AOK: Viele vermeidbare Todesfälle durch "Gelegenheitschirurgie" bei Krebsoperationen

Viele Patienten in Deutschland sterben zu früh, weil sie laut einer Studie in Kliniken mit zu wenig Erfahrung bei komplizierten Krebsoperationen behandelt werden. Diese "Gelegenheitschirurgie" sei nicht akzeptabel, kritisierte AOK-Chef Martin Litsch

Viele Krebspatienten in Deutschland sterben zu früh, weil sie einer Studie zufolge in Kliniken mit zu wenig Erfahrung bei komplizierten Operationen behandelt werden. Diese "Gelegenheitschirurgie" sei nicht akzeptabel, kritisierte Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbands, bei der Vorstellung des "Qualitätsmonitors" am Donnerstag in Berlin. Das Problem lasse sich nur durch Mindestmengen von Operationen in den Griff bekommen.

Der Studie zufolge könnte zum Beispiel die Zahl der Todesfälle nach Lungenkrebsoperationen rechnerisch von 361 auf 287 pro Jahr sinken, wenn eine Klinik jährlich mindestens 108 solcher Eingriffe vornehmen würde. Ein Fünftel der Patienten, bei denen oft ein Teil der Lunge entfernt werden muss, werde hingegen in insgesamt 260 Kliniken behandelt, in denen es im Durchschnitt nur fünf dieser Operationen pro Jahr gibt.

Es sei sehr wahrscheinlich, dass in diesen Kliniken "die nötige Operationsroutine" und die notwendige Spezialisierung "nicht vorhanden sein können", erklärte Thomas Mansky von der Technischen Universität Berlin und einer der Studienautoren.

Das bestätigen auch Daten der Deutschen Krebsgesellschaft, die nach eigenen Angaben bundesweit 49 Lungenkrebszentren zertifizierte. Diese müssten eine Mindestzahl von 75 Lungenkrebsoperationen pro Jahr vornehmen und darüber hinaus eine Reihe von Qualitätskriterien erfüllen. Das Problem seien die vielen Kliniken am anderen Ende des Spektrums. "Das sind in der Regel allgemeinchirurgische Abteilungen, die nur gelegentlich Thoraxchirurgie betreiben", erklärte die Expertin Simone Wesselmann.

In den Lungenkrebszentren sind die Sterblichkeitsraten der Patienten demnach deutlich niedriger als in Krankenhäusern, die den Eingriff seltener vornehmen. Eine Auswertung auf Basis der Krankenhausabrechnungsdaten von 2015 zeigt in Kliniken mit jährlich mehr als 75 Lungenkrebsoperationen eine Sterblichkeitsrate von zweieinhalb Prozent, während sie in den Kliniken mit weniger Operationen bei 4,1 Prozent liegt.

Ein ähnliches Bild zeigt sich dem AOK-Bericht zufolge bei anderen Krebserkrankungen wie Speiseröhrenkrebs, Bauchspeicheldrüsenkrebs sowie Blasen- und Darmkrebs. "In Deutschland gibt es immer noch viel zu viele Kliniken, die nur hin und wieder mal eine komplizierte Krebsoperation durchführen", warnte Mansky.

Die AOK will die Forderung nach Einführung von Mindestmengen für komplizierte Operationen bei Lungenkrebs und Brustkrebs daher in den Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) von Ärzten, Kassen und Krankenhäusern einbringen. Im Fall von Speiseröhren- und Bauchspeicheldrüsenkrebs verlangt die Kasse eine Erhöhung der bestehenden Mindestmengen.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft warnte vor einer Verunsicherung der Patienten. Aus der Interpretation von Abrechnungsdaten eine Ursächlichkeit zwischen dem operierenden Krankenhaus und einem späteren Todesfall ableiten zu wollen "ist schlichtweg unseriös", kritisierte Hauptgeschäftsführer Georg Baum. Mindestmengen seien ein auch von den Kliniken längst anerkanntes Instrument der Qualitätssicherung. Die Kassen selbst hätten allerdings in den vergangenen Jahren keine konkreten Anträge zur Einführung von Mindestmengen für komplizierte Operationen im GBA eingebracht.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz warf der AOK vor, "ein böses Spiel mit den Ängsten der Krebspatienten" zu treiben. Die Krankenkassen hätten im GBA längst aktiv werden können, kritisierte Vorstand Eugen Brysch.