Asien schiebt sich beim Risikokapital erstmals vor USA

43 Milliarden Dollar haben Risikokapitalgeber im zweiten Quartal weltweit investiert. 931 Millionen Dollar entfallen auf Deutschland, mehr als die Hälfte auf zwei Unternehmen.


Fast sechzig Jahre ist es her seit Laurance Rockefeller, Enkel des Öl-Tycoons John Rockefeller, Risikokapital in das Chip-Startup Fairchild Semiconductor steckte und damit sowohl die Halbleiterindustrie im Silicon Valley als auch die Wagniskapitalbranche begründete. Seitdem waren die USA stets Spitzenreiter beim Investieren von Anschubkapital in Jungunternehmen, setzten im Jahr 2000 einen bislang unübertroffenen Rekord mit 100 Milliarden Dollar, was heute ungefähr 142 Milliarden Dollar entspricht.

Nun hat sich bei diesem wichtigen Standortfaktor erstmals Asien an die Spitze gesetzt. Laut der aktuellen Wagniskapitalstudie von PwC und CB Insights wurden in Asien im zweiten Quartal 19,3 Milliarden Dollar investiert, vornehmlich in China. Die USA folgte mit 18,8 Milliarden Dollar.

Mit weitem Abstand dahinter liegen die Europäer mit insgesamt 4,4 Milliarden Dollar, wovon allein 937 Millionen Dollar nach Deutschland flossen. Weltweit wurden im zweiten Quartal rund 43 Milliarden Dollar in über 2000 Unternehmen gesteckt.


„Von jedem international investierten Dollar flossen 45 Cent nach Asien, was den Aufstieg der asiatischen Wagniskapitalbranche verdeutlicht“, hebt PwC-Manager Suneet Dua hervor, einer der Autoren der Studie. Und auch bei dem Trend, dass das meiste Geld mittlerweile in einige wenige besonders prominente Jungunternehmen strömt, setzt Asien neue Akzente. Das Überrunden der USA gelang vor allem, weil allein 5,5 Milliarden Dollar in den Taxi-Betreiber Didi Chuxing investiert wurden, der im vergangenen Jahr das einstige Vorbild Uber aus dem chinesischen Markt verdrängte. Es ist die höchste Wagniskapitalsumme, die jemals auf einen Schlag von einem Jungunternehmen eingesammelt wurde.

Trump wirft Sand ins Getriebe

Auch wenn die USA auf Jahressicht die Spitze beim Wagniskapital verteidigen werden, bleibt Asien den Amerikanern dicht auf den Fersen - zumal sich unter US-Präsident Trump die Bedingungen für die Technologiebranche weiter verschlechtern. Nachdem er bereits härtere Visa-Auflagen für ausländische Talente angekündigt wurden, hat Trump nun ein Spezialprogramm für ausländische Gründer auf Eis gelegt, das eigentlich nächste Woche in Kraft treten sollte. Die in den letzten Amtstagen von Barack Obama auf den Weg gebrachte Verordnung hätte ausländischen Gründern beim Nachweis von mindestens 150.000 Dollar Wagniskapital ein Arbeitsvisa von bis zu fünf Jahren gewährt.


Besonders das Silicon Valley profitiert von der Zuwanderung ausländischer Experten, rund 66 Prozent aller Ingenieure im Hightech-Tal sind im Ausland geboren. So wie der Deutsche Andreas von Bechtolsheim, der 1977 ins Silicon Valley zog, dort den Computerhersteller Sun Microsystems mit aus der Taufe hob und 1998 Larry Page und Sergey Brin das Anschubkapital zum Gründen von Google gab. 

Noch lassen sich Investoren von der neuen Washingtoner Wirtschaftspolitik nicht beirren. Die 18,8 Milliarden Dollar im zweiten Quartal lagen zwar 1,6 Milliarden Dollar unter denen des Vorjahreszeitraums, aber beachtliche vier Milliarden Dollar über dem Wert vom ersten Quartal 2017. Wie immer heimste dabei Kalifornien mit 8,8 Milliarden Dollar den Löwenanteil ein, gefolgt von New York mit 2,7 Milliarden Dollar. Fast das gesamte Geld in Kalifornien fließt nach San Francisco (4,1 Milliarden Dollar) sowie ins angrenzende Silicon Valley (3,6 Milliarden Dollar).  

Top-Dollars für etablierte Start-ups

Der härte Ton aus Washington schlägt sich allerdings auch deshalb nicht in den Zahlen nieder, weil mittlerweile fast 80 Prozent des Wagniskapitals an bereits etablierte Startups gehen. Nur 22 Prozent gingen in frisch gegründete Unternehmen, ein neuer Negativrekord. Dafür wird bei den sogenannten Unicorns – Startups, die von ihren Investoren auf mindestens eine Milliarde Dollar bewertet werden - weiter kräftig draufgesattelt. Das meiste Geld mit 600 Millionen Dollar sackte im zweiten Quartal der Fahrdienstleister und Uber-Konkurrent Lyft aus San Francisco ein. Mit einer halben Milliarde Dollar folgte auf Rang zwei das Chicagoer Unternehmen Outcome Health, das die Daten von Patienten analysiert. Rang drei ging mit 485 Millionen Dollar an das New Yorker Medienunternehmen Group Nine Media, an dem der Axel Springer Verlag beteiligt ist.




Europäische Gründer können von solchen Summen nur träumen. 4,4 Milliarden Dollar wurden laut PwC und CB Insights im zweiten Quartal in europäische Jungunternehmen gesteckt, 1,4 Milliarden Dollar mehr als im Vorjahreszeitraum. Auch hier dominieren einige wenige Unternehmen. Das meiste Geld floss in den Londoner VR-Spezialisten Improbable (502 Millionen Dollar), die Berliner Lieferfirma Delivery Hero (423 Millionen Dollar) sowie den Londoner Online-Händler FarFetch (397 Millionen Dollar).

937 Millionen Dollar wurden im zweiten Quartal in Deutschland investiert, über die Hälfte davon in zwei Unternehmen – Delivery Hero und den Finanzdienstleister Kreditech (120 Millionen Dollar). Die Summe ist ein neuer Rekord, im Vorjahreszeitraum waren es 481 Millionen Dollar.