Bedeutet der Ausverkauf der vergangenen Woche bereits das Ende der mehrjährigen Börsenrally? Wie Anleger sich nun verhalten sollten.

Bedeutet der Ausverkauf der vergangenen Woche bereits das Ende der mehrjährigen Börsenrally? Wie Anleger sich nun verhalten sollten.

„Der Markt ist anfällig für Rückschläge“, lautete die Überschrift für das Handelsblatt Dax-Sentiment am vergangenen Montag. Was sich im Nachhinein als richtig erwies. Der deutsche Leitindex stürzte deutlich ab und verlor mehr als 700 Punkte.

Die Empfehlung des Börsenexperten Stephan Heibel, der die wöchentliche Erhebung auswertet, hatte vergangene Woche noch einen interessanten Nebenaspekt. Er verglich die Stimmungslage der Anleger mit der im November des vergangenen Jahres. Damals korrigierte das Börsenbarometer um vier Prozent, am heutigen Montag stand der Dax gegenüber acht Tagen vorher zur Eröffnung 4,2 Prozent tiefer.

Hinter solchen Erhebungen zur Börsenstimmung wie das Dax-Sentiment mit seinen mehr als 2800 Anlegern, die wöchentlich befragt werden, stehen zwei Annahmen: Wenn die große Masse von Anlegern bereits investiert hat, bleiben wenige übrig, die noch kaufen und damit die Kurse in die Höhe treiben könnten. Umgekehrt gilt: Wenn die Anleger mehrheitlich nicht investiert haben, können nur noch wenige verkaufen und damit die Kurse drücken.

Für Heibel, Inhaber des Analysehauses Animusx, gibt es auch keinen „Schuldigen“ für den Kursverfall, die Rally sei lediglich ausgelaufen. „Einige sehen den hohen Euro oder auch das steigende Zinsniveau in Europa als Belastung für die Aktienmärkte“, meint er. Doch das sei nichts Neues und kein Grund dafür, dass gerade in der vergangenen Woche der Ausverkauf erfolgte. „Vielmehr gab es deutlichere Anzeichen in der Stimmung der Anleger, die eine Anfälligkeit für Rückschläge zeigte, insbesondere in den USA und in deren Kielwasser dann auch in Deutschland.

Doch wie geht es weiter an den Aktienmärkten? Das aktuelle Ergebnis des Dax-Sentiments zeigt: Die Märkte sind mitten in einem Ausverkauf. Der Animusx-Inhaber begründet das mit Stimmungsdaten, die eine extrem große Verunsicherung und sogar schon erste Anzeichen von Panik zeigen. „Das sollte schon bald ein kurzzeitiges Tief ermöglichen, im Verlauf dieser Woche dürften die Aktienmärkte sich tendenziell erst mal erholen“, prognostiziert der Animusx-Inhaber.

Panik unter den Anlegern ist ein Indiz für eine bevorstehende Trendwende, in diesem Fall für wieder steigende Kurse. Denn große Panik bedeutet: Die meisten Anleger haben dann ihre Aktien aus dem Depot geworfen, es reichen anschließend einige wenige Kaufwillige, damit die Kurse wieder steigen.

Doch auf Wochen- oder Monatssicht sieht die Börsenlage anders aus. „Nur die sehr kurzfristige Betrachtung der Stimmungsentwicklung zeigt Panik an, die auf eine ebenfalls sehr kurzfristige Erholung deutet“, erläutert er. Der Zeithorizont für diese Betrachtung ist in Tagen zu sehen.


Für eine längerfristige Prognose ist die Entwicklung des Fünf-Wochen-Durchschnitts des Dax-Sentiments der bessere Indikator. Der zeigt auch nach dem Stimmungseinbruch dieser Woche noch immer ein ziemlich hohes Niveau an (siehe Grafik). „Erfahrungsgemäß dauert es einige Zeit, bis dieser Indikator wieder auf ein extrem niedriges Niveau sinkt“, meint Heibel. Die nun begonnene Korrektur könnte durchaus einige Wochen dauern.

Seit dem Beginn der Umfrage im September 2014 hat sich dieser Fünf-Wochen-Durchschnitt stets als zuverlässiger Indikator erwiesen. Dreimal notierte dieser Indikator im extrem negativen Bereich, jedes Mal war solch ein Wert von mehr als minus 20 Prozent ein Einstiegssignal. Zuletzt war das Mitte August 2017 der Fall. Damals stieg der Dax von 12.000 Zähler anschließend auf rund 13.500 Punkte.


Zuverlässiger Indikator

Ein Blick auf die Durchschnittskurve zeigt auch, dass die Stimmung über einen längeren Zeitraum extrem gut gewesen war. Und in dieser Zeit war die Investitionsbereitschaft der Anleger stets verhältnismäßig groß. „Ich gehe also davon aus, dass viele Anleger inzwischen investiert sind“, meint er.

Gleichzeitig zeigen die aktuellen Umfrageergebnisse eine extreme Verunsicherung der Anleger an. Sie wurden mit dem Ausverkauf der vergangenen Woche überrascht und sind nun „falsch positioniert“. „Diese Engagements auf steigende Kurse wurden auf hohem Kursniveau gekauft, und müssen erst verkauft werden, bevor sich ein Boden bilden kann, der auf Sicht von mehreren Monaten halten und als Basis für einen neuen Anlauf auf die Allzeithochs dienen kann.“

Nach dem Ausverkauf der vergangenen Handelswoche mehren sich die Stimmen, dass dies der Anfang vom Ende sei, die Rally der vergangenen Jahre nun enden würde. „Meine Analysen kommen zu dem Ergebnis, dass die mehrjährige Rally noch einen finalen Boom an den Aktienmärkten erzeugen dürfte, bevor wir in eine lang anhaltende Baisse einbiegen“, meint Heibel. Baisse bedeutet für ihn, fallende Kurse über einen Zeitraum von mehreren Monaten bis zu einigen Jahren.

Sein Fazit: Der Ausverkauf der vergangenen Woche war heftig, so dass auf Sicht von wenigen Tagen durchaus eine Gegenreaktion zu erwarten ist.“ Auf Sicht von Wochen könnte es jedoch durchaus noch ein wenig länger dauern, bis ein Boden gefunden wird. „Auf Sicht von Monaten und Jahren stellt dieser Ausverkauf jedoch meiner Einschätzung nach eine Kaufgelegenheit dar.“

Wie sehr die Stimmung binnen kurzer Zeit heftig eingebrochen ist, zeigen die aktuellen Ergebnisse: Nur noch neun Prozent der der Umfrageteilnehmer (minus 27 Prozentpunkte) sehen den deutschen Leitindex aktuell noch immer in einer Aufwärtsbewegung, 48 Prozent hingegen (plus 36 Prozentpunkte) attestieren ihm einen Abwärtsimpuls. Immerhin geht knapp jeder vierte Umfrageteilnehmer (minus zehn Prozentpunkte) noch von einer Seitwärtsbewegung aus. „Damit ist die Stimmung unter den Anlegern praktisch über Nacht von sehr guter Laune in Panik umgeschlagen“, erläutert Heibel. „Der aktuelle Wert von minus 3,9 wurde zuletzt im August vergangenen Jahres erreicht.“


Die Anleger sind aktuell auch absolut verunsichert: Unverändert 30 Prozent sehen ihre Erwartungen an die vergangene Handelswoche als „kaum erfüllt“ an. 42 Prozent (plus 32 Prozentpunkte gegenüber der Vorwoche) geben an, vollkommen auf dem falschen Fuß erwischt worden zu sein. Nur noch jeder Fünfte (minus 29 Prozentpunkte) geben an, dass ihre Erwartungen an die Börsenentwicklung mit diesem Ausverkauf zum großen Teil erfüllt wurden. Nur sieben Prozent (minus drei Prozentpunkte) haben sogar darauf spekuliert. Der Wert von minus 9,8 zeigt die größte Verunsicherung der Anleger an, die im Handelsblatt-Dax-Sentiment in den vergangenen dreieinhalb Jahren jemals gemessen wurde. Nur während des mehrmonatigen Ausverkaufs im Sommer 2015 war die Verunsicherung annähernd so groß.


Während die Stimmung einbricht, nimmt der Zukunftsoptimismus zu: 32 Prozent (plus fünf Prozentpunkte) erwarten für die Frankfurter Benchmark in drei Monaten steigende Kurse. Hingegen bleiben weiterhin 17 Prozent (minus zwei Prozentpunkte) bei Ihrer Erwartung fallender Kurse und 31 Prozent (plus drei Prozentpunkte) bei einer Seitwärtsbewegung. Eine Topbildung, die zuvor von jedem Vierten noch erwartet wurde, wird nun kaum noch als Möglichkeit in Betracht gezogen.


Nachkaufen wollen 28 Prozent (minus vier Prozentpunkte) und 17 Prozent (minus ein Prozentpunkt) wollen verkaufen. Mit 55 Prozent (minus drei Prozentpunkte) bleiben so wenige Anleger unentschlossen, wie schon lange nicht mehr.


Das Euwax-Sentiment der Börse Stuttgart, an der der Privatanleger handeln, zeigt wieder ein ansteigendes Interesse an sogenannten „Long-Positionen“ an. Offensichtlich haben Privatanleger den Ausverkauf am Donnerstag und Freitag genutzt, um auf steigenden Kurse zu setzen. Das Euwax-Sentiment wird anhand realer Trades mit Hebelprodukten auf den deutschen Leitindex berechnet.

Institutionelle Anleger, die sich über die Frankfurter Terminbörse Eurex absichern, setzen vollständig auf steigende Kurse. Das Put-Call-Verhältnis war im vergangenen Jahr niemals so niedrig, zeigte also niemals eine so bullische Haltung der Profis an wie derzeit.

Der auf verschiedenen technischen Marktdaten wie Volumen, Volatilität usw. basierende „Angst und Gier Index“ für den US-Aktienmarkt zeigt mit 58 Prozent bereits wieder eine neutrale Verfassung an. Institutionelle US-Anleger haben ihre Investitionsquote wieder auf 55 Prozent (minus 20 Prozentpunkte) zurückgeschraubt. Die Bulle/Bär-Quote der US-Privatanleger zeigt mit 16 Prozent noch eine relativ bullische Haltung, aber wesentlich moderater als in den zurückliegenden ersten Wochen des neuen Jahres.


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