Anleger wollen unbedingt die Jahresendrally


Fällt die Jahresendrally 2017 aus? Oder geht vielleicht die langjährige Börsenhausse ihrem Ende entgegen? Solch einen Eindruck konnten Anleger in der vergangenen Handelswoche gewinnen. Denn das deutsche Börsenbarometer rutschte in einem eher starken Börsenmonat November unter die Marke von 13.000 Punkten und ging am Freitag mit 12.861 Zählern und einem Minus von 1,5 Prozent aus dem Handel.

Doch die Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment gibt Entwarnung. Laut Einschätzung von Stephan Heibel, der die wöchentliche Erhebung unter mehr als 2700 Anlegern analysiert, gibt es kein weiteres großes Abwärtspotenzial. „Ich denke, das war's vorerst“, meint der Inhaber des Analysehauses Animusx nach dem Minus der Vorwoche.

„Die Ergebnisse der Handelsblatt-Umfrage zeigen ein optimistisches Bild der Anleger in Deutschland“, erläutert der Sentimentexperte. Entsprechend seien die Investoren positioniert. Weiteres Kaufinteresse bestehe jedoch nicht mehr, wohl aber existiere die Angst, bei fallenden Kursen die erzielten Buchgewinne zu verlieren. Daher werde bei leichten Anzeichen einer Korrektur sofort verkauft.


Denn internationale Anleger bevorzugen derzeit US-Aktien. „Der designierte US-Notenbankpräsident Jerome Powell hat seine Version der ,Whatever it takes‘-Rede abgeliefert, indem er in der vergangenen Woche ankündigte, auf konjunkturelle Probleme mit angemessener Durchschlagskraft zu reagieren“, meint Heibel. Das schaffe Vertrauen gegenüber den US-Finanzmärkten und sei der wesentliche Grund für die steigenden US-Aktienmärkte trotz eines erneuten Raketentests in Nordkorea.

Was mit ,Whatever it takes‘ gemeint ist: Auf dem Höhepunkt der Euro-Krise sagte EZB-Chef Mario Draghi am 26. Juli 2012 einen entscheidenden Satz: Er werde alles tun, um den Euro zu retten. Auf Englisch: „Whatever it takes“.


Die Börsenlage in Deutschland ist aktuell anders im Vergleich zu den USA. Hier trafen leichte Verkäufe auf Anleger, die laut Daten der Stuttgarter Börse Euwax und der Frankfurter Terminbörse Eurex extrem auf steigende Kurse spekulierten. Das Ergebnis: Gewinne wurden schnell gesichert. Gepaart mit der Angst vor Verlusten kam es zum heftigen Ausverkauf am Ende der abgelaufenen Woche.

Die massiven Spekulationen auf steigende Kurse haben eine weitere Auswirkung. „Damit ist jeder Dax-Anstieg vermutlich stark begrenzt, da diese long positionierten Anleger sehr schnell ihre Positionen in steigende Kurse hinein auflösen, und somit einen weiteren Anstieg dämpfen werden“, schlussfolgert Heibel.


Die Ergebnisse der Umfrage im Detail

„Der Druck für die US-Anleger, die zum Jahreswechsel möglichst die erfolgreichen Aktien des Jahres 2017 im Portfolio haben möchten, wird in den kommenden Tagen eher größer“, meint Heibel. Brexit-Sorgen und Zugeständnisse an die SPD für eine „stabile Regierungsbildung“ mit CDU/CSU werden uns noch viele Wochen und sogar Monate begleiten. „Für einen nachhaltigen Ausverkauf im Dax, während die internationalen Märkte haussieren, dürfte das aber nicht ausreichen.“


Hinter Umfragen zur Börsenstimmung wie dem Dax-Sentiment stehen zwei Annahmen: Wenn die große Masse von Anlegern bereits investiert hat, bleiben wenige übrig, die noch zusätzlich kaufen und damit die Kurse in die Höhe treiben könnten. Umgekehrt gilt natürlich Entsprechendes: Wenn die Anleger mehrheitlich nicht investiert haben, können nur noch wenige verkaufen und damit die Kurse drücken.

Wenn Anleger investiert haben, werden sie sich optimistisch über den erwarteten weiteren Kursverlauf äußern, wenn sie nicht investiert haben, pessimistisch. Denn für den zukünftigen Verlauf von Wertpapieren etwa pessimistisch zu sein, aber gleichzeitig investiert zu haben, erscheint normalerweise wenig sinnvoll.

Die Ergebnisse der Umfrage im Detail: Mit nur noch 18 Prozent (minus sieben Prozentpunkte gegenüber der Vorwoche) sehen immer weniger Anleger in der aktuellen Dax-Bewegung noch einen Aufwärtsimpuls. Stattdessen wollen nun bereits 17 Prozent (plus sieben Prozentpunkte) einen Abwärtsimpuls erkennen. Die meisten jedoch gehen von einer Seitwärtsbewegung aus (minus zwei Prozentpunkte auf 42 Prozent). „Das Sentiment an den Aktienmärkten ist somit neutral, von der Euphorie im Oktober dieses Jahres  ist nichts mehr übrig geblieben“, analysiert der Börsenexperte.


Auch die Selbstzufriedenheit der Anleger geht nach den Ergebnissen der Umfrage weiter zurück, Verunsicherung macht sich breit. Nur noch 41 Prozent (minus neun Prozentpunkte) der Umfrageteilnehmer fühlen ihre Erwartung der Vorwoche durch die aktuelle Dax-Entwicklung zum größten Teil bestätigt. Acht Prozent der Teilnehmer (minus ein Prozentpunkt) geben an, darauf spekuliert zu haben. Hingegen sieht gut jeder Dritte (plus ein Prozentpunkt) seine Erwartungen kaum erfüllt und 17 Prozent (plus neun Prozentpunkte) wurden gar auf dem falschen Fuß erwischt.


US-Anleger werden allmählich gierig

Wie die Stimmung fällt, so steigt der Zukunftsoptimismus. Jeder Dritte (plus ein Prozentpunkt) erwartet für das deutsche Börsenbarometer in drei Monaten steigende Kurse, weitere 11 Prozent (minus vier Prozentpunkte) gehen zu diesem Zeitpunkt von einer Topbildung aus. Jeder vierte Teilnehmer (plus zwei Prozentpunkte) ist nun im Lager der Pessimisten, eine Seitwärtsbewegung erwarten unverändert 27 Prozent. Damit haben die Optimisten die Oberhand gewonnen. Von extremem Optimismus aber kann noch gar keine Rede sein.


Die Kaufbereitschaft der Vorwoche ist jedoch trotz der gefallenen Kurse und trotz des gestiegenen Optimismus verflogen. Nur noch 22 Prozent (minus sechs Prozentpunkte) wollen in den kommenden zwei Wochen Aktien zukaufen, hingegen planen 16 Prozent (plus fünf Prozentpunkte) Aktien zu verkaufen. Mit 62 Prozent bleiben die meisten weiterhin unentschlossen.

Das Euwax-Sentiment der gleichnamigen Börse in Stuttgart, an der Privatanleger handeln, notiert auf dem mit Abstand höchsten Niveau des gesamten Jahres (10,22). Privatanleger sind also überaus „bullish“ positioniert. Sie haben den gesamten November massiv Hebelprodukte auf einen steigenden Dax gekauft. Denn dieser Indikator wird anhand realer Trades mit Hebelprodukten auf den deutschen Leitindex berechnet.

Auch institutionelle Anleger, die an der Frankfurter Terminbörse Optionen handeln, sind nunmehr stark long positioniert. Das Put/Call-Ratio liegt bei 1,1 bei einem Durchschnittswerte von 1,5.


Der auf technischen Marktdaten basierende „Angst-und-Gier-Index“ des US-Börsenbarometers S & P 500 steht bei 73 Prozent und zeigt damit eine leichte Gier auf. Er befindet sich kurz vor der „extremen Gier“, sie beginnt auf der Skala mit 75 Prozent. Institutionelle US-Anleger haben ihre Investitionsquote erneut stark angehoben. Nach 61,5 Prozent vor einem Monat sind nun 77,5 Prozent der Kundengelder angelegt. Der Bulle/Bär-Index der US-Privatanleger steht mit 4,3 Prozent auf neutralem Niveau.


Die Handelsblatt-Umfrage startet jeden Freitag und endet am Sonntag. Die Auswertung lesen Sie tags darauf auf Handelsblatt Online. Einfacher haben es Leser, die sich für eine kostenlose Erinnerungsmail eintragen. Sie erhalten automatisch eine Mail mit der Bitte, an der Umfrage teilzunehmen, und eine, wenn die Experten-Auswertung auf Handelsblatt Online zu lesen ist.

KONTEXT

Wie sich die Dax-Börsenmonate seit 1959 entwickelt haben

Januar-Performance

Viele Anleger glauben, der Januar sei der Börsenmonat mit der höchsten durchschnittlichen Performance. Weit gefehlt. Mit plus 0,78 Prozent ist das ein durchschnittlicher Monat, der im Vergleich zu den anderen elf nur auf Rang fünf liegt. Für die Berechnungen seit dem Jahr 1959 hat die Baader Bank den Dax seit Juni und die Vorläuferindizes der Börsenzeitung (1981 bis 1988) und den Hardy-Index (1959 bis 1981) genommen.

Februar-Performance

Bereits im zweiten Monat des Jahres halbiert sich im Vergleich zum Januar die durchschnittliche Performance und beträgt nur noch 0,33 Prozent. Das bedeutet Rang acht.

März-Performance

Wer hätte das gedacht? Der März ist der beste Börsenmonat. Durchschnittlich sind die Kurse um 1,54 Prozent gestiegen - deutlich höher als in den Monaten November und Dezember, in denen die meist lukrative Jahresendrally stattfindet.

April-Performance

Doch nur einen Monat später halbiert sich das Plus auf 0,76 Prozent - Platz sechs in der Statistik für den Monat April.

Mai-Performance

"Sell in May and go away" lautet das bekannte Börsensprichwort und bei der durchschnittlichen. Vom Jahresanfang betrachtet ist der Mai der erste Monat mit einem negativen Entwicklung- Die beträgt minus 0,12 Prozent und damit Rang neun.

Juni

Und in den folgenden Monaten geht es weiter runter: Im Juni sinkt die durchschnittliche Performance auf minus 0,27 Prozent und damit auf den neunten Platz der Börsenmonate.

Juli-Performance

Ein kurzes Comeback zeigt der Juli, die durchschnittliche Performance seit 1959 ist mit plus 0,79 Prozent wieder positiv und hieven den Zeitraum auf den vierten Platz.

August-Performance

Doch bereits im August geht es wieder abwärts mit minus 0,33 Prozent und damit der vorletzte Rang in der Börsenstatistik.

September-Performance

"Für Börsenspekulanten ist der Februar einer der gefährlichsten Monate. Die anderen sind Januar, März, April, Mai, Juni und Juli, bis Dezember", sagte einst der Schriftsteller Mark Twain. Doch, zumindest im Durchschnitt gesehen, ist nur der Monat September gefährlich. Mit 1,86 Prozent übertrifft das Minus alle anderen Monate mit deutlichem Abstand, der September ist Schlusslicht.

Oktober-Performance

"Ein Crash-Monat Oktober mag zwar dramaturgisch reizvoll sein. Und sicher hat es üble Exemplare dieses Monats an den Aktienmärkten gegeben, z.B. 1987 oder 2008. Außerdem hat sich seit Jahresbeginn u.a. im DAX ein ordentlicher Kurspuffer angehäuft, der zu Gewinnmitnahmen einlädt", meint Kapitalmarktexperte Robert Halver von der Baader Bank. Doch gegenüber dem September muss der Oktober nicht gefürchtet werden. Historisch betrachtet verzeichnete der Dax in diesem Monat sogar ein Plus von 0,75 Prozent.

November-Performance

Und nun zur Jahresendrally: Der beste Monat ist dafür der November mit einer durchschnittlichen Performance plus 1,35 Prozent. Damit ist dieser Monat der zweitbeste hinter dem März.

Dezember-Performance

Gegenüber dem Monat November fällt der Dezember etwas zurück. Das durchschnittliche Plus beträgt 1,13 Prozent und damit Rang drei der Börsenstatistik.