Artensterben-Doku mit Dirk Steffens: "So wird es schwierig für uns als Art zu überleben"

·Lesedauer: 6 Min.

Vor unseren Augen vollzieht sich das größte und rasanteste Artensterben in der Menschheitsgeschichte. Dirk Steffens schildert in einer ZDF-Dokumentation drastisch, was es zur Folge hat, wenn die Weltgemeinschaft nicht handelt.

Als Botschafter der UN-Dekade
Als Botschafter der UN-Dekade

Das Nördliche Breitmaulnashorn ist ein Koloss, und als solcher wirkt es unverwüstlich. Aber der Eindruck könnte täuschender nicht sein. Zwei Exemplare dieser Dickhäuter-Spezies leben noch auf diesem Planeten. Sie heißen Najin und Fatu und sie sind Mutter und Tochter. Wenn kein wissenschaftliches Wunder geschieht, sagt der kenianische Ranger James Mwenda, wird Fatu bald ganz alleine sein. Eine Ahnung davon, glaubt er, haben die Tiere: "Sie merken, dass ihre Welt zusammenbricht."

Man mag sich gut vorstellen, wie am Sonntagabend der aufgeschlossene "Terra X"-Zuschauer im ZDF diese herzergreifenden Szenen wahrnimmt mit einer Mischung aus Mitgefühl und der durchaus naheliegenden Frage: "Was hat die zusammenbrechende Welt des Nördlichen Breitmaulnashorns genau mit mir zu tun?" Die Antwort darauf bleibt die von Wissenschaftsjournalist Dirk Steffens moderierte Doku "Artensterben - die Fakten" nicht schuldig. Es ist sogar gleich ein ganzes Bündel von Antworten, das wenig geeignet ist, die Achtung vor der eigenen Spezies zu mehren.

James Mwenda betreut die letzten beiden Exemplare der Nördlichen Breitmaulnashörner, die es auf unserem Planeten gibt. (Bild: ZDF / Charlotte Lathane)
James Mwenda betreut die letzten beiden Exemplare der Nördlichen Breitmaulnashörner, die es auf unserem Planeten gibt. (Bild: ZDF / Charlotte Lathane)

 

Eine Million Tier- und Pflanzenarten sind akut vom Aussterben bedroht

Neben der Welt der Nashörner sind nämlich gerade eine ganze Menge Welten im Verschwinden begriffen. "Das sind keine Prognosen für eine ferne Zukunft, es passiert genau jetzt, vor unseren Augen", schildert Steffens die titelgebenden Horror-"Fakten".

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Nachgezählt hat die Wissenschaft zuletzt 2019 für den UN-Artenschutzbericht. Aus dem geht hervor, dass seit 1970 das Vorkommen von Tieren um 60 Prozent zurückgegangen ist. Große Säugetiere sind aus drei Vierteln der Lebensräume verschwunden, in denen sie traditionell zu finden waren. Eine Million Tier- und Pflanzenarten von insgesamt acht Millionen gelten derzeit als vom Aussterben bedroht.

Prof. Elizabeth Hadley von der Stanford University in Kalifornien hat Hoffnung, den Kollaps der Biodiversität zu verhindern. (Bild: ZDF / Ali Pares)
Prof. Elizabeth Hadley von der Stanford University in Kalifornien hat Hoffnung, den Kollaps der Biodiversität zu verhindern. (Bild: ZDF / Ali Pares)

 

Eine Bilanz zum Fürchten

"Wir verlieren Biodiversität so schnell wie noch nie in der Geschichte der Menschheit", sagt vor der ZDF-Kamera Sir Robert Watson, Vorsitzender des UN-Weltdiversitätsrats. Es ist eine Bilanz zum Fürchten, unterlegt mit wohlbekannten Doku-Bildern von Brandrodungen, Massentierhaltung, Wilderei und anderen Spielarten der Naturzerstörung zu kommerziellen Zwecken.

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Die Dramatik dahinter: Alles hängt mit allem zusammen, das Aussterben einer Art destabilisiert ein ganzes Ökosystem. Der letzte Leidtragende in der gekappten Nahrungskette, ist der Verursacher selbst: der Mensch. So gibt es laut den im Film präsentierten Fakten heute 75 Prozent weniger Fluginsekten als noch vor 30 Jahren. Was den Windschutzscheiben von Autobahnnutzern zugutekommt, kann verheerende Auswirkungen auf die Welternährung haben: Rund ein Drittel der weltweiten Nahrungsproduktion ist abhängig von bestäubenden Insekten.

Unter Wasser sieht es nicht besser aus. Die großen Trawler räubern mit gnadenloser Effizienz die Meeresböden leer. "Die Gewässer um die großen Fischereinationen sind schon leergefischt, weiß Daniel Pauly, Fischereibiologe von der Universität Kiel. "Um China herum existieren nur noch 16 Prozent der Bestände, die es vor 120 Jahren einmal gab."

Dirk Steffens präsentiert den Pangolin: Das Säugetier ist eine begehrte Schmugglerware. Vor allem in China herrscht weiterhin der Irrglauben, wonach die Schuppen heilende Kräfte besitzen. (Bild: ZDF / Oliver Roetz)
Dirk Steffens präsentiert den Pangolin: Das Säugetier ist eine begehrte Schmugglerware. Vor allem in China herrscht weiterhin der Irrglauben, wonach die Schuppen heilende Kräfte besitzen. (Bild: ZDF / Oliver Roetz)

 

Das meistgehandelte Wildtier der Welt: der Pangolin

Auch ein besonders niederträchtiges Milliardenbusiness steht am Pranger der Filmemacher: illegaler Wildtierhandel. "Wir sprechen über Millionen Tiere, die der Wildnis entrissen werden, Tausende Arten", klagt die Tierschützerin Iris Ho. Die Nachfrage ist vor allem in ostasiatischen Ländern proportional zu den Einkommen der dort lebenden Menschen gestiegen.

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Tierschützerin Ho: "Die Leute behaupten, dass es sich um ihre Kultur und alte Traditionen handelt, aber das ist meist nur eine Marketingmasche der Händler, um ein weiteres Tier auszubeuten." Etwa den Pangolin, das derzeit meistgehandelte Tier der Welt, wie man staunend erfährt. Dessen Schuppen gelten in Asien als Naturheilmittel, dabei besitzen sie nachweislich keine medizinischen Eigenschaften. Geht es so weiter, haben alle acht Pangolin-Arten keine Zukunft.

Die Tierschützerin Nicci Wright (rechts) kümmert sich um ein dehydriertes Schuppentier. (Bild: ZDF / James Boon)
Die Tierschützerin Nicci Wright (rechts) kümmert sich um ein dehydriertes Schuppentier. (Bild: ZDF / James Boon)

 

Für den deutschen Lebensstil sind drei Erden nötig

Die Zahl der Tiere und Pflanzen schwindet rasant, umgekehrt wächst die Zahl der menschlichen Population auf unserem mittelgroßen Planeten. Drei Milliarden Menschen bevölkerten die Erde in den 60er-Jahren, heute sind es acht Milliarden, Tendenz steigend. Und diese acht Milliarden haben einen immer höheren Pro-Kopf-Verbrauch. Dirk Steffens rechnet vor: "In Deutschland verbrauchen wir so viele Ressourcen, dass drei Erden nötig wären, um den Bedarf zu decken, wenn alle Menschen so leben wollten wir. Für den 'American Way of Life' bräuchten wir sogar fünf Erden."

Umweltverschmutzung als Folge von industrieller Produktfertigungen wird als weiterer "Motor für das Artensterben" ausgemacht, daneben die Erderwärmung, an die sich schon jetzt viele Arten nicht anpassen können. Die Hauptursache laut den "Terra X"-Filmemachern ist jedoch: Lebensraumverlust. "Die Realität ist, dass es nicht mehr viel Wildnis da draußen gibt", zeichnet die walisische Umweltwissenschaftlerin Julia Jones ein finsteres Bild. Kein Wunder, wenn jedes Jahr geschätzte 3,8 Millionen Hektar Wald gerodet werden, um Flächen für den Anbau von Nahrungsmitteln und Futterpflanzen sowie für Weideland freizumachen.

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Dabei würden die vorhandenen Agrarflächen längst ausreichen, um die Menschheit zu ernähren, wie der Stockholmer Zoologe Toby Gardner erläutert: "Trotzdem werden weiter Flächen gerodet, weil es oft schneller geht und billiger ist." Ruchlose Staatschefs wie den brasilianischen Präsidenten Bolsonaro alleine "für die Überausbeutung der Ökosysteme" verantwortlich zu machen, greife aber zu kurz, meint die Hamburger Politökonomin Maja Göpel. Soja, das im brandgerodeten Amazonasregenwald angepflanzt werde, lande schließlich in unseren europäischen Kühen. Dem stimmt der Zoologe Gardner zu: Hauptursachen für den Verlust von Biodiverstät seien: "Soja, Kakao, Kaffee, Palmöl und Rindfleisch." Alles Produkte, die auf direktem oder indirektem Weg in unseren Supermarktregalen landen.

"Wir dürfen nicht nur an uns denken"

Was also tun, um das bedrohliche Massenaussterben aufzuhalten? Gute Gesetze, die global gelten, wären hilfreich. Zoologe Gardner gibt ein Beispiel: "Wenn die Regierungen Gesetze erlassen, die den Import von nicht nachhaltig hergestellten Produkten verbieten, gelten für alle die gleichen Bedingungen." Sir Robert Watson vom UN-Diversitätsrat mahnt an, die unglaubliche Quote von Nahrungsmittelverschwendung zu reduzieren - 40 Prozent aller verzehrfertigen Produkte werden weltweit verworfen. Watson weiter: "Wir müssen erkennen, dass die Natur einen wahren Wert hat, der im Finanzhaushalt der Länder berücksichtigt werden muss. Außerdem müssen wir damit beginnen, Nahrungsmittel zu erschwinglichen Preisen zu produzieren, ohne dass wir dafür weiter in die Wälder vordringen. Das ist wirklich möglich."

Dass Dirk Steffens' "Artensterben"-Doku am Ende auch noch das Feld der Pandemie streift, ist kein ungeschickter Zug. Schließlich dürfte den ZDF-Zuschauern der Corona-Schrecken noch in allen Gliedern stecken. Auch Zoonosen, also virale Übertragungen von Tieren auf Menschen, sind durch die Ausbeutung von Naturraum aus vielen Gründen wahrscheinlicher geworden. Der RKI-Epidemiologe Fabian Leendertz schildert die Zusammenhänge angemessen plakativ: "Die menschliche Gesundheit hängt ganz eng mit der Gesundheit von Tieren und Umwelt zusammen. Wir dürfen nicht nur an uns denken, sonst wird es ein bisschen schwierig für uns als Art zu überleben."

Für seine Schlussmoderation scheint sich Dirk Steffens dann fast zu schämen. "Es klingt fast zu banal, um es zu sagen: Aber wir können dauerhaft nicht mehr verbrauchen, als die Erde produziert. Sonst gehen die Ressourcen zur Neige." Eine "gute Nachricht" hat der ZDF-Journalist für seine Zuschauer aber trotzdem: "Die Selbstheilungskräfte der Natur sind gewaltig. Wir müssen sie einfach nur lassen."

("Terra X: Artensterben - die Fakten" ist ab sofort abrufbar in der ZDF-Mediathek und am Sonntag, 04.07., 19.30 Uhr im Zweiten zu sehen.)

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