Die „Aquarius“ rettet 20 Menschen in Seenot


Das Rettungsschiff „Aquarius“ hat am Montag 20 Menschen auf dem Mittelmeer gerettet. Unter den Geretteten, alle libyscher Herkunft, sind drei Kinder und drei Frauen. Die Geflüchteten waren nach Angaben eines Betroffenen am Morgen von Libyen aus in See gestochen. Sie waren demnach mehrere Stunden auf dem Wasser, ehe sie die Crew der „Aquarius“ etwa 25 Seemeilen vor der libyschen Küste aus einem Glasfaserboot barg. Es konnten alle an Bord gebracht werden, einige Geflüchtete befinden sich seither in medizinischer Behandlung.

Der Rettung vorangegangen waren einige Unstimmigkeiten, wer den Einsatz durchführen sollte. Die für die Seerettung in internationalen Gewässern zuständige Seenotrettungsleitstelle in Rom (MRCC) wies die „Aquarius“ per Telefon an, die Rettung auf Basis internationalen Seerechts durchzuführen. Es verpflichtet, jeder Person, die auf See in Lebensgefahr angetroffen wird, so schnell wie möglich zu Hilfe zu eilen. Demnach hätte die „Aquarius“, die sich in internationalen Gewässern befand, die Rettung sofort durchführen können.





Zugleich informierte die MRCC die Crew aber darüber, dass die libysche Küstenwache (LCG) unterwegs sei und die „Aquarius“ mit ihr kooperieren solle. Nachdem die Crew auf Weisung der MRCC mehrfach vergeblich bei der LCG angerufen hatte und das Boot der Küstenwache, das innerhalb von zehn Minuten vor Ort sein sollte, auch nach 30 Minuten nicht eingetroffen war, begann die Evakuierung. Zunächst brachten die Rettungsboote der „Aquarius“ gesundheitlich beeinträchtigte Menschen vom Flüchtlingsboot an Bord, zuletzt alle anderen.

„Das Boot befand sich klar in Seenot. Es beförderte mehr Personen als zugelassen. Es war auch viel zu klein, zu instabil und hatte nicht genug Benzin an Bord, um die Überfahrt nach Europa zu schaffen“, sagte Madeleine Habib von SOS Mediterranée, der Organisation, die die Rettung leitete. „Das Boot hätte jederzeit kentern können.“ Auch war in das Boot bereits Wasser eingedrungen.

Im August hatte die westlibysche Regierung eigenmächtig eine 74 Seemeilen breite „Such- und Rettungsregion“ ausgerufen, die bis weit in internationales Gewässer ragt. In dieser Zone beansprucht Libyen seither Hoheitsgewalt, droht privaten Hilfsorganisationen und erklärt sich allein zuständig für Seenotrettungen. Dadurch häufen sich Situationen, in der NGO-Rettungsboote direkt vor Booten in Seenot schwimmen, aber nicht eingreifen können, da sie auf Meldungen der LCG oder der MRCC warten müssen. Mitte September bat die LCG die „Aquarius“ erstmals ausdrücklich um Hilfe und überließ ihr einen kompletten Rettungseinsatz.

Die EU unterstützt Libyen und die Küstenwache mit Ausrüstung, Geld und Ausbildung, um Menschen an der Überfahrt zu hindern. Ärzte ohne Grenzen und Geflüchtete berichten derweil von Folter, Vergewaltigung und erbärmlichen Zuständen in libyschen Internierungslagern, in denen Migranten festgehalten werden.


Ein 31-jähriger geretteter Libyer sagte dem Handelsblatt an Bord der „Aquarius“: „Wir mussten Libyen verlassen, weil es dort nicht mehr sicher ist. Leute werden erschossen, die Situation ist sehr gefährlich. Sie können sich nicht vorstellen, wie erleichtert wir waren, als wir das Rettungsschiff sahen.“

SOS Méditerranée und Ärzte ohne Grenzen haben mit der „Aquarius“ allein zwischen Januar und August 2017 über 9000 Menschen aus dem Mittelmeer gerettet. Nach UN-Angaben starben bei dem Versuch der Überfahrt im Mittelmeer seit Jahresbeginn mehr als 2300 Menschen. Erst vergangene Woche war ein Boot westlich von Tripolis gekentert; dabei kamen die meisten der etwa 130 Bootsinsassen ums Leben.