Apple kapert die Autoindustrie – und die wehrt sich nicht mehr

Apple CEO Tim Cook will die Autoindustrie revolutionieren. - Copyright: Getty Images / Justin Sullivan
Apple CEO Tim Cook will die Autoindustrie revolutionieren. - Copyright: Getty Images / Justin Sullivan

Apple hat die Entwicklungen der Mobilität schon lange im Blick. Seit Jahren halten sich Gerüchte, der iPhone-Konzern forsche an einem eigenen Auto. CEO Tim Cook wurde bei Autoherstellern gesichtet, betrachtete Produktionsanlagen und was man sonst so zum Bau eines Fahrzeugs benötigt. In Kalifornien wurden zudem mehrfach autonome Fahrzeuge gesichtet, die von Apple betrieben werden sollen.

Doch das lang erwartete Apple Car wird es wohl nie geben. Vielmehr will Apple das Auto von innen übernehmen. Auf seiner Entwicklerkonferenz WWDC zeigte der Konzern vergangene Woche eine neue Version seines Auto-Betriebssystems Carplay, das Ende 2023 auf den Markt kommen soll. Die Software soll sich tief in das Armaturenbrett von Fahrzeugen einnisten. Es entstünde tatsächlich so etwas wie ein iPhone auf Rädern. Setzt sich damit der Bedeutungsverlust der Hersteller fort?

Bisher kann Carplay relativ wenig. Nutzerinnen und Nutzer können die Navigation verwenden, dazu einige Apps wie Musik und die Sprachsteuerung. Das funktioniert alles gut, ersetzt aber nicht die bestehenden Infotainmentsysteme vieler Hersteller. Das soll sich mit der neuen Version ändern. Apple will das gesamte System übernehmen und damit auch alle Displays. Fast alle für die tägliche Autofahrt relevanten Daten sollen über Carplay angezeigt werden, vom Tacho bis zum Füllstand der Batterie. Auch Komfortfunktionen, wie die Klimaanlage oder die Massagesitze sollen über Apple laufen.

Apple ist nicht alleine

Neu ist die Idee nicht, vergleichbare Services bieten auch andere Unternehmen wie Qualcomm oder Nvidia an, die interessierten Autokonzernen ganze Softwarepakete verkaufen. Aber Apple geht noch einen Schritt weiter. Denn das Unternehmen will den Kunden ermöglichen, die Anzeigen in großem Umfang selbst zu konfigurieren. Nicht nur die Displayfarben, auch das Design lässt sich zumindest teilweise umgestalten. Während bei den bisherigen Systemen die Konfigurationsmöglichkeiten sehr eingeschränkt sind, will Apple dem Nutzer hier deutlich mehr Freiheiten gewähren.

Apple will also das Auto im Innenraum bei der Software komplett übernehmen und als Hardware dient schlicht und ergreifend das iPhone. Dass die neue Carplay-Version erst Ende 2023 kommt, deutet darauf hin, dass man dafür auch auf eine stärkere CPU im iPhone setzen wird. Das wird der hauseigene M1- oder M2-Chip in der mobilen Version sein, der spätestens ab 2023 im iPhone erwartet wird.

Für Apple ist das Auto als Absatzmarkt hochattraktiv. Schon 2015 sagte der COO, Jeff Williams, dass das Auto das ultimative mobile Gerät sei. Wer den Konzern aus Cupertino kennt, weiß, dass man dort technologisch mehrere Jahre vorausdenkt. Das autonome Fahren wird kommen und damit werden Unterhaltung und vernetzten Dienste im Fahrzeug wichtig. Logisch, dass Apple auch dort mit Software vertreten sein will. Damit hätte man auch Zugriff auf alle Daten, die über das iPhone laufen.

Hersteller haben keine Chance

Man sollte meinen, dass die Autoindustrie den Angriff von Apple gar nicht gerne sieht. Denn der Software-Gigant greift auf eine Domäne zu, die bisher noch voll unter der Kontrolle der Hersteller gewesen ist. Gerade das Design der Benutzeroberfläche im Infotainmentsystem und bei den Kontrollanzeigen gehören zu den wichtigen Aspekten, an denen sich ein Hersteller erkennen lässt. Umso erstaunlicher liest sich die Liste der Hersteller, die das Carplay unterstützen möchten.

Von den deutschen Herstellern sind Audi, Mercedes und Porsche dabei. Die internationalen Hersteller werden unter anderem von Ford, Jaguar, Nissan, Renault und Volvo vertreten. Dass vor allem Mercedes die Apple-Software in ihrer neuen Form unterstützen möchte, ist überraschend. Denn die Stuttgarter haben bereits eine Kooperation mit Nvidia. Der Chipkonzern soll ab Ende 2024 das Infotainmentsystem bei Daimler aufpolieren. Warum also Apple das System übernehmen lassen?

Die Antwort liegt in den Nutzungsdaten von Carplay. Ist es im Auto vorhanden, nutzen rund ein Drittel der Fahrer das Apple-System. Und nur vier Prozent der User geben an, dass sie das eingebaute Infotainmentsystem dem von Apple bevorzugen. Dazu kommt, dass gerade Besitzer von teuren Fahrzeugen eher ein neues iPhone-Modell besitzen. Premium-Marken würden also Gefahr laufen, Kunden zu verlieren, wenn sie kein Carplay anbieten.

Dass die traditionelle Autoindustrie dem Griff von Apple nach den Daten im Auto nichts entgegensetzt, unterstreicht, dass einige Hersteller den Kampf gegen die Tech-Konzerne aufgeben. Die Batterien kommen aus China, die Elektromotoren von einem Zulieferer, wie auch große Mengen der anderen Komponenten. Jetzt gibt man auch die Kompetenz im Bereich der Infotainment- und der Kontrollanzeigen ab. Was bleibt, ist das Design des Fahrzeugs selbst. Die Frage ist, wann Apple das auch noch übernimmt und die Hersteller zu einem reinen Zulieferer degradiert.

Don Dahlmann ist seit über 25 Jahren Journalist und seit über zehn Jahren in der Automobilbranche unterwegs. Jeden Montag lest Ihr hier seine Kolumne „Drehmoment“, die einen kritischen Blick auf die Mobility-Branche wirft.

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