Ich arbeite als Teilzeitfahrer bei Amazon — so tricksen wir, um die strengen Regeln und die ständige Überwachung zu umgehen

Jenny Powers
·Lesedauer: 8 Min.

Der Amazon-Fahrer Jay (Name geändert) liefert seit 2019 in Teilzeit Pakete für Amazon im ländlichen Michigan aus. Aus Angst davor, seine Stelle zu verlieren, will er anonym bleiben. Seine Identität wurde von Insider verifiziert.

Ich begann 2019 in Teilzeit als Fahrer für Amazon zu arbeiten, nachdem ich online eine Ausschreibung gesehen hatte. Ich bin gerne unterwegs und da ich ein paar zusätzliche Dollar gebrauchen konnte, habe ich mich beworben. Mein Anfangsgehalt betrug 16 Dollar pro Stunde. Nach einem Jahr wurde mein Lohn um 0,25 Dollar pro Stunde erhöht. Erst kürzlich erhielten die Fahrerinnen und Fahrer auch einen Covid-19-Bonus — Teilzeitkräfte wie ich bekamen 150 Dollar.

Es ist kein Geheimnis, dass Amazon den Großteil seiner Lieferungen über externe Lieferdienstleister abwickelt. Obwohl ich also ausschließlich Amazon-Pakete ausliefere und Markenkleidung mit dem Amazon-Logo trage, arbeite ich nicht wirklich für Amazon.

Ich mag den externen Lieferdienstleister, für den ich arbeite, und bin dankbar für den Job. Doch Amazons ständiges Bedürfnis, neue Regeln einzuführen, ist frustrierend und hat zu einer hohen Fluktuation an meinem Arbeitsplatz geführt. Es gibt etwa 25 bis 30 Fahrerinnen und Fahrer in Vollzeit und in der Regel die gleiche Anzahl an Beschäftigten, die am Wochenende umherfahren. Das liegt zum Teil an der hohen Fluktuation von Teilzeitkräften. Ich schätze, dass es seit letztem Jahr 30 bis 40 neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gegeben hat. Manchmal fühle ich mich so, als stecke ich in einer nicht enden wollenden Drehtür fest, bei der jedes Mal, wenn ich am Eingang vorbeikomme, ein neues Gesicht auftaucht.

Amazon predigt Sicherheit, Sicherheit, Sicherheit. Doch während das für die Medien ein tolles Schauspiel ist, sieht es hinter den Kulissen ganz anders aus. Die externen Lieferdienstleister stehen unter immensem Druck, gute Leistungen zu erbringen, sonst riskieren sie, dass ihr Vertrag gekündigt wird — und diesen Druck bekommen wir Fahrerinnen und Fahrer zu spüren.

Im Namen der Sicherheit verfolgt Amazon alles, was wir tun und erzeugt so in Wirklichkeit nur noch mehr Druck

Über eine App namens Mentor überwacht Amazon alles: Beschleunigung, Bremsen, Kurvenfahren, Rückwärtsfahren, ob die Fahrerinnen und Fahrer angeschnallt sind oder ob sie den Bildschirm während der Fahrt berühren. Die App kann entweder auf unsere eigenen Mobiltelefone heruntergeladen werden oder auf ein Telefon, das uns von unserem externen Lieferdienstleister zur Verfügung gestellt wird. Ich habe mich für die zweite Option entschieden, weil ich es nicht mag, eine Tracking-App auf meinem persönlichen Telefon zu haben.

Am Ende jeder Schicht, die in der Regel zwischen neun und elf Stunden dauert, erstellt die App eine Punktzahl. Diese basiert darauf, wie gut wir gefahren sind. Die höchste Punktzahl ist 850. Als ich vor fast zwei Jahren anfing, war ein Ergebnis von 550 in Ordnung. Jetzt hat sich das geändert und sie wollen, dass die Punktzahl in einem hohen 700er-Bereich liegt. Früher erreichte ich 550 Punkte. Jetzt stehe ich immer eher bei 750. Das ist im Grunde die niedrigste Punktzahl, die Amazon zulässt, ohne dass der externe Lieferdienstleister Probleme bekommt.

Der Punktestand kann aber durch Dinge beeinträchtigt werden, die man nicht beeinflussen kann

Rennt ein Kind auf die Straße, um seinem Fußball hinterher zu jagen und ihr müsst unerwartet auf die Bremse treten, geht das zu Lasten eurer Punktzahl. Läuft euch ein Reh vor den Wagen und ihr müsst ausweichen, um einen Unfall zu vermeiden, geht das ebenfalls von eurem Punktestand ab. Oder euer GPS fällt während der Fahrt plötzlich aus und ihr berührt den Bildschirm, um wieder auf Kurs zu kommen — bumm, das ist ein weiterer Verstoß. Was soll man in solchen Situationen aber sonst tun?

Ich war noch nie in einen Unfall verwickelt, aber solche Vorfälle können den Punktestand der Beschäftigten negativ beeinflussen. Und im Endeffekt zählt nur der Punktestand.

Ein anderer Fahrer nimmt das Tracking-Handy einen Tag mit

Mein Dienstleister möchte sein Geschäft nicht gefährden, also haben wir einen Weg gefunden, das System auszutricksen. Wenn die Punktzahl eines Angestellten zu sinken beginnt, weist uns unser Vorgesetzter an, uns zu Beginn unserer Schicht in die App einzuloggen und dann unser Telefon an jemanden zu übergeben, der typischerweise eine hohe Punktzahl hat. Der nimmt es mit auf seine Route — Problem gelöst.

Ich fahre einen Leihwagen und kein offizielles Amazon-Fahrzeug. Auch wenn ich nie zu schnell fahre, bevorzuge ich das, weil die Amazon-Fahrzeuge nicht schneller als 112 Kilometer pro Stunde fahren können.

Falls man mir sagt, dass ich eine Kamera in meinem Lieferwagen anbringen muss, dann werde ich wahrscheinlich nicht länger dort arbeiten. Ich muss nicht den ganzen Tag unter ständiger Überwachung stehen, selbst wenn es unter dem Deckmantel der Sicherheit erfolgt.

Ein 60-Punkte-Check vor Arbeitsbeginn

Von dem Moment unserer Ankunft bei der Arbeit an, müssen wir uns beeilen. Sobald wir auf dem Parkplatz ankommen, müssen wir unser Fahrzeug eigenhändig einem 60-Punkte-Check unterziehen, bevor wir unsere Routen zugewiesen bekommen und unsere Paketliste erhalten. In mehreren Gruppen werden wir nacheinander zu unserem Logistikzentrum geschickt, um unsere Pakete abzuholen. In jeder Schicht müssen wir beispielsweise überprüfen, ob unsere Scheibenwischerflüssigkeit aufgefüllt ist, ob unser Fahrzeug einen Tankdeckel hat, ob unsere Rückfahrkamera funktioniert, ob unsere Reifen abgefahren sind und ob der Luftdruck und die Profiltiefe stimmen.

Im Zentrum geht es zu wie in einem riesigen Bienennest, weil wir jedes Paket scannen müssen, bevor wir unser Fahrzeug beladen. Dann müssen wir uns beeilen, um sicherzustellen, dass wir tatsächlich alles auf unserer Route bis 22 Uhr ausliefern können — das ist die Vorgabe von Amazon. Im Durchschnitt fahre ich etwa 150 Pakete und 130 Stopps pro Schicht. In der Hochsaison, die von Oktober bis Dezember geht, sind es 30 bis 40 Prozent mehr. Während der Hochsaison gibt Amazon Teilzeitfahrern wie mir einen Saisonbonus von 150 Dollar.

Pausen ignorieren, um den Soll zu schaffen

Meistens fahre ich eine ländliche Route und möchte auf keinen Fall in der Dunkelheit auf einer Landstraße ohne Straßenbeleuchtung unterwegs sein. Wir bekommen zwar elektronische Benachrichtigungen, dass wir zwei 15-minütige Pausen während unserer Schichten und eine Mittagspause einlegen sollen, aber ich ignoriere die Benachrichtigungen immer und esse einfach während der Fahrt — was eigentlich verboten ist. Denn das ist die einzige Möglichkeit, den Job pünktlich zu erledigen und keine Pakete zurück zum Zentrum bringen zu müssen.

Der Dienstleister wird für die Rücksendung von Paketen bestraft. Allerdings weiß ich nicht, wie hoch der Prozentsatz ist. Ich bin mir sicher, dass es einen gewissen Toleranzbereich gibt, da es schlichtweg nicht immer möglich ist, die Pakete an der entsprechenden Adressen zu hinterlassen. Ich vermute aber, dass der Dienstleister bestraft wird, wenn zu viele Pakete zurückgebracht werden.

Meist eine Pinkel-Flasche im Van

Auf meiner Route habe ich bereits in eine Flasche gepinkelt, um Zeit zu sparen. Zum Teil aus freien Stücken, zum Teil aus der Not heraus — wenn ich auf diesen Landstraßen arbeite, kann es manchmal bis zu 20 Minuten dauern, bis ich ein Fast-Food-Restaurant oder eine Tankstelle finde und so viel Zeit habe ich einfach nicht. Wenn über sechs Kilometer zwischen den Häusern liegen und niemand in der Nähe ist, pinkel ich vielleicht auf der Landstraße. Dennoch habe ich meistens eine Flasche im Van.

Als ich für UPS gearbeitet habe, musste ich das nur selten tun, weil sie so viele kommerzielle Lieferungen machen — ich war immer relativ nah an einem Geschäft, wo ich die Toiletten benutzen konnte.

Selbst an den Tagen, an denen ich es schaffe, früher fertig zu werden, ist es fast garantiert, dass ich zurückgeschickt werde, um jemand anderes auf einer anderen Route zu helfen. Das ist natürlich nicht ideal, weil ich zu diesem Zeitpunkt einfach nur noch nach Hause möchte.

Regeln gemacht von Menschen, die nie hinter dem Lenkrad saßen

Im Moment wird viel über Gewerkschaften gesprochen, aber ich persönlich bin kein großer Fan davon. Zwischen 1940 und 1950 waren Gewerkschaften bestimmt noch nützlich, aber heutzutage geht es nur noch darum, die Macht an sich zu reißen. Als ich als Aushilfsfahrer bei UPS gearbeitet habe, hatte ich aufgrund meines Teilzeitstatus keinen Anspruch auf Sozialleistungen. Dennoch musste ich Gewerkschaftsbeiträge zahlen.

Das größte Problem mit Amazon und seinen Fahrerinnen und Fahrern ist, dass die Menschen, die die Regeln aufstellen, in Büros sitzen und nicht hinter dem Lenkrad. Oft sind die eingeführten Regeln kontra-produktiv zu dem, was tatsächlich nötig ist, um unsere Arbeit sicher und effizient zu erledigen. Amazon prahlt damit, die Sicherheit der Fahrerinnen und Fahrer immer besser gewährleisten zu können, stellt aber Forderungen auf, die uns zwingen, das System zu umgehen.

In einer Stellungnahme an Insider sagte ein Amazon-Sprecher: "Wir unterstützen die Fahrer dabei, sich die Zeit zu nehmen, um zwischen den Stopps Pausen zu machen. Wir bieten eine Liste innerhalb der Amazon Delivery App mit nahegelegenen Toiletten und Tankstellen. Die Route der Fahrer ist so konzipiert, dass sie Zeit für Pausen haben und die Toilette benutzen können. Die App informiert sie sogar, wenn es Zeit für eine Pause ist. In enger Zusammenarbeit mit den Dienstleistern legen wir realistische Erwartungen fest, die weder sie noch ihre Fahrer übermäßig unter Druck setzen. Mit einer ausgeklügelten Technologie werden die Routen so geplant, dass sie innerhalb einer bestimmten Zeit abgeschlossen werden können. Dabei werden zahlreiche Faktoren wie Paketvolumen, Komplexität der Adressen und angemessene Pausenzeiten berücksichtigt. Tatsächlich schaffen mehr als 75 Prozent der Fahrer ihre Routen rund 30 Minuten schneller als geplant. Ob hochmoderne Sicherheitstechnologie in den Transportern, Schulungsprogramme für die Sicherheit oder kontinuierliche Verbesserungen unserer Kartierungs- und Routing-Technologie — wir haben mehrere Millionen Dollar in Sicherheitsmechanismen in unserem gesamten Netzwerk investiert und unterrichten unsere Fahrer regelmäßig über bewährte Sicherheitsverfahren."

Dieser Artikel wurde von Ilona Tomić aus dem Englischen übersetzt und editiert. Das Original lest ihr hier.