Ärzte ohne Grenzen: Präsidentin prangert den Horror der libyschen Flüchtlingslager an

In den libyschen Flüchtlingslagern herrschen menschenunwürdige Zustände (Bild: AP Photo/Manu Brabo)

„Was ich in Libyen gesehen habe, würde ich beschreiben als Inbegriff menschlicher Grausamkeit in ihrer schlimmsten Form“. Mit diesen Worten wendet sich Joanne Liu, die internationale Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen, den Tränen nahe an die Öffentlichkeit.

Liu hatte bei einer Reise in den Krisenstaat Anfang September mehrere Flüchtlingslager besucht und wurde Zeugin von menschenunwürdigen Haftbedingungen, Folter und menschenrechtsverletzenden Verbrechen. Man spricht deshalb gar von Internierungslagern.

Libyen ist ein zentraler Startpunkt für Flüchtlinge aus Afrika, die versuchen, über das Mittelmeer nach Europa zu kommen. Die Übergangsregierung des seit Jahren durch Bürgerkriege gebeutelten Landes betreibt über 20 dieser Lager, in denen Flüchtlinge aus Syrien, Ägypten, Niger, Sudan, Mali und einigen anderen Ländern buchstäblich eingepfercht werden. Liu berichtet von schweren Misshandlungen der Flüchtlinge durch die Wärter, bis hin zur Vergewaltigung schwangerer Frauen.

Seit Monaten prangern Menschenrechtsorganisationen und EU-Diplomaten die Zustände in den Lagern an. Bei einem Überraschungsbesuch im Juni überzeugte sich Außenminister Sigmar Gabriel selbst von den menschenunwürdigen Verhältnissen und sagte Libyen 3,5 Millionen Euro zusätzlich für die Flüchtlingshilfe zu. Menschenrechtler bewerten allerdings jegliche Zusammenarbeit mit dem Bürgerkriegsland äußerst kritisch.

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, die seit einem Jahr Inhaftierte in verschiedenen Lagern medizinisch betreut, prangert das Geschäft mit den Flüchtlingen an. “Gefangene berichteten, dass sie willkürlich auf der Straße aufgegriffen, ausgeraubt, an die Betreiber ihres Internierungslagers verkauft wurden und nun Hunderte Euro für ihre Freilassung bezahlen müssen”, schreibt Präsidentin Joanne Liu in einem aktuellen offenen Brief an die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union.

Die desaströsen hygienischen Bedingungen, überfüllte Zellen und der Missbrauch von Inhaftierten waren für die Kanadierin ein Schock. “Alle Nationen und Regierungen, die dabei mitwirken, dass Menschen zurück nach Libyen müssen oder dort interniert werden, sind mitverantwortlich für massive, wirklich massive Misshandlungen von Menschen”, resümiert sie.