Mythos Integration? So hoch sind die Hürden in Deutschland wirklich


Es ist ein Novum, dass der Rückzug eines Fußballspielers aus der deutschen Nationalmannschaft zum Politikum wird. Doch Mesut Özils Abrechnung mit Deutschland ist gespickt mit Vorwürfen – und einer wiegt besonders schwer: Er werde „nicht mehr für Deutschland auf internationaler Ebene spielen, da ich dieses Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit verspüre“, schrieb Özil am Sonntag. Er fühle sich „ungewollt“.

Der Fußballprofi stellt damit die Integrationsbereitschaft des Landes insgesamt infrage. Dominiert in Deutschland ein latenter oder offen gelebter Rassismus? Werden Menschen mit Migrationshintergrund diskriminiert?

Mehr noch: Schafft es Deutschland, Millionen Zuwanderern eine Chance und eine neue Heimat zu bieten? Oder ist das Land im Begriff, an der Integration von Millionen Menschen mit Migrationshintergrund zu scheitern? Ausgerechnet der Streit um Mesut Özil, den in Gelsenkirchen geborenen Fußballstar, lässt eine hitzige Debatte entstehen, die weit über Deutschlands Grenzen hinausreicht.


Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ am Montag lediglich über eine Regierungssprecherin ausrichten, dass man die Entscheidung von Mesut Özil respektieren müsse. Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) hingegen sagte: „Es ist ein Alarmzeichen, wenn ein erfolgreicher deutscher Nationalspieler mit türkischen Wurzeln seinen Austritt aus der Nationalmannschaft erklärt, weil er sich rassistisch diskriminiert fühlt.“

Dagmar Freitag (SPD), Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, sagte dem Handelsblatt, der Fall Özil könne zwar „keineswegs als Beispiel dafür herhalten, dass Integration in unserem Land grundsätzlich gescheitert wäre“. Obwohl es unzählige andere Beispiele für gelungene Integration gebe, würden nun politische Versäumnisse der Vergangenheit wieder sehr deutlich. Freitag nannte die aus ihrer Sicht viel zu lange Debatte über ein Einwanderungsgesetz.

Von türkischen Politikern bekam Özil Zuspruch. Er gratuliere Özil „für das schönste Tor, das er mit dem Verlassen des deutschen Nationalteams gegen das Virus des Faschismus erzielt hat“, schrieb der türkische Justizminister Abdulhamit Gül.

Diskriminierung bei der Jobsuche

Doch es geht um weit mehr als nur ein Gefühl. Die Diskriminierung, die Özil beklagt, zeigt sich durchaus auch beim Arbeitsmarktzugang. So hat das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) Anfang Juni eine Studie über Nachteile von Bewerbern mit Migrationshintergrund bei der Jobsuche veröffentlicht.

Demnach variiert ethnische Diskriminierung auf dem deutschen Arbeitsmarkt je nach Herkunftsland stark – auch unter Bewerbern, die in Deutschland geboren sind. Das Forscherteam hatte rund 6.000 fiktive Bewerbungen auf reale Stellenangebote verschickt und dabei das jeweilige Bewerberprofil verändert.


Kernergebnis: Bewerber mit Migrationshintergrund werden nur dann benachteiligt, wenn die Werte der Menschen im Herkunftsland stark von denen der Deutschen abweichen. Bewerber, die aus Ländern mit Werten stammen, die den deutschen Durchschnittswerten ähnlich sind, werden dagegen kaum diskriminiert. Muslimische und schwarze Bewerber erhielten sieben Prozent weniger positive Rückmeldungen auf ihre Bewerbungen im Vergleich zu weißen und christlichen Bewerbern.

Die Zahlen stehen allerdings in Widerspruch zu den praktischen Erfahrungen im Betrieb. „Der Großteil der Unternehmer, die Erfahrungen mit der Beschäftigung von Menschen mit Migrationshintergrund haben, bewertet die Integration in ihren Betrieben als gelungen“, sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer dem Handelsblatt. Er bezieht sich dabei auf den jüngsten DIHK-Arbeitsmarktreport.

Die Integration im Betrieb stelle „einen wichtigen Beitrag für die gesellschaftliche Integration insgesamt dar“, sagte er. Angesichts der großen Fachkräfteengpässe gewinne die Beschäftigung von ausländischen Mitarbeitern stark an Bedeutung. Mehr als jedes vierte Unternehmen wünsche sich dem DIHK-Arbeitsmarktreport zufolge Erleichterungen bei der Beschäftigung ausländischer Fachkräfte.


Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen jedoch, dass Menschen mit Migrationshintergrund mit Blick auf Bildung, Arbeitsmarkt und Einkommen gegenüber Menschen ohne Migrationshintergrund deutlich im Hintertreffen sind.

Bei einigen Indikatoren bestehen die Unterschiede seit 2005 unvermindert fort. So lag der Anteil der 18- bis 24-Jährigen ohne Schulabschluss in der Bevölkerung ohne ausländische Wurzeln von 2005 bis 2016 durchgehend bei rund vier Prozent. Bei den Menschen mit Migrationshintergrund sank die Quote bis 2011 von 10,6 auf 8,3 Prozent, ist seither – auch bedingt durch die Fluchtmigration – auf gut zwölf Prozent gestiegen.

Deutlich mehr Menschen aus Zuwandererfamilien leben trotz Arbeit an der Armutsschwelle. Bei den Migranten liegt die Quote dieser „Working Poor“ seit 2005 nahezu unverändert bei zuletzt 13,6 Prozent, bei den Erwerbstätigen ohne Migrationshintergrund nur bei 6,2 Prozent.

Vertrauen hat Rückschlag erlitten

Aus Sicht des Migrationsforschers Murat Erdogan wird die Integration von zahlreichen Türken in Deutschland von Ereignissen wie der Özil-Erklärung um Jahre zurückgeworfen. „Das erste Trauma für Deutschtürken war der Brand eines von Türken bewohnten Hauses in Solingen, dann die NSU-Mordserie“, sagte Erdogan, der an der Türkisch-Deutschen Universität in Istanbul lehrt, dem Handelsblatt.


Während die Brandstiftung in Solingen sowie die NSU-Morde das Vertrauen der Migranten in den Rechtsstaat erschüttert hätten, habe mit Özils Rückzug aus der Nationalmannschaft und mit dem Verhalten der Funktionäre des Deutschen Fußballbundes (DFB) nun das Vertrauen in die Zivilgesellschaft einen herben Rückschlag erlitten.

Haci Halil Uslucan, Migrationsforscher an der Universität Duisburg-Essen, sieht im Fall Özil ein Paradebeispiel für Integrationshürden und „heimatliche Zerrissenheit“ der Deutsch-Türken. Charakteristisch sei ein sogenanntes Integrationsparadoxon, sagte Uslucan. Demnach empfinden sich gerade die objektiv besser Integrierten häufig als nicht zugehörig, weil sie besonders sensibel für gesellschaftliche Diskriminierung seien.

Seit 2010 steige die Zahl der türkischstämmigen Zuwanderer, die sich eher der Türkei denn Deutschland verbunden fühlen, berichtete Uslucan. In der jüngsten repräsentativen Befragung gaben 61 Prozent an, sich sehr stark der Türkei zugehörig zu fühlen, nur 38 Prozent sagten das über Deutschland.


Auch in der Nachfolgegeneration ist die Verbundenheit zur Türkei noch hoch. Uslucan führt das unter anderem auf überhitzte Türkei-Debatten in Deutschland, das Werben der türkischen Regierung sowie Diskriminierungserfahrungen von Menschen zurück, die sich häufig als „Pass-Deutsche“ abgelehnt fühlten.

Als Markenbotschafter für Mercedes ist Mesut Özil trotz seiner fußballerischen Erfolge offenbar nicht mehr wohlgelitten. Özil hatte am Sonntag kritisiert, der Konzern habe ihn nach den Fotos mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan aus der Werbekampagne des Nationalteams für die Fußball-WM in Russland gestrichen.

Mercedes reagierte ausweichend: Man werde sich die Vorwürfe von Özil gegenüber den Medien, dem DFB und den Sponsoren in Ruhe ansehen, diese bewerten und anschließend entscheiden, sagte ein Sprecher.