Wie Anton Schleckers Zickzack-Kurs das Unternehmen ruinierte

Ein ehemaliger Berater der Drogeriemarktkette sagt vor Gericht aus, dass Anton Schlecker bis zuletzt aufs Überleben seiner Firma gehofft hatte. Doch der Firmen-Patriarch traf offenbar eine fatale Entscheidung.


Auch am 14. Tag des Schlecker-Prozesses, verdichtet sich das Bild des einstigen Drogeriekönigs Anton Schlecker, als einem sehr eigenwilligen Unternehmer. Erst holte er als Rettungsversuch Anfang 2010 den Unternehmensberater Wieselhuber & Partner ins Haus, dann setzte er dessen radikales Konzept, 2500 Filialen zu schließen und 6500 Geschäfte von Grund auf zu modernisieren nicht konsequent um. „Unser Konzept hätte erfolgreich sein können“, sagte der damals das Projekt betreuende Berater vor Gericht als Zeuge aus. „Alle hatten feuchte Augen, als sie das erste neu gestalteten Geschäft sahen“, berichtet Berater Timo R.

Es sei eine Aufbruchsstimmung im Unternehmen gewesen, Schlecker habe sich mit Hilfe der Beratung neu erfunden: Neue Geschäfte, neues Logo, neuer Geist. Durchschnittlich seien rund 50 000 Euro pro Filiale notwendig gewesen. Auch die Finanzierung des mindestens 250 Millionen Euro teuren Gesamtkonzeptes sei aus Sicht des Beraters machbar gewesen: „Es gab noch Potenziale im Unternehmen, wie den Verkauf der Spanien-Gesellschaft“.

Aber um die Sanierung besser abzusichern, habe Wieselhuber Schlecker mehrmals darauf hingewiesen,  für die Finanzierung sich externe Mittel zu beschaffen. „Damit mehr Sprit im Tank ist“, habe er immer gesagt, erinnert sich der Berater. Es habe sogar Präsentationen bei der WestLB und der Commerzbank gegeben, mit durchaus positivem Feedback zu möglichen Krediten.


Aber Schlecker wollte offensichtlich nicht – wie auch Zeugen vorher schon aussagten - dass die Banken zu tiefen Einblick ins Unternehmen bekommen. Auch die Berater wollte Schlecker, der als eingetragener Kaufmann für den ganzen Konzern mit seinem privaten Vermögen haftete, beim Thema Finanzierung nicht mehr dabei haben. „Das war eine Enttäuschung“, erinnerte sich der Berater, „Unsere Erfahrung hätte da sicher geholfen. Die Finanzierung war eine offene Flanke bei Schlecker.“

Im Februar 2011 stellte der Berater dann fest, dass das Tempo des Umbaus nachließ. Die 100 Filial-Schließungen pro Monat wurden verfehlt.  Bis Mitte 2012 hätten die von der Schließung verschonten 6000 Filialen für den komplett neuen Auftritt der Marke modernisiert sein sollen. Aber Schlecker schaffte die geplante Zahl der Modernisierungen schon Anfang 2011 nicht.

Zudem bemerkte der Berater, dass Schlecker das Modernisierungsprogramm auf eigene Faust abspeckte und  die Lücken in den Regalen der Filialen größer wurden. „Unser Programm ging nur ganz oder gar nicht. Herr Schlecker war bewusst dass das Konzept von uns umgesetzt werden muss“, sagte der Berater. Warum Schlecker abgewichen sei, wisse er nicht. Vermutlich sei eben doch nicht genug Geld dagewesen, um das Programm des Beraters durchzuziehen. Aber zu dem Zeitpunkt war Wieselhuber&Partner nicht mehr fest bei Schlecker engagiert. 


Europas einst größte Drogeriemarktkette meldete dann aber Anfang 2012 Insolvenz an. Zehntausende Beschäftigte verloren ihren Job, es war eine der größten deutschen Firmenpleiten.

Die Staatsanwaltschaft ist der Auffassung, dass Schlecker schon spätestens Ende 2009 die Zahlungsunfähigkeit drohte und der Gründer über die brenzlige Lage im Bilde war. Sie wirft Anton Schlecker Bankrott vor. Er soll außerdem Geld aus dem Unternehmen gezogen und an seine Kinder verschoben haben, die wegen Beihilfe angeklagt sind. Aber der Berater bestätigte, wie viele andere Zeugen zuvor, dass Anton Schlecker immer an die Fortführung seines Unternehmens geglaubt habe.

KONTEXT

Die Schlecker-Familie

Anton Schlecker

Der 72-Jährige ist der große Unbekannte. Selbst örtliche Politiker und Wirtschaftsvertreter haben kaum Kontakt zu ihm. Nach der Pleite soll sich Anton Schlecker auch von Vertrauten zurückgezogen haben. Der gelernte Metzgermeister eröffnete 1975 den ersten Schlecker-Markt. Zwei Jahre später betrieb er schon mehr als 100 Filialen. Er baute ein Imperium auf und beschäftigte in Glanzzeiten mehr als 55.000 Menschen. Konkurrent Dirk Roßmann, der Schlecker und dessen Frau seit Jahren kennt, sagte jüngst in einem Beitrag des SWR: "Fleißig waren die beiden, unglaublich." Außerdem seien sie hilfsbereit und großzügig gegenüber Freunden. Schlecker selbst sagte vor Gericht, er habe tagtäglich von frühmorgens an für das Unternehmen gearbeitet, auch am Wochenende.

Nicht nur im Geschäft achtete Schlecker auf jeden Cent. Er und seine Frau wurden in den 1990er Jahren zu zehn Monaten Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe von einer Million Euro verurteilt, weil sie Hunderte Mitarbeiter jahrelang unter Tarif bezahlt hatten. Über Jahre habe die Familie keinen Urlaub gemacht. "Wir hatten oder haben keine Sammlung von teuren Autos, keine Weingüter, keine Kunst, keine Jachten, keine Hotels." Dennoch habe man sich das ein oder andere geleistet.

Christa Schlecker

Über Anton Schleckers Frau ist am wenigsten bekannt. Sie ist in Essen geboren, besuchte die Handelsschule und heiratete 1971 Anton Schlecker. Die 69-Jährige wird als "resolut" beschrieben. Christa Schlecker galt als enge Vertraute Antons und soll zusammen mit ihm das berüchtigte Kontrollnetz über Mitarbeiter errichtet haben.

Lars Schlecker

Der heute 45-Jährige saß mit in der Geschäftsführung des Schlecker-Imperiums. Er wurde an der European Business School in London ausgebildet und machte im Jahr 2000 an der Steinbeis-Hochschule in Berlin seinen Master of Business Administration. Zu Zeiten des Internet-Hypes sammelte Lars Schlecker unternehmerische Erfahrungen als Gesellschafter des B2B-Portals Surplex.com - zusammen mit dem Sohn des ehemaligen Daimler-Chefs Jürgen Schrempp. Nach der Insolvenz arbeitete er als Agent für Künstler und engagiert sich derzeit beim Münchner Unternehmen float medtec. Er werde zwar immer als Pferdenarr beschrieben, so Lars Schlecker im Prozess. Er habe allerdings lediglich im Alter von 14 Jahren ein Jahr lang Reitstunden genommen.

Mit seiner Schwester verbindet ihn eine schreckliche Erfahrung: An Weihnachten 1987 wurden die Schlecker-Kinder entführt. Vater Anton handelte die Lösegeldforderung der Erpresser von 18 auf 9,6 Millionen Mark herunter. Das Geld wurde gezahlt, die Kinder konnten sich aber selbst befreien. Nach einem Bankraub wurden die Entführer 1998 gefasst. Lars Schlecker ist verheiratet mit einer Architektin, hat zwei Kinder und lebt in Berlin.

Meike Schlecker

Lars' zwei Jahre jüngere Schwester (43) legte eine mustergültige Karriere hin. Sie studierte an der renommierten IESE Business School in Barcelona, ist aber schon etwa seit dem Jahr 2000 im Unternehmen beschäftigt. Meike Schlecker war es, die sich 2012 vor Journalisten stellte, um die Pleite zu verkünden. Es war der erste öffentliche Auftritt der Schlecker-Familie seit dem Prozess gegen die Entführer der Kinder 1999. Meike Schlecker ist geschieden; sie lebt mit ihren beiden Kindern in London. Gedanken über ihre weitere berufliche Zukunft habe sie sich noch nicht gemacht, sagte sie im Prozess.