In ARD-Doku schildert Lance Armstrong "unheimliche" Begegnung mit Jan Ullrich

 

Vor 25 Jahren gewann Jan Ullrich als erster Deutscher die Tour de France. Die Nation taumelte im Glücksrausch, der Kater folgte prompt. Zum Jubiläum zeichnet eine herausragende ARD-Doku das Psychogramm des gestrauchelten Radsporthelden. Ex-Rivale Lance Armstrong schildert darin Fragliches und Bewegendes.

Die Geburt der deutschen Radsportnation war eine unter Schmerzen. Und eine mit langen Nachwehen. Vor rund 25 Jahren, am 27. Juli 1997, trug Jan Ullrich als erster Deutscher das Gelbe Trikot der Tour de France durchs Ziel auf den Champs Elysées. Ein kollektiver Glücksrausch, dem ein schwerer Kater folgte. Ein Ereignis wie aus einer anderen Zeit.

Und doch: Wer damals bei den Live-Übertragungen aus Frankreich mit bebendem Herzen dabei war, wird finden, dass es wie gestern war. Und sich nun in einer fünfteiligen Dokumentation verlieren, die Aufstieg und Fall des größten deutschen Radsportstars atemberaubend vielschichtig aufblättert: Die ARD zeigt das Toursieg-Jubiläumsstück "Being Jan Ullrich" zunächst in der Mediathek.

Sie waren Rivalen auf dem Rad, heute verbindet sie eine Freundschaft: Lance Armstrong versucht, Jan Ullrich zurück in ein geregeltes Leben zu verhelfen. (Bild: 2003 Getty Images/Robert Laberge)
Sie waren Rivalen auf dem Rad, heute verbindet sie eine Freundschaft: Lance Armstrong versucht, Jan Ullrich zurück in ein geregeltes Leben zu verhelfen. (Bild: 2003 Getty Images/Robert Laberge)

 

Von der Triumphfahrt bis zum totalen Absturz

In der Verdichtung rauscht in fünf hochspannenden Doku-Teilen noch einmal alles vorbei wie das Peloton bei der Tour. Triumphfahrt nach Arcalis 1997, Hungerdrama am Galibier im Jahr darauf, Festina-Skandal, Schlendrian-Jahre mit Übergewichtsproblemen, das Fuentes-Beben, Suff-Schlagzeilen, gescheiterte Ehe, totaler Absturz. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis man bei Netflix oder andernorts eine epische Dramaserie daraus baut.

Was "Being Jan Ullrich" außergewöhnlich macht, ist neben der hervorragenden Schnittarbeit die ausgesuchte der Qualität der interviewten Zeitzeugen und Weggefährten. Ex-Trainer, Ex-Teamkollegen, Freunde, Sponsoren, Betreuer, Pressesprecher, Biografen und Sportjournalisten reden großteils offen und empathisch. Immer im Spagat zwischen Bewunderung, Sympathie und der Erkenntnis: Jeder ist für sein Handeln selbst verantwortlich. Nur einer sprach nicht vor der Kamera der Filmautoren Ole Zeisler und Uli Fritz: Jan Ullrich selbst.

Das aber passt ins Mosaik dieser Aufarbeitung, die auch das Psychogramm einer sich der Realität entziehenden Persönlichkeit ist. Jan Ullrich ist einer der letzten namhaften Protagonisten jener düster-schillernden Radsport-Ära, die mit ihren Dopingvergehen nicht öffentlich reinen Tisch gemacht haben. "Ich glaube, dass er nie wirklich verstanden hat, was passiert ist", mutmaßt sein früherer Teamkollege Rolf Aldag im Film.

Jan Ullrich 2013 mit seiner Ehefrau Sara. 2018 gab das Paar die Trennung bekannt. (Bild: 2013 Getty Images/Alexander Hassenstein)
Jan Ullrich 2013 mit seiner Ehefrau Sara. 2018 gab das Paar die Trennung bekannt. (Bild: 2013 Getty Images/Alexander Hassenstein)

 

Doping-Experte Hajo Seppelt: "Ich war das Alibi für die ARD"

Doch vielleicht ist es ja noch nicht zu spät. "Wenn er morgen das Bekenntnis liefern würde, die Leute würden es anerkennen, ich bin sicher, es würde ihm das Leben erleichtern", meint etwa Reinhold Beckmann, der Jan Ullrich in einer legendären Ausgabe seiner ARD-Talkshow kritisch konfrontierte. Nach dem für ihn desaströsen TV-Auftritt im Jahr 2007 brach der Sportstar mit dem Talker öffentlich.

Dass es überhaupt etwas zu brechen gab in der allzu innigen Beziehung zwischen Berichterstattern und Sportler, ist ebenfalls Gegenstand der Doku. Öffentlich-rechtliche Selbstkritik sparen die Macher nicht aus. Dass die ARD einst Trikotsponsor des Teams Telekom wurde und sogar einen Exklusivvertrag mit Ullrich schloss - heute undenkbar. Bekennt auch der frühere ARD-Sportkoordinator und Tour-Kommentator Hagen Boßdorf, der mit Ullrich gemeinsam eine aus heutiger Sicht schön gefärbte Biografie verfasste.

"Die Berichterstattung würde ich immer verteidigen", bekräftigt Boßdorf, "aber die konstitutionelle Verflechtung zwischen dem Radsport und der ARD war sicherlich übertrieben." Deutlicher wird der Dopingexperte und Investigativreporter Hajo Seppelt: "Ich war das Alibi für die ARD. Kritische Berichterstattung war fast gegen null." Sie sei nicht gewollt gewesen. Stattdessen habe man beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk "jahrzehntelang Sportbetrug in die Wohnzimmer übertragen" - eine Aussage, die Seppelt ausdrücklich nicht auf den Radsport allein bezieht.

 

Armstrong über Ullrich: "Er machte mir Angst"

Der größte und gefährlichste Coup der Filmemacher ist jedoch ein anderer Zeitzeuge: Lance Armstrong stand ihnen in seiner US-Heimat Aspen, Colorado, Rede und Antwort in jener Manier, die ihn unter anderem zum kompletten Gegenstück von Jan Ullrich macht: eloquent, aufgeräumt, empathisch - vielleicht aber auch doch ein wenig kalkuliert.

Noch einmal führt Armstrong aus, wie er Jan Ullrich, seinen Widersacher, den er jahrelang verlässlich in den Alpen und Pyrenäen demütigte, gefürchtet habe wie keinen Zweiten. "Er machte mir Angst, kein anderer. Dieser Mann ließ mich früh aufstehen. Er hat mein Leben verändert." Schließlich habe der Deutsche "mehr Talent" gehabt, "mehr gottgebebene Kräfte. Aber Jan wollte Spaß haben." Ein Attribut, das der ehrgeizige texanische Perfektionist, dem alle Tour-Siege aberkannt wurden, für sich selbst kaum finden würde.

Das Narrativ, dass der Normalsterbliche Armstrong allein durch Akribie, Selbstdisziplin und Fleiß das schlampige Genie Ullrich bezwingen konnte, wird viel gepflegt in dieser Dokumentation. Nur einer hält dagegen, Ullrichs langjähriger Betreuer und späterer Teamchef Rudy Pevenage. Über den Dopingalltag jener Zeit sagt der Belgier: "Ich bin sicher, dass Armstrong noch andere Waffen hatte. Wir haben nicht übertrieben, alles war medizinisch unter Kontrolle, und dann wird er so weggeblasen von Armstrong. Dann sind es nicht die gleichen Waffen."

Man muss kein Radsport-Fan sein, damit es beim Namen Jan Ullrich klingelt: Tour de France, historischer Sieg. 1997 war Jan Ullrich ganz oben auf. Doch von da an ging es für das viel umjubelte Rad-Ass unaufhörlich bergab ... (Bild: Phil Cole / Allsport / Getty Images)
Man muss kein Radsport-Fan sein, damit es beim Namen Jan Ullrich klingelt: Tour de France, historischer Sieg. 1997 war Jan Ullrich ganz oben auf. Doch von da an ging es für das viel umjubelte Rad-Ass unaufhörlich bergab ... (Bild: Phil Cole / Allsport / Getty Images)

 

Armstrong: "In so einem Zustand hatte ich noch keinen gesehen"

Auch Udo Bölz, Ullrichs treuer Telekom-Teamgefährte und Helfer in schwersten Stunden am Berg, traut dem Amerikaner nicht über den Weg, bezieht es indes auf dessen Engagement für den gestrauchelten Freund und Gegner von einst: "Ich frag mich manchmal auch, welches Interesse hat er? Will er wieder einen Fuß in die Tür der europäischen Radsportwelt bekommen oder liegt ihm wirklich etwas daran? Ich kann's nicht sagen, aber ich habe da manchmal meine Zweifel."

Dennoch bewegt es, wie Armstrong von seinen Treffen mit einem Jan Ullrich berichtet, dem es zeitweise völlig den Boden unter den Füßen weggerissen hatte. "Er wusste nicht, dass ich komme, ich wusste nicht, wohin ich reise", erinnert sich der Amerikaner an einen Überraschungsbesuch in der Betty Ford Klinik, Bad Brückenau, vor rund vier Jahren. Ullrichs Merdinger Freunde hatten das Treffen in ihrer Verzweiflung heimlich eingefädelt. Als "stark", aber auch "unheimlich" bezeichnet Armstrong die Begegnung in der bayerischen Entzugsklinik. "Ich sah einen Mann an einem Ort wie noch kein menschliches Wesen zuvor. Wir kennen alle ein paar verrückte Freunde. Aber in so einem Zustand hatte ich noch keinen gesehen."

Noch schlimmer war der Anblick in Cancún, zwei Jahre später. Ullrich war nach der Zwischenlandung randalierend aus einem Flieger geworfen worden und auf sich allein gestellt im Krankenhaus gelandet. Armstrong buchte die nächste Maschine nach Mexiko: "Er war ans Bett gefesselt ohne Bewusstsein. Es war das Allerschlimmste." Ullrich, mutmaßt der Texaner, habe noch einen weiten Weg vor sich. Sich dauerhaft ins Leben zurückzukämpfen, so viel versteht sich nach Ansicht von "Being Jan Ullrich" von selbst, wird für das gestrauchelte Jahrhunderttalent schwerer werden als jede Bergankunft bei der Tour de France.

Die ARD zeigt alle fünf Teile "Being Jan Ullrich" ab sofort in der Mediathek. Der Podcast "Jan Ullrich. Held auf Zeit" ist abrufbar in der Audiothek. Einen Dokumentarfilm dieses Titels zeigt das Erste am Samstag, 2. Juli, um circa 17.20 Uhr, direkt nach der zweiten Etappe der diesjährigen Tour de France.

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