Der Anti-Hulk, der Angst und Schrecken verbreitet

Johannes Fischer
Konstanze Klosterhalfen und die 5000-Meter Favoritin Sifan Hassan

Wenn sich Gina Lückenkemper  vor den Kameras gerne als Hulk inszeniert, dann ist Konstanze Klosterhalfen die Prinzessin Lillifee der deutschen Leichtathletik.

So forsch die Vize-Europameisterin über 100 Meter ihr ungezügeltes Temperament in der Öffentlichkeit auslebt, so zurückhaltend gibt sich ihre Teamkollegin über die 5000 Meter (Finale 20.15 Uhr im LIVETICKER).

Ist Lückenkemper ein echtes Kraftpaket, so wirkt Klosterhalfen mit ihren spindeldürren Beinen fast schon zerbrechlich. Sie ist sozusagen der "Anti-Hulk" im deutschen Team.

Drei Schallmauern geknackt

Und dennoch: Klosterhalfen, von Fans und Freunden nur "Koko" genannt, gilt als nicht minder begabt wie Lückenkemper. Im Gegenteil: Über die Mittel- und Langstreckendistanz gab es in den letzten Jahrzehnten keine deutsche Läuferin mit einem solchen Potenzial.

Trotz ihrer erst 21 Jahre hat die 1,75 Meter große und 49 Kilo leichte Athletin im vergangenen Jahr in der Weltelite mächtig Eindruck hinterlassen und verbreitet bei der Konkurrenz Angst und Schrecken.

Als weltweite erste ihres Alters gelang es Klosterhalfen, gleich drei Schallmauern zu knacken: Sie lief 800 Meter unter zwei Minuten  (1:59,65), 1500 Meter unter 4 Minuten (3:58,92) und 5000 Meter unter 15 Minuten (14:51,38). 


In der Szene ist sie selbst bei den weltbesten Athletinnen durchaus gefürchtet. So zwang sie bei ihrem Lauf zum deutschen 3000-Meter-Rekord auch schon Weltmeisterin Helen Obiri in die Knie.

Medaillen? "Damit beschäftigen wir uns nicht"

Kampfansagen hört man von ihr dennoch keine. Denn während Lückenkemper schon vor den Titelkämpfen kühn ihre Medaillenziele verriet, ist Klosterhalfen von Natur aus auf leisen Sohlen unterwegs. (SERVICE: Der Zeitplan der Leichtathletik-EM)

"Sifan Hassan ist die klare Favoritin", sagt sie im Gespräch mit SPORT1 über ihre niederländische Konkurrentin. "Ansonsten beschäftige ich mich nicht mit meinen Konkurrentinnen, das habe ich noch nie gemacht. Ich möchte ganz unbefangen ins Rennen reingehen."

Dass sie durchaus um die Medaillen laufen kann, kommt ihr nicht über die Lippen - genauso wenig wie ihrem Trainer Sebastian Weiß. "Damit beschäftigen wir uns nicht", sagt der Coach bei SPORT1.

Die Zurückhaltung ist jedoch nicht ausschließlich Understatement, sondern auch einer Zwangspause geschuldet, die Klosterhalfen unmittelbar vor der Sommersaison ausbremste.

Klosterhalfen zu ungeduldig

"Die Knieverletzung war sehr nervig und hart, wenn man sieht, dass alle laufen und man selbst still halten muss", sagt die 21-Jährige. (SERVICE: Der Medaillenspiegel der Leichtathletik-EM)

Doch weil Geduld nicht ihre größte Tugend ist, wie sie verriet, lief sie trotz der Schmerzen weiter - und büßte es schließlich mit einer zweimonatigen Pause. "Ich habe immer gedacht, dass es bald weg geht und es immer wieder versucht."


Weil sie sich schließlich doch zu einer absoluten Trainingspause durchrang und ihrem Körper die nötige Ruhe gab, schaffte sie es gerade noch rechtzeitig für die Titelkämpfe in Berlin fit zu werden.

Bei den deutschen Meisterschaften in Nürnberg holte sie vor drei Wochen den Titel über 1500 Meter – allerdings in einer Zeit (4:06,34 Minuten), mit der sie nicht zufrieden war. 2017 war sie beim ISTAF in Berlin bereits acht Sekunden schneller unterwegs gewesen.

Die Form ist wieder da

Weil sie in den Wochen zwischen Nürnberg und Berlin beschwerdefrei trainieren konnte, ist davon auszugehen, dass sich Klosterhalfen der Form aus der vergangenen Saison zumindest wieder annähert.   

"Das Training ist gut gelaufen. Nach den Deutschen Meisterschaften haben wir ein paar gute Einheiten gemacht. Konstanze ist soweit fit", sagt Weiß - und auch sein Schützling ist nun wieder optimistischer.

"Ich bin zuversichtlich, dass ich noch einmal einen Schritt nach vorne gemacht habe. Wir haben noch einen Testwettkampf gemacht und dabei gesehen, dass die Zeiten besser geworden sind."

Wo Mini-Hulk Gina die Keule auspackt, lässt sich Lillifee Koko bis zum Schluss nicht aus der Reserve locken. Wer die Zwischentöne aber vernimmt, der weiß: Für Klosterhalfen klingt das beinahe wie eine Kampfansage.