„Wir arbeiten an einem Notfallplan“


In 520 Tagen endet die Mitgliedschaft Großbritanniens in der Europäischen Union, und noch immer ist unklar, wie dann das Verhältnis zwischen dem Land und der EU aussehen wird. In Unternehmen auf der Insel – aber auch auf dem europäischen Kontinent – sorgt das für Nervosität. Bei Großbritanniens größtem Pharmakonzern wappnet man sich nun für den Ernstfall. Schließlich gehe es um die „Versorgung mit lebenswichtigen Medikamenten für Großbritannien und die EU“, erklärte die Chefin von GlaxoSmithKline, Emma Walmsley ihr Vorgehen in einer Telefonkonferenz am Mittwoch. „Es wäre gut, wenn wir bald wüssten, wie eine Übergangsphase aussehen soll“, sagte sie.

Doch von Seiten der Regierung ist dazu kaum etwas zu hören. Nicht vor dem Jahr 2018, sagte Brexit-Minister David Davis am Mittwoch britischen Abgeordneten, werde wohl eine Vereinbarung zwischen London und Brüssel getroffen.

Deswegen arbeitet man bei dem Pharmakonzern an der Planung für den Notfall – und nicht nur dort. Die britische Glaxo-Managerin ist nicht die einzige, der der bevorstehende Ausstieg des Landes aus der EU Sorgen bereitet. Der japanische Automobilhersteller Toyota forderte am Mittwoch ebenfalls Ansagen von der britischen Regierung. Die britische Premierministerin Theresa May solle Klarheit schaffen, sodass man sich für die Zukunft vorbereiten könne, sagte Toyota-Manager Didier Leroy der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge in Japan. Man müsse sich überlegen, wie man wettbewerbsfähig bleiben könne, wenn nach dem Brexit Zölle und Handelshemmnisse anfielen. In Großbritannien arbeiten rund 3000 Angestellte für den japanischen Autohersteller.



Führende Wirtschaftsverbände des Landes hatten kürzlich eine klare Warnung in Richtung Regierung geschickt. „So bald wie möglich“ solle Brexit-Minister Davis eine Übergangslösung aushandeln, hieß es in einem Brief an die Londoner Regierung. Ohne eine solche Vereinbarung müssten viele Unternehmen „ernsthafte Überlegungen über Investitionen und Notfallplanungen anstellen, die zu Jahresbeginn 2018 in Kraft treten“. Sollte es keine solche Vereinbarung geben, hätte das „weitreichende negative Folgen auf Investitionen und Handel“, warnen die Verbände. Während der Übergangsphase solle das Wirtschaftsverhältnis zwischen Großbritannien und der EU ‚so nah wie möglich am Status quo‘ sein.

Dies entspricht auch den Wünschen der GlaxoSmithKline-Managerin Walmsley. Ihre To-Do-Liste für die Regierung umfasst fünf Punkte: Erstens müsse man so bald wie möglich Klarheit über eine mindestens zweijährige Übergangsphase erhalten. Zweitens sei es von immenser Bedeutung, dass die Vorschriften und Regulierungen für die britische Pharmabranche so nah wie möglich an denen der EU bleiben, ganz gleich, ob es etwa um Vorschriften oder die Anerkennung von Zulassungsverfahren gehe.


Drittens sei wichtig, dass der Handel zwischen den beiden Gebieten so reibungslos wie möglich ablaufe. Viertens müsse man Mitarbeiter, ganz gleich aus welchem Land, einstellen und beschäftigen können. Und als fünften Punkt verwies Walmsley darauf, dass man in Großbritannien nicht von Geldern für die Forschung und Entwicklung abgeschnitten werden dürfe.

Sie rechnet damit, dass ab dem Jahresende auch wegen der Umstellungen für den Brexit Kosten anfallen, etwa für den Aufbau von Testeinrichtungen für neue Medikamente und die Umstellung von Lizenzen. Trotz allem sei aber nicht geplant, Bereiche aus Großbritannien abzuziehen, sagte Walmsley. Für die sogenannte Lifescience-Industrie arbeiten in Großbritannien nach Angaben des Wirtschaftsverbands CBI 53.000 Menschen. Jedes Jahr werden Produkte im Wert von rund 20 Milliarden Pfund exportiert, 44 Prozent davon in die EU.