Antisemitismus in Deutschland: Was tun?

Das Video ist erschreckend: Ein syrischer Flüchtling schlägt mit seinem Gürtel auf einen friedfertigen Passanten ein - weil dieser eine Kippa trägt, die traditionelle Kopfbedeckung der Juden. Wir sind mitten in Berlin. Deutschland ist schockiert. In Deutschland leben etwa 100.000 Juden. Menschen, die sich zunehmend Sorgen machen: Entsteht hier ein "neuer Antisemitismus ", aus Nahost, Nordafrika und der Türkei nach Deutschland importiert?

Die jüdische Familie Michalski öffnete ihr Berliner Zuhause einem syrischen Flüchtling, ließen ihn ein Jahr lang bei sich wohnen. Der Sohn der Michalskis war so beeindruckt, dass er die Schule wechselte: Er wollte gemeinsam mit Kindern lernen, die wissen, was Flucht und Ausgrenzung bedeuten.

Vater Wenzel Michalski erzählt:

"Am Ende der ersten Woche hat die Lehrerin die Kinder gefragt, welche Gotteshäuser sie kennen. Und dann war mein Sohn an der Reihe und hat gesagt: Synagoge... und dann hat die Lehrerin gefragt: Wieso kennst Du denn eine Synagoge? Bist Du Jude? Und dann hat er gesagt: Ja. Und das war das Ende. Schon da fingen die Hänseleien, das Mobbing an. Er wurde getreten, geschlagen."

Euronews-Reporter Hans von der Brelie: "Die Situation eskalierte. Ich habe gehört, dass Ihr Sohn mit der Replika einer Pistole bedroht wurde und dass hier tatsächlich ein Kopfschuss simuliert wurde, also eine Scheinhinrichtung?"

Wenzel Michalski: "Er wurde zunächst von zwei älteren Jungs aus einer höheren Klasse gewürgt, im Schwitzkasten, so stark, dass er kurz das Bewusstsein verloren hat. Dann ist einer der Jungs mit so einer ähnlichen Waffe auf ihn zugestürmt und hat geschossen."

Die Michalskis haben jüdische und christliche Wurzeln. Während der Nazi-Zeit wurden sie zuerst diskriminiert, dann verfolgt. Nur ein Teil der Familie überlebte. Ein Freund bei der Polizei gab ihnen vor der Deportation einen Tipp, in letzter Minute konnten sie untertauchen.

Wenzel Michalski: "Mein Vater hat ein Buch geschrieben. Das Verrückte ist, dass mein Vater nach dem Krieg, da war er 14, auf das Berliner Canisius-Colleg gegangen ist, eine Jesuitenschule. Er war im selben Alter wie mein Sohn jetzt ist - und dort wurde er, nach dem Krieg noch, antisemitisch angegriffen. Und dass das jetzt, 70 Jahre danach, nun seinem Enkel wieder passiert, ist für ihn natürlich unglaublich schockierend gewesen."

Michalski macht die Leitung der Friedenauer Gemeinschaftsschule für den Skandal verantwortlich. Drei Monate Mobbing - und nichts geschah. Sein Sohn wechselte mittlerweile die Schule.

Der Vater: "Also aufgrund der Erfahrung hat mein Sohn angefangen, Karate zu machen, ist stolz, dass er jetzt den roten Gürtel, seinen ersten Gürtel hat - und er macht Krafttraining, hat sich tatsächlich ein paar Muckis angebaut, so wie viele andere jüdische Kinder auch."

Wer von einem antisemitischen Vorfall betroffen ist oder beobachtet, kann das im Internet melden. Bei diesem Internetportal finden auch Betroffene Hilfe.

Religiöse Toleranz? Eine Umfrage in Berlin-Neukölln

Die meisten Moslems in Deutschland verteidigen das Prinzip der religiösen Toleranz. Aber eben nicht alle. Auch der Verfassungsschutz warnt. In einigen Berliner Stadtvierteln, beispielsweise Neukölln, haben Hamas und Hizbollah Fuß gefasst.

Wer auf der Suche ist nach antisemitischen Hetzparolen, braucht keine Geheimdienstmethoden, es genügt eine Straßenumfrage:

"Die Juden müssen ausradiert werden. Hitler hat 90 Prozent getötet, hat nur zehn Prozent gelassen. Das ist auf jeden Fall gut, weil, hätte er die Juden in der damaligen Zeit am Leben gelassen, dann würden die Juden heute die ganze Welt nehmen", sagt Abu, ein Jugendlicher mit palästinensischen Wurzeln.

Doch die Mehrheit der Menschen hier lehnt Judenhass ab. Die Neuköllner wissen: Das bunte Multi-Kulti unterschiedlichster Überzeugungen funktioniert nur dank alltäglich gelebter Toleranz.

"Wir sind alle Menschen, egal ob Juden, Deutsche, Christen, Muslime - alle Muslime, Christen, Juden in der Welt muss man akzeptieren, jeder muss den anderen akzeptieren", meint Amal.

Miteinander reden statt übereinander

" Meet2respect " ist ein Projekt des gemeinnützigen Vereins Leadership Berlin – Netzwerk Verantwortung e.V. Seit 2013 gehen Menschen verschiedener Religionen in Schulen, um für ein gewaltfreies, tolerantes Miteinander der Religionenzu werben.

Joelle und Ender sind auf dem Weg zur Spandauer Beerwinkel-Schule. Miteinander reden statt übereinander, das ist die Idee von "Meet-to-respect".

Joelle ist aktives Mitglied der jüdischen Gemeinde in Berlin und mit einem Rabbiner verheiratet. Ender leitete jahrelang die grö´ßte Moschee von Berlin. Heute ist das Toleranzteam in der Klasse 5b. Auf die Frage, ob sie wissen, was Diskriminierung ist, erzählen viele von ihren Erfahrungen damit:

"Also in der ersten Klasse wurde ich ausgeschlossen, weil ich nicht so gut Deutsch konnte", sagt Fatima.

"Also, weil meine Mutter Polin ist, bin ich halt auch Pole - und deshalb sagen alle zu mir, dass ich eben halt alles klaue", so Erik.

"Wenn ich mal mit Türken spiele, werde ich öfters ausgeschlossen, weil ich Kurde bin", erzählt Cem.

Joelle Spinner sagt: "Anders fühlen ist ok - aber sich ausgegrenzt fühlen, ist nicht ok."

Klassenkameraden akzeptieren, sich in den anderen hineindenken: Die Kinder entdecken, dass Juden, Moslems und Christen so einiges gemeinsam haben, gemeinsame Werte teilen - aber auch mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben. Die 5b ist "in Vielfalt geeinigt" -das ist übrigens auch das Motto der Europäischen Union. Das Fazit der Kinder zu dieser besonderen Unterrichtsstunde:

"Moslems, Christen und Juden können beste Freunde werden, eine Freundschaft ist besser als Krieg", mein Cem.

"Für mich war das auch mit den Juden wichtig. Warum sollte man sie ausgrenzen? Und für Kinder ist das ja nicht leicht, die haben sich die Religion ja nicht ausgesucht", so Fatima.

Doch immer noch wird das Wort Jude auf deutschen Schulhöfen als Schimpfwort verwendet. Deutschland bräuchte mehr Toleranzteams wie Joelle und Ender - echte Superhelden religiöser Zivilcourage. Ender Çetin:

"Jegliche Art von Gewalt, des Hasses, ist falsch, ist bösartig. Und wir stehen als religiöse Menschen dagegen. Wir stehen für Respekt, für Nächstenliebe - und um das als Role-Model zu zeigen, sind wir hier."

Joelle Spinner: "Und ich möchte den Kindern auch zeigen - die haben ja zum Teil auch Vorurteile gegenüber Juden - dass die total falsch sind, denen zu zeigen: Guck mal, hier ist eine Jüdin, ihr könnt die alles fragen."

Kippatag in Frankfurt am Main

Frankfurt am Main hat einen Solidaritätstag ausgerufen: Jeder, der will, kann Kippa tragen. Auch die Wöhler-Schule macht mit. Aus gutem Grund erklärt uns Schülersprecher Carl-Philipp. Er ist Christ, doch heute trägt auch er Kippa: Vor etwa zwei Jahren kam es auf diesem Schulhof zu antisemitischen Beschimpfungen. Die Schulleitung reagierte sofort. Damit war das Problem gelöst.

2001 erforschte eine Projektgruppe das Schicksal der 27 jüdischen Schüler, die in der Nazi-Zeit deportiert und ermordet wurden. Schülersprecher Carl-Philipp Spahlinger:

"Das hier ist der Gedenkgarten der Wöhlerschule, wo wir den toten Schülerinnen und Schülern gedenken, die in der NS-Zeit ermordet wurden. Heute beteiligen wir uns am stadtweiten Kippot-Tag gegen Antisemitismus. Wir haben heute über 130 Kippot an der Schule verteilen können. Gleichzeitig ist es auch wichtig, weiterzugehen und nicht nur auf Antisemitismus aufmerksam zu machen, sondern auf jede Form der Diskriminierung."

Wir treffen uns mit dem Rabbiner Daniel Alter, lange Zeit Antisemitismusbeauftragter der jüdischen Gemeinde . 2012 wurde er in Berlin überfallen. Seine damals siebenjährige Tochter musste mitansehen, wie eine Gruppe junger Moslems ihrem Vater das Jochbein brachen.

Euronews-Reporter Hans von der Brelie: "Gibt es neben dem Antisemitismus von Nazis und Linksextremen nun auch einen Import-Antisemitismus muslimischer Ausprägung?"

Daniel Alter: "Es ist zwar meines Erachtens absolut richtig, dass ein wohlhabendes Land wie Deutschland im Rahmen seiner Möglichkeiten Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen, aufnimmt, das ist richtig, das befürworte ich. Aber wenn wir zum Beispiel an Syrien denken, da kommen viele Menschen aus Gesellschaften, in denen der Hass auf Juden fast schon einen staatstragenden Charakter hat."

Euronews: "Gibt es heute in Deutschland wieder ein Problem mit Antisemitismus?"

Daniel Alter: "Wir sind jetzt im 21. Jahrhundert und in Berlin ziehen Gruppen durch die Straßen und skandieren: 'Hamas, Hamas, Juden ins Gas' - so was wird auf deutschen Straßen skandiert. Wo eine Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit Platz bekommt, da bekommen auch andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit Platz."

Mit Symbolpolitik allein ist dem Problem wohl kaum beizukommen. Der Umgang mit Antisemitismus sollte Teil der Lehrerausbildung werden. Eltern könnten mit einbezogen werden. Sozialarbeiter brauchen ein Update. Und muslimischen Neuankömmlingen, die von antisemitischen Vorurteilen geprägt sind, muss Deutschland helfen, sich von diesen Stereotypen zu befreien.