Apple unter Druck: Die Sorgen um das iPhone X werden größer

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Das neue Premium-Smartphone aus Cupertino: das iPhone X (Foto: © Apple)

Es ist ein vermeintliches Paradoxon: Apple konnte im abgelaufenen Quartal ein neues Rekordergebnis erzielen, doch die Wall Street war wieder einmal nicht zufrieden. Der Grund ist schnell gefunden: Die Verkäufe des neuen Smartphone-Flaggschiffs iPhone X bereiten Analysten Kopfzerbrechen.

Neuer Meilenstein in Cupertino: Stolze 20 Milliarden Dollar konnte Apple im abgelaufenen Geschäftsquartal netto verdienen – so viel wie noch nie ein Unternehmen in der Wirtschaftsgeschichte eingefahren hatte. In Relation: Der Konzerngewinn im Dreimonatszeitraum Oktober bis Dezember entspricht Einnahmen von 6,66 Milliarden Dollar pro Monat, 1,5 Milliarden Dollar pro Woche, 222 Millionen Dollar pro Tag, 9,2 Millionen Dollar pro Stunde bzw. 385.400 Dollar Pro Minute.

Süßer die Kassen in Cupertino nie klangen – und trotzdem verbuchte Apple in Reaktion auf die am Donnerstag nach Handelsschluss bekannt gegebenen Quartalsergebnisse schwere Kursverluste. Das schnelle Kursplus von 3,5 Prozent im nachbörslichen Handel verwandelte sich am nächsten Handelstag in ein krachendes Minus von 4,5 Prozent.

iPhone-Verkäufe überraschend rückläufig

Von 174 Dollar sackte die Apple-Aktie binnen weniger als 24 Stunden bis auf 160 Dollar durch –  70 Milliarden Dollar an Börsenwert gingen an nicht einmal einem Handelstag verloren – seit den Höchstkursen vor zwei Wochen sind gar bereits 100 Milliarden Dollar an Börsenwert verschwunden. Wie ist der Apple-Absturz trotz des besten Quartalsergebnisses aller Zeiten, das eine Umsatzsteigerung um 13 Prozent auf bereits 88,3 Milliarden Dollar beinhaltet, nun zu erklären?

Mit einem Wort: dem iPhone. Zwar konnte Apple dank seiner mit Abstand größten Konzernsparte einen neuen Umsatzrekord von bereits 61,5 Milliarden Dollar verbuchen, ein Plus von weiteren 13 Prozent. Doch überraschenderweise musste Konzernchef Tim Cook mit 77,3 Millionen verkauften Einheiten im Vergleich zum Vorjahresquartal einen Absatzrückgang nach Stückzahlen bekannt geben, den die Wall Street in keiner Form erwartet hatte.

Analysten gleich doppelt enttäuscht 

Tim Cook und Finanzchef Luca Maestri bemühten sich in der anschließenden Telefonkonferenz darauf hinzuweisen, dass Apple in diesem Weihnachtsquartal in der Bilanz lediglich über 13 Verkaufswochen verfügte, während im vorangegangenen Fiskaljahr noch 14 Verkaufswochen zugrunde gelegt wurden und Apple im Verkauf pro Tag tatsächlich mehr Einheiten abgesetzt hatte (850.000 vs. 799.000 Einheiten pro Tag), doch die Botschaft wollte sich an der Ergebnis-fixierten Wall Street nicht recht durchsetzen, so weit wurden die Analysten-Erwartungen, die bei über 80 Millionen Einheiten im Weihnachtsquartal gelegen hatten, verfehlt.

Und das ist nur die eine Seite der Analysten-Enttäuschung. Apples Umsatzausblick auf das laufende März-Quartal, den Tim Cook auf 60 bis 62 Milliarden Dollar taxierte, lag so erheblich unter den Wall Street-Erwartungen von 66 Milliarden Dollar wie lange nicht mehr. Anleger fällten mit ihrer harschen Marktreaktion ein schnelles Urteil: Etwas scheint schiefzulaufen in Cupertino.

Sorge um das iPhone X    

Die Ursache für die Analysten-Enttäuschungen war schnell gefunden: Apples neues Smartphone-Flaggschiff, das erst im November gelaunchte iPhone X, scheint doch nicht die Masse an Käufern zu finden, mit der Analysten in ihren euphorischen Schätzungen zum Verkaufsstart noch gerechnet hatten.

Zwar trug das bis zu 1320 Euro teure Smartphone mit OLED-Display maßgeblich dazu bei, dass Apple den Durchschnittsverkaufspreis des iPhone um mehr als 100 Dollar auf enorme 796 Dollar je Gerät steigern konnte. Doch der deutlich schwächer als erwartete Ausblick für das März-Quartal legt nahe, dass der große Ansturm auf Apples neues iPhone-Flaggschiff nach nur drei Monaten schon wieder deutlich nachlässt.

Gerüchte um massive Produktionskürzungen beim iPhone X

In den vergangenen Wochen hatten Analysten aus Asien und zuletzt auch von der Wall Street und Verweis auf Zuliefererkreise bereits mehrfach Hiobsbotschaften geäußert. So geht Morgan Stanley etwa davon aus, dass Apple seine iPhone-Produktion im laufenden Quartal wegen nachlassender Nachfrage um happige 50 Prozent nach unten korrigiert habe. Das Wall Street Journal führte sogar eine Quelle an, die von Kürzungen um bis zu 60 Prozent sprach.

Seitdem befindet sich die Apple-Aktie unter Druck. Die Sorge geht am Markt um, dass sich Apple beim iPhone X mit seiner Hochpreisstrategie verzockt haben könnte und nach den treuen Fanboys in der westlichen Welt, die die saftigen Aufschläge von 250 bis 300 Euro / Dollar auf Apple-Produkte mittragen, nun im Rest der Welt – und gerade in preissensibleren Schwellenländern – die Anschlusskäufer fehlen. Entsprechend drohen Apple nun Monate des Unklarheit, in denen Aktionäre vor neuen Hiobsbotschaften aus der Zulieferkette und möglichen Analysten-Downgrades zittern.

Balsam von 163 Milliarden Dollar     

Immerhin: Konzernchef Tim Cook hatte in der Bilanz und im anschließenden Conference Call noch ein paar andere Joker in der Hinterhand, die freilich jedoch nicht die Wirkung wie das iPhone enfalten. Die Servicesparte (iTunes, iCloud, App Store) wächst weiter um 18 Prozent und bringt es bereits auf Erlöse in Höhe von 8,5 Milliarden Dollar, während Apples „Andere Produkte“, in der die Apple Watch, Apple TV und andere Accessoires zusammengefasst sind, sogar um 36 Prozent zulegte. Apple-Blogger Neil Cybart („Above Avalon“) rechnet unterdessen damit, dass der Wearable-Anteil (Apple Watch und die Drahtlos-Kopfhörer AirPods) und 70 Prozent zugelegt haben.

Und dann sind da noch Apples überbordende Bargeld-Reserven, die auf 285 Milliarden Dollar angeschwollen sind, von denen freilich 122 Milliarden Dollar an Schulden abgezogen werden müssen und noch einmal 38 Milliarden Dollar an Steuern, die für die Rückführung des Auslandskapitals aufgewendet werden müssen. Finanzchef Maestri überraschte in der Telefonkonferenz, dass Apple mittelfristig einen „netto neutralen“ Cash-Anteil anstrebe.

In anderen Worten: Der Techpionier könnte schon in Kürze über 100 Milliarden Dollar an Aktionäre in Form von Aktienrückkäufen oder einer Dividendenerhöhung zurückführen – oder doch eine Großübernahme bemühen. Für zusätzliche Fantasie ist für Apple-Aktionäre also gesorgt, wenn da nicht die Sorgen um das iPhone X wären, die Apple bis zum Launch des Nachfolgemodells im Herbst begleiten könnten…