Prozess-Start: Geschmackloser Vergleich empört BVB

Sergei W (2.v.r.) wird angeklagt, die Explosionen am BVB-Bus herbeigeführt zu haben

Acht Monate nach dem Bombenanschlag auf die Mannschaft des Bundesligisten Borussia Dortmund ist am Donnerstag vor dem Dortmunder Landgericht der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter gestartet. Die Verhandlung begann mit einem Befangenheitsantrag der Verteidigung wegen einer "beispiellosen medialen Vorverurteilungskampagne". 

Noch vor Verlesung der Anklage hatte Verteidiger Carl W. Heydenreich die Unvoreingenommenheit der Schöffen bezweifelt. Er beklagte das Durchstecken sensibler Unterlagen an die Presse und eine vermeintlich fehlende Alternativhypothese der Staatsanwaltschaft zum Tathergang. Der Prozess wird am 8. Januar fortgesetzt.  

"Unsäglicher Vergleich" des Verteidigers

Am Mittwochabend hatte Heydenreich in den ARD-Tagesthemen einen Vergleich gewählt, den Oberstaatsanwalt Carsten Dombert vor Gericht "unsäglich und zynisch" nannte. Heydenreich hatte gesagt: "Wenn ein Spieler unbedrängt aus fünf Metern das Tor nicht trifft, fragt man sich zwangsläufig: Wollte er nicht oder konnte er nicht?" BVB-Rechtsanwalt Ulf Haumann bezeichnete den Vergleich eines Attentats mit einer vergebenen Torchance als "geschmacklos. Die Menschen im Bus hatten Todesangst. Der BVB verurteilt das aufs Schärfste."

Die Staatsanwaltschaft wirft Sergej W. (28) versuchten Mord in 28 Fällen, das Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion und schwere Körperverletzung in zwei Fällen vor. Der spanische BVB-Innenverteidiger Marc Bartra hatte einen Armbruch und Fremdkörpereinsprengungen erlitten, ein begleitender Polizist ein Knalltrauma.

Der Anwalt der Nebenklage kündigte an, dass der BVB mindestens 15.000 Euro Schmerzensgeld einklagen will.

Der Dortmunder Mannschaftsbus hatte das Hotel l'Arrivee am 11. April gerade Richtung Stadion für das Champions-League-Heimspiel gegen AS Monaco verlassen, als um 19.16 Uhr in einer Hecke drei Sprengsätze detonierten.

Bolzen schlägt in Bartras Kopfstütze

In der Anklage heißt es: "Die fernzündbaren Sprengsätze sollen jeweils mit (...) einer Wasserstoffperoxid-Brennstoff-Mischung sowie mindestens 65 in Epoxidharz eingeschlossenen Metallbolzen mit einem Durchmesser von 6 mm und einer Länge von 74 mm (...) bestückt gewesen sein." Einer der Bolzen schlug in Bartras Kopfstütze ein.

Das Motiv soll Habgier gewesen sein. Mutmaßlich wollte Sergej W. mit kreditfinanzierten Put-Optionen nach seiner Tat am sinkenden Kurs der BVB-Aktie verdienen. Laut Staatsanwaltschaft hätte er rund eine halbe Million Euro Gewinn erzielen können.

Im Saal 130 des Landgerichts Dortmund sind 18 Prozesstage angesetzt, dem Angeklagten droht eine lebenslange Haftstrafe. Mehrere BVB-Spieler haben sich dem Verfahren als Nebenkläger angeschlossen, der Verein lässt sich durch seine Anwälte vertreten. 

Weltmeister Matthias Ginter äußerte sich vor der Verhandlung und sagte, dass er sich nach dem Anschlag eine Pause für den Fußball gewünscht hätte. In einem Interview mit der Tageszeitung Die Welt sagte der 23-Jährige: "Solche Extremsituationen erfordern dann eben auch mal außerplanmäßige Maßnahmen." Die Partie am Abend wurde zwar abgesagt, aber bereits am nächsten Tag nachgeholt.

Ginter zieht Vergleich

Ginter, der inzwischen bei Borussia Mönchengladbach unter Vertrag steht, sagte mit einigem Abstand zum Geschehenen, dass der Fußball sogar einige Tage hätte ruhen sollen. "Nach dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz wurde auch keinem der Überlebenden von ihrem Chef gesagt: 'Aber morgen um 7.00 Uhr bist du wieder im Büro'."

Es hätten alle Verständnis dafür gehabt, "wenn die Betroffenen mal für zwei Wochen in den Urlaub gefahren wären. Warum soll das nicht im Fußball möglich sein?"

Natürlich gehe es um viel Geld und um Politik. "Aber wenn man es wirklich will, lässt sich auch für ein Fußballspiel auf dem Niveau ein neuer Termin finden. Oder man spielt ausnahmsweise eben nur das Rückspiel", sagte Ginter.