Anleger verlieren die Geduld mit Snap


Es gebe ein untrügliches Zeichen dafür, wann ein Unternehmen dem Tode geweiht sei, argumentiert Scott Galloway, Marketing-Professor an der NYU Stern School of Business. „Es ist der Moment, wenn der Chef der Firma auf dem Cover eines Fashion-Magazins erscheint.”

Als Beispiele nennt Galloway die in der „Vogue” abgelichtete Ex-Yahoo-Chefin Marissa Mayer – und Evan Spiegel, der in der Edelmarke Burberry die italienische Ausgabe der Modefibel zierte. Solche Bilder kommunizierten Hybris, Narzissmus und Ablenkung vom Wesentlichen, nämlich der Arbeit, sagt der Experte.

Tatsächlich läuft es inzwischen schlecht für Spiegels Firma Snap, welche die Foto- und Video-Plattform Snapchat herausbringt. Noch beim Börsengang im März war das Start-up mit viel Furore gestartet und glänzte lange Zeit mit steigenden Nutzerzahlen, fand vor allem bei den für Werbekunden so interessanten Jugendlichen viel Zuspruch.


Von der Euphorie ist nicht mehr viel übrig. Narziss Spiegel leidet unter Geldschwund und gibt inzwischen Durchhalteparolen aus. „Bobby und ich werden keine unserer Aktien in diesem Jahr verkaufen”, beteuerte er im an die Präsentation der aktuellen Quartalszahlen anschließenden Analysten-Call. „Wir glauben zutiefst an den langfristigen Erfolg von Snap.”

Die Frage ist nur, wie lange das Gründer-Duo für die Anteile überhaupt noch einen guten Preis erzielt. Der Dienst enttäuscht die Anleger bereits zum zweiten Mal in Folge. Schon die ersten Zahlen nach dem Wall-Street-Debüt lagen unter den Erwartungen, nun wiederholt sich die Malaise – so notorisch wie die Video-Endlosschleife der bei Snapchat so beliebten Video-Schnipsel namens GIFs.




Die Werbeumsätze pro Nutzer, auf denen das Kerngeschäft von Snap beruht, fallen geringer aus als erwartet. Sie beliefen sich vergangenes Quartal nur auf 1,05 Dollar, Analysten hatten laut FactSet mit einem Wert von 1,07 Dollar gerechnet. Dem Gesamtumsatz von 181 Millionen Dollar stehen gigantische Verluste gegenüber, die von 115,9 Millionen im Vorquartal auf nun 443 Millionen Dollar wuchsen.



„Wir haben uns geirrt“


Erstmals schwächelte auch das Nutzerwachstum. Die Reichweite der Menschen, die Snaps Produkte täglich nutzten, stieg vergangenes Quartal nur auf 173 Millionen, Analysten hatten mit 175.2 Millionen gerechnet.

Die Aktie, die in den vergangenen drei Monaten ohnehin um 44 Prozent an Wert verloren hatte und inzwischen bei knapp 14 Dollar liegt - weit unter dem Ausgabepreis von 17 Dollar oder gar dem Höchstwert von knapp 27 Dollar, den sie zwischenzeitlich erreichte - stürzte nachbörslich um mehr als 14 Prozent ab.

Die Anleger verlieren zunehmend die Geduld mit Snap. Inzwischen geben selbst Investoren wie die US-Bank Morgan Stanley, die Snap mit Goldman Sachs an die Börse gebracht hatte, zu, den Wert der Firma überschätzt zu haben. „Wir haben uns geirrt und die Fähigkeit von Snap, in diesem Jahr verbesserte und neue Werbeformate zu finden, falsch eingeschätzt“, erklärte Morgan Stanley Analyst Brian Nowak in einem Brief an Kunden Mitte Juli.



Das Urteil ist hart, aber gerecht. „Fake it until you make it” (zu Deutsch: „Durch Schein zum Sein”), lautet eine beliebte Valley-Strategie, die Spiegel wie kein anderer beherrschte. Noch bei der Präsentation der letzten Zahlen im Mai hatte der 27-Jährige großspurig gescherzt, er habe keine Angst vor Facebook, trotz der Verluste in Höhe von 2,2 Milliarden Dollar, die er damals vermelden musste.



Wenige Monate später bügelt er die Fragen der Analysten schnippisch ab, wiederholt immer wieder ein Mantra: „Wir stehen noch ganz am Anfang.” Überhaupt gewährte er ungewöhnlich wenig Zeit für Nachfragen.

Eine halbe Stunde lang versuchten Spiegel und Co. die schlechten Ergebnisse kreativ schönzureden. Google, Facebook und Co. kommen allerdings mit erheblich weniger Zeit aus. Das wirkte fast so, als würde das Duo den Kritikern ausweichen wollen.



Facebook baut schnell nach

Doch die Strategie der unverfrorenen Ansagen, der Hybris, wird sich langfristig nicht auszahlen. Spiegel muss beweisen, dass er sich gegen die große Konkurrenz von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg behaupten kann, der so gnadenlos wie erfolgreich zentrale Funktionen von Snap kopiert.

An dem für das Start-up ohnehin so schwierigen Quartalstag führte Facebook einen neuen Video-Tab ein, der seinen Nutzern originäre Video- und TV-Inhalte zeigen soll, eine neue Konkurrenz für Snaps Feature „Discover“, für das Partner wie Time Warner eigene Inhalte produzieren.



Facebook wird immer den Vorteil besitzen, dass es Software-Features in kürzester Zeit nachbauen und schnell an zwei Milliarden Nutzer weltweit ausrollen kann. Das zeigte Zuckerberg nicht zuletzt mit der Einführung von „Instagram Stories”, einer nahezu exakten Kopie eines Snap-Features. Es besitzt mit einer Reichweite von über 250 Millionen Nutzern inzwischen mehr Fans als ganz Snapchat.




Das gleiche gilt für Google, das offenbar ebenfalls an einem Snap-Klon für die beschleunigte Auslieferung von Suchergebnissen für Mobilgeräte (kurz: AMP) arbeitet, gemeinsam mit Partnern wie „Vox“, „CNN“, der „Washington Post“.

Wenn Spiegel gegen diese Übermacht gewinnen will, muss er sich mehr einfallen lassen. Die neue Hardware-Sparte mit den lustigen Datenbrillen „Spectacles” jedenfalls wird den Verfall kaum aufhalten. Das Interesse im Markt ist gering. Die Analysten von Goldman Sachs, Morgan Stanley und Co. stellten zu den Aussichten des vermeintlichen Hoffnungsprodukts keine einzige Frage.




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Die heißen Smartphone-Dienste

Snapchat

Mit der Snapchat-App können Nutzer Textnachrichten, Fotos und Videos verschicken, die sich nach einem kurzen Zeitraum selbst löschen. Gerade unter Jugendlichen ist die Anwendung beliebt - vermutlich nicht selten für Anzüglichkeiten. Die Gründer lehnten mehrere milliardenschwere Übernahmeangebote ab, auch Facebook ließen sie abblitzen.

Instagram

Ein Produkt des Smartphone-Zeitalters ist der Foto-Dienst Instagram: Er war von vornherein nur für mobile Geräte ausgelegt. Nutzer können Fotos und Videos aufnehmen, mit Filtern aufpeppen und hochladen. Das Prinzip von Instagram erinnert an Twitter, nur dass es hier ausschließlich um Bilder geht. Facebook übernahm den Dienst 2012 für umgerechnet eine Milliarde Dollar.

Pinterest

Beim Fotodienst Pinterest sammeln die Nutzer Bilder von verschiedenen Websites in digitalen Notizbüchern - meistens mit dem Smartphone. Die Entwicklung von Pinterest wird von Urheberrechtssorgen begleitet: Die öffentlichen Sammlungen könnten nach Ansicht einiger Experten als Urheberrechtsverletzung ausgelegt werden. Das Unternehmen hat inzwischen eine Milliardenbewertung.

Whatsapp

In immer mehr Ländern wird Whatsapp zum SMS-Ersatz. Der Dienst erlaubt es, Kurznachrichten, Bilder und Videos über Internet zu verschicken. Die App läuft auf sämtlichen Betriebssystemen. Trotz etlicher Sicherheitspannen gehört Whatsapp zu den beliebtesten Smartphone-Anwendungen, sie hat nach Unternehmensangaben 500 Millionen Nutzer. Facebook hat das Start-up für 22 Milliarden Dollar übernommen.

Line

Ähnliche wie Whatsapp funktioniert Line, eine App mit asiatischem Ursprung. Sie bietet Instant Messaging für Smartphone und PC. Nutzer können nicht nur Textnachrichten, Fotos und Videos tauschen, sondern auch Telefonate führen. Eine Besonderheit sind virtuelle Sticker, die man in einem Shop kaufen kann.

Vine

Mit dem Dienst Vine können Nutzer bei Twitter sechs Sekunden kurze Videoschnappschüsse hochladen, die in einer Endlosschleife laufen. Der Zwitscherdienst übernahm das Start-up nur wenige Monate nach dessen Gründung im Sommer 2012. Vine hat nach Angaben vom Sommer 40 Millionen Nutzer.

Periscope

Videoübertragungen in Echtzeit ermöglicht der Dienst Periscope, der zu Twitter gehört. Die Bedienung ist bewusst einfach gehalten: App öffnen, "Broadcast" klicken - schon beginnt der Live-Stream. Ein konkurrierendes Angebot ist Meerkat.

Tumblr

Twitter ist kurzatmige Internet-Kommunikation, Blogs lassen sich mehr Zeit. Irgendwo dazwischen befindet sich Tumblr, ein 2007 gegründeter Web-Dienst für das unkomplizierte Veröffentlichen im Netz. Ähnlich wie bei Twitter kann man bei Tumblr anderen Nutzern folgen und sieht dann deren Beiträge im sogenannten Dashboard, einer Übersichtsseite. 2013 übernahm Yahoo das Start-up für 1,1 Milliarden Dollar.

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Welche Facebook-Dienste die Deutschen nutzen

Mehr als "Gefällt mir"

Facebook ist nicht nur eine Internetseite oder eine App. Das soziale Netzwerk wurde in den vergangenen Jahren kräftig erweitert. Die bekanntesten Teile sind der Facebook Messenger, Instagram und Whatsapp. Das Statistik-Portal Statista hat die Deutschen gefragt, welche Dienste und Produkte sie mindestens gelegentlich nutzen.

Facebook allgemein

72 Prozent nutzen das Social Media Portal. Dabei ist der Unterschied zwischen Männern (73 Prozent) und Frauen (71 Prozent) gering.

Facebook Messenger

Den Facebook-Nachrichtendienst nutzen 43 Prozent der Befragten - Männer wie Frauen.

Instagram

Den Online-Dienst Instagram zum Teilen von Fotos und Videos nutzen 26 Prozent der Männer und 22 Prozent der Frauen.

Whatsapp

Den Instant-Messaging-Dienst, der seit dem Jahr 2014 zu Facebook gehört, wird 70 Prozent der Befragten genutzt. Mit 71 Prozent männlichen und 70 Prozent weiblichen Nutzern sind die Unterschiede bei den Geschlechtern gering.

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Der Bilderdienst Snapchat

Die App

Snapchat ermöglicht es, Bilder- und Videoschnipsel mit einem eingebauten Verfallsdatum zu versenden. Mit Zusatzfunktionen wie Filtern erfreut sich die App gerade bei Jugendlichen großer Beliebtheit: Laut einer Umfrage der Bauer Media Group stieg die Zahl der Snapchat-Nutzer von 17 Prozent 2015 auf 35 Prozent 2016. Konkurrent Facebook sank von 40"‰auf 32 Prozent.

Die Gründer

Evan Spiegel und Bobby Murphy lernten sich während ihres Studiums an der Stanford-University kennen, der Eliteuniversität im Silicon Valley. Dort entstand auch die erste Idee für die App. Murphy und Spiegel gründeten das Unternehmen 2011 mit Sitz in Los Angeles. Facebook-Chef Mark Zuckerberg bot den Gründern zwei Jahre später drei Milliarden Dollar für Snapchat - Spiegel und Murphy lehnten ab.

Der Börsengang

Als "Camera Company" startete Snap im März an der Börse - und erlebte einen wahren Höhenflug: Der Kurs der Aktie stieg am ersten Handelstag um 44 Prozent. Das Start-up war auf einen Schlag mindestens 28 Milliarden Dollar wert. Evan Spiegel allein erhielt einen Sonderbonus von 750 Millionen Dollar.

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Snapchat für Anfänger: So funktioniert die App

Die App

Snapchat ist ein kostenloser Dienst für Smartphones und Tablets. Die Hälfte der Nutzer sind unter 25 Jahre alt. Bei vielen, die über 25 Jahre alt sind, sorgt Snapchat vor allem für eins: Verwirrung.Im April 2016 sahen ca. 100 Millionen aktive Nutzer täglich 10 Milliarden Video-Clips.

Der Dienst

Gegründet wurde der Dienst 2011. Vor allem bei Teenies steht das Netzwerk mit dem gelben Geist hoch im Kurs: Sie verschicken ihre Schnappschüsse, die Snaps, in privaten Nachrichten oder posten sie öffentlich in sogenannten Geschichten.

Das Besondere

Die Privat-Snaps werden nach höchstens 10 Sekunden gelöscht, die Geschichten sind für 24 Stunden zu sehen, bevor sie von der Plattform verschwinden. Tipps von MEEDIA, wie die App funktioniert.

1. Account einrichten

Snapchat kann kostenlos sowohl für Apple- als auch Android-Geräte heruntergeladen werden. Einrichtung: E-Mail-Adresse, Geburtstag angeben, Nutzernamen wählen. (Hinweis: Der Nutzername kann nicht mehr geändert werden).

2. Freunde hinzufügen

Durch die Erfassung der Telefonnummer, zeigt Snapchat an, wer von den eigenen Kontakten ebenfalls einen Account hat.

3. Fotos oder Videos aufnehmen

Um ein Foto zu machen, drückt man einmal auf den Auslöser. Für ein Video hält man den Auslöser gedrückt. Wer das Foto löschen will, geht auf das X in der oberen linken Ecke. Oben rechts finden sich drei Symbole zur Bearbeitung des Bildes. Ganz links unten in der Ecke ist eine Uhr: Mit ihr legt man fest, wie lang Ihr Snap zu sehen sein soll. Minimum eine Sekunde, Maximum zehn Sekunden.

4. Fotos und Videos verschicken

Man kann Fotos oder Videos entweder privat zu verschicken oder sie in eine öffentliche Geschichte posten. Bei privaten Mitteilungen sieht der Empfänger das Bild maximal zehn Sekunden, bevor es sich selbst löscht.

5. Private Chats

Um Freunden ein neues Bild oder ein neues Video zu schicken, klickt man zweimal auf den Namen. Wer ein Gespräch mit einem neuen Freund starten möche, kann über die Suchmaske den Namen des Kontaktes eingeben. Macht sein Chat-Partner einen Screenshot des eigenen Snaps, erhält man eine Benachrichtigung.

6. Die Geschichten

Vor allem für Prominente und auch immer mehr Medienmacher sind die Snapchat-Geschichten reizvoll. Hier werden alle veröffentlichen Snaps gesammelt und hintereinander abgespielt. Die Geschichte wird so im Verlauf eines Tages immer länger und nahezu in Echtzeit erzählt. Um einen Snap zu einer Geschichte hinzuzufügen, klickt man auf das Plus-Zeichen unten links neben dem Download-Symbol.

7. Geschichte löschen

Nach 24 Stunden werden öffentliche Geschichten gelöscht. Es ist nicht möglich, mehrere separate Geschichten innerhalb dieses Zeitraums zu erstellen - alle Snaps landen in derselben. Man kann eigene Stories ansehen und mit dem X-Zeichen in der rechten unteren Ecke löschen.

8. Wischen

Wer mit dem Finger von der Startseite aus nach rechts wischt (zur Erinnerung: Ein Wisch nach links bringt Sie zu den Chats), gelangt in den Geschichten-Bereich. Hier sind die Aktivitäten der Freunde zu sehen. Haben diese neue Geschichten veröffentlicht, wird nach dem Öffnen der App unten rechts eine Benachrichtigung angezeigt.

9. Unternehmen bei Snapchat

Dort, wo Sie die Geschichten Ihrer Kontakte sehen können (Swipe nach rechts), finden Sie auch den Discover-Bereich. Es ermöglicht Unternehmen, redaktionelle Inhalte wie Text, Video und auch Musik bei Snapchat unterzubringen.