsius benötigt. Aber schon Mitte der 2020er-Jahre will TAE einen ersten Versuchsreaktor herstellen, der sich in der Leistung im Bereich von 350 bis 500 Megawatt bewegt und möglicherweise in Kuwait stehen könnte.

In dieser Branche braucht man Erfahrung

Der Staatsfonds aus dem arabischen Land sieht sein Investment in TAE als einen Schritt, sich auf eine Zukunft ohne Erdöl vorzubereiten.

Binderbauer hat das Unternehmertum in die Wiege gelegt bekommen. Er wuchs umgeben von Weinbergen in einem kleinen Dorf in der Nähe von Wien auf. Sein Vater gründete in Österreich erfolgreich zwei Firmen, um in den 1980er-Jahren sein Glück in Texas zu versuchen. Noch heute stellt die US-Firma Germstar Desinfektionsmittel vor allem für Kreuzfahrtschiffe her, Binderbauers Mutter führt heute die Geschäfte.

Mit 16 Jahren kam Binderbauer in die USA, machte 1996 seinen Doktor an der University of California in Irvine in Plasmaphysik. Bis heute besitzt er keinen amerikanischen Pass, nur die „Greencard“ mit einer Aufenthaltsgenehmigung. „Es war einfach zu viel zu tun“, sagt der Österreicher verschmitzt. Sein Aufstieg zum Vorstandschef komme übrigens zur richtigen Zeit, scherzt er.

Anders als im Silicon Valley sei Jugendlichkeit in seiner Branche kein Plus. „Ich habe erst seit Kurzem genügend graue Haare, um in der konservativen Energiebranche ernst genommen zu werden.“