Arthouse statt Blockbuster: Diese Streaming-Dienste setzen auf Indies und Filmklassiker

Willy Flemmer
Freier Autor für Yahoo Kino
Szene aus David Lynchs Klassiker “Lost Highway” (Bild: ddp images)

Netflix hat die Art, wie wir Filme und Serien schauen, auf den Kopf gestellt. Konkurrenten wie Amazon und Apple eifern dem Pionier nach. Doch die großen Streaming-Dienste haben eines gemeinsam: Arthouse-Produktionen und Filmklassiker sind auf ihren Plattformen rar gesät. Freunde der Filmkunst müssen aber nicht verzweifeln, mittlerweile tummelt sich auf dem Streaming-Markt so mancher Anbieter, der auf Klasse, statt auf Masse setzt.

Netflix und Amazon Prime Video wollen bestehende und vor allem potenzielle Kunden mit einer schier unendlichen Auswahl an Filmen locken, die zudem angeblich ein breites Angebotsspektrum abdecken. Nutzer könnten auf den Plattformen also nicht nur unzählige Filme und Serien entdecken, sie hätten auch eine große Auswahl aus allen möglichen Genres bis hin zu künstlerisch wertvollen Raritäten und zeitlosen Klassikern. Wer aber genau hinschaut, der erkennt ein großes Blendwerk. Denn die Realität, wie sollte es anders sein, sieht auch in der Welt der Streaming-Anbieter hinter Reklame und Selbstdarstellung ganz anders aus.

Geschickt verpackt, wenig dahinter?

Das Film- und Serienangebot von Netflix und Co. ist alles andere als grenzenlos. Das Unbegrenzte ist allenfalls der ein Eindruck, den der Nutzer hat, wenn er sich auf den Plattformen bewegt. Es ist das Ergebnis einer ebenso geschickten wie manipulativen Präsentation der Inhalte. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass dem User nie der Rahmen, weder den Anfang noch das Ende der Angebotspalette gezeigt wird. Eine komplette Darstellung dessen, was ihn auf der Plattform erwartet, bekommt er nicht zu sehen. Warum? Ganz einfach, er könnte schließlich zu der ernüchternden Erkenntnis gelangen, dass der Film- und Serien-Katalog die Gebühren so gar nicht aufwiegt.

Der Schwede Ingmar Bergman gehört zu den bedeutendsten Filmemachern aller Zeiten. Einige seiner Filme sind auf Amazon Prime Video abrufbar, darunter das Meisterwerk “Schreie und Flüstern” (Bild: Associated Press)

Die großen Streaming-Dienste haben also weniger zu bieten, als sie uns vorgaukeln. Das gilt auch und umso mehr für unkonventionelle Filme und Serien. Zuschauer, die es gerne Anspruchsvoller haben wollen abseits einer Teenie-Schmonzette hier und eines Achtzigerjahre-Retro-Spuks dort, können bei den Marktführern lange suchen, bis sie allenfalls vereinzelt fündig werden. Netflix gleicht hierbezüglich geradezu einer Wüstenlandschaft. Auf Amazon Prime Video kann man dann und wann schon mal eine Indie-Perle entdecken, und sogar Klassiker wie Luis Buñuels “Tristana”, Ingmar Bergmans “Schreie und Flüstern” oder Fritz Langs “M – Eine Stadt sucht einen Mörder” verstecken sich auf dem Streaming-Dienst des Online-Versandhändlers. Ein Dorado der Filmkunst ist aber auch dieser Anbieter nicht gerade.

Die Kleinen im Schatten der Großen

Und wenn demnächst weitere Player hinzukommen wie Disney+ und Apple TV Plus, wird die Situation kaum besser, sie droht vielmehr schlimmer zu werden. Denn dann wird der Kampf um zahlende Kundschaft mit noch härteren Bandagen ausgetragen. Dass sich Nutzermaximierung kaum mit großer Film- und Serienkunst bewerkstelligen lässt, das brauchen auch die Spatzen nicht von den Dächern pfeifen. Die Maxime wird noch lauter als jetzt schon ausgerufen: think big – and exclusive.

Dass die großen Streaming-Dienste einen Bogen um “Valhalla Rising” machen, hat einen Grund. Der Film gehört zu den sperrigsten im Werk des dänischen Regisseurs Nicolas Winding Refn (Bild: ddp images/Sunfilm)

Gehören die Arthouse- und Klassiker-Fans unter den Filmfreunden also zu den Verlierern der digitalen Revolution? Durchaus, wenn sie Rares für möglichst wenig Bares auf den Massen-Streaming-Plattformen entdecken wollen. Nicht jedoch, wenn sie ihren Blick weiten. Dabei brauchen sie nicht unbedingt für jede Indie-Perle und jeden Meilenstein der Filmgeschichte den DVD- und Blu-ray-Markt durchstöbern, was summierend überdies ziemlich kostspielig ist. Auch für sie hat unsere Flatrate-Kultur etwas zu bieten. Denn im Schatten der großen Streaming-Konzerne sprießen immer mehr kleinere Anbieter wie Pilze aus dem Boden, die mit ihren zielgerichteten Angeboten unterschiedliche Nischensegmente abdecken.

realeyz – Berliner Indie-Filmportal

So wie der Berliner Streaming-Dienst realeyz. Die Macher des Filmportals rühmen sich damit, täglich neue Titel online zu stellen. Das Angebot von derzeit 1700+ Filmen umfasst vor allem europäische Autorenfilme, darunter “Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel” und “Valhalla Rising” von Nicolas Winding Refn, bietet aber auch Ausgewähltes aus anderen Kino-Regionen wie die finnisch-russisch-deutsche Produktion “Arrhythmia” des russischen Filmemachers Boris Chlebnikow. Genrefans kommen auf dem Portal ebenfalls auf ihre Kosten mit zahlreichen Komödie, Thrillern und Filmbiographien. Aber auch damit bewegt sich realeyz so abseitig, dass Amazon den Anbieter als Konkurrenten nicht fürchtet und ihm deshalb in seinem Streaming-Netzwerk einen eigenen Channel eingerichtet hat. Mit einem monatlichen Abo-Preis in Höhe von 5,50 Euro gehört realeyz zu den derzeit günstigsten Anbietern auf dem Markt.

Ildikó Enyedis Berlinale-Gewinner “Körper und Seele” ist derzeit auf Mubi zu sehen (Bild: Alamode Filmdistribution)

Mubi – 30 sind genug

Interessanter fast als seine Inhalte ist das Konzept von Mubi. Der 2008 gegründete britisch-amerikanische Streaming-Dienst mit Sitz in London hat nie mehr als 30 Spielfilme im Portfolio. Es sind so viele, wie der Monat Tage zählt. Jeden Tag kommt ein neuer Titel hinzu, im Gegenzug fällt einer aus dem Programm. Der Nachteil der Dienstes, nämlich die überschaubare Auswahl, wiegt weniger als seine Vorteile. Der Kunde nutzt das Angebot mit dem Bewusstsein, dass weitere Inhalte nachkommen werden, und der Spannung darauf, welche das sein könnten. Und: Anders als bei den großen Anbietern hat er nicht die Qual der Wahl. Denn seien wir ehrlich: Wer hat nicht schon mal die Suche nach Film und Serie auf Amazon und Netflix aufgegeben, nur weil er sich nicht für einen der vielen tausend Titel entscheiden konnte? Aktuell befinden sich auf Mubi Meisterwerke wie Ingmar Bergmans “Die Zeit mit Monika”, David Lynchs “Lost Highway”, Martin Scorseses “Die Versuchung Christi” und “Körper und Seele” von Ildikó Enyedi. Diese und 26 Filme mehr bekommt der Kunde für einen monatlichen Abo-Preis von 9,99 Euro.

alleskino – Alles deutsch

Während realeyz und Mubi international ausgerichtet sind, setzt die von Produzentenlegende Hans W. Geißendörfer ins Leben gerufene VoD-Plattform alleskino ausschließlich auf deutsche Titel. Dabei haben die Macher offenbar das ehrgeizige Ziel, irgendwann so ziemlich jede deutsche Produktion anzubieten – beginnend mit den ersten Filmen aus der Kaiserzeit bis hin zu aktuellen Filmen. Schon jetzt findet sich auf dem Portal so manche Perle aus den drei kreativsten Phasen der deutschen Filmgeschichte, dem expressionistischen, dem Neuen Deutschen und dem Kino der Berliner Schule. Eine weitere Besonderheit des Anbieters ist die Präsentation der Filme, die mittels Hintergrundinfos zu Cast und Crew in einen filmhistorischen Kontext gestellt werden. Alleskino kostet im Abo 4,99 Euro pro Monat.

Auf Filmfriend können Filmfreunde einen der schönsten Filme des Jahrgangs 2014 sehen, Nuri Bilge Ceylans Drama “Winterschlaf” (Bild: Weltkino Filmverleih)

Flimmit –Streaming-Schmiede des ORF

Hinter Flimmit steckt kein Privatkonzern. Betreiber ist der österreichische öffentlich rechtliche Sender ORF. Die VoD-Plattform setzt vor allem auf heimische Produktionen und europäisches Arthouse-Kino. Auf die mehr als 7.000 Filme und Serien kann sowohl über ein monatliches Abo-Modell als auch über Einzelkäufe sowie auf Leihbasis zugegriffen werden. Das Monats-Abo kostet 7,50 Euro. Entscheidet sich der Kunde für das Jahresabo in Höhe von 75 Euro, dann entspräche das 6,25 pro Monat.

Filmfriend – Filmportal der Bibliotheken

Gegen einen ähnlichen Streaming-Dienst von ARD und ZDF hatte das Bundeskartellamt 2013 aus Wettbewerbsgründen interveniert. Das war das Ende der geplanten Plattform Germany’s Gold. Mit Filmfriend gibt es hierzulande heute dennoch eine gemeinnützliche Alternative. Das Filmportal wird von einem Verbund Öffentlicher Bibliotheken und drei Hochschulen betrieben. Der Katalog reicht von deutschen Klassikern über internationale Arthouse-Filme bis zu Dokumentationen und Kinderserien. Für Mitglieder der jeweiligen Bibliothek bzw. Hochschul-Akkreditierte ist die Nutzung kostenlos. Sie brauchen sich auf der Plattform lediglich mit ihrer Bibliotheks-Ausweisnummer bzw. den Daten Ihres Uni-Accounts anmelden.

Maren Ade gehört zu den Filmemachern, die das Programm von LaCinetek mitgestalten. Sie selbst schrieb mit der Tragikomödie “Toni Erdmann” Filmgeschichte. (Bild: ddp images/abaca press)

LaCinetek – Von Filmemachern kuratiert

Die französische VoD-Plattform LaCinetek wurde 2015 von den Filmregisseuren Pascale Ferran, Laurent Cantet und Cédric Klapisch gegründet. Dieses Jahr wurde der deutschsprachige Ableger ins Leben gerufen. Der Schwerpunkt liegt auf Filmklassiker des 20. Jahrhunderts. Das Besondere: Die Filme werden von namhaften Regisseuren ausgewählt und kommentiert. Bislang haben mehr als 60 Regisseurinnen und Regisseure jeweils ihre 50 Lieblingsfilme vorgestellt, darunter Maren Ade, Wim Wenders, Park Chan-wook und Paul Verhoeven. Von den mehr als 1.500 kuratierten Filmen sind derzeit rund 250 über LaCinetek zugänglich, ein Großteil der noch nicht erhältlichen Titel befindet sich in der Akquise-Phase. Der Zugriff auf die Meisterwerke von Robert Bresson, Charles Chaplin, Carl Theodor Dreyer und anderer Regisseure erfolgt nicht über ein Abo-Modell. Jeder Film kann entweder ab 2,99 Euro gestreamt oder ab 7,99 Euro heruntergeladen werden.