Anleger stellen sich auf turbulente Zeiten ein

Im ersten Halbjahr 2017 sind die Aktienmärkte besser gelaufen, als viele Investoren erwartet hatten. Vermögensverwalter sind uneinig, ob sich die Rally in den kommenden Monaten fortsetzt.


Manchmal sind Börsianer eine Spur zu pessimistisch. In den ersten Monaten dieses Jahres etwa waren viele Anleger überrascht, dass die Aktienkurse nach der ersten Euphorie über den Wahlsieg Donald Trumps in den USA unverdrossen weiter nach oben kletterten, statt erst einmal eine Ruhepause einzulegen.

Investoren, die zu lange auf den Einstieg gewartet hatten, mussten nun auf den fahrenden Zug aufspringen – was die Kurse weiter befeuerte. Der Dax erreichte Mitte Juni mit 12 951 Punkten den bisher höchsten Stand aller Zeiten. Doch dann zogen Aktienkäufer die Notbremse: Obwohl sich an den Fundamentaldaten nichts geändert hat, geht es seit dem Rekordhoch mit dem Dax bergab.

Nun rechnen viele Anleger mit einem unruhigen Herbst – und haben deshalb Gewinne mitgenommen, sagen Analysten. Investmentprofis sind uneinig, wie es weitergeht: Während die einen damit rechnen, dass sich die Rally nach einem kurzen Zwischentief fortsetzt, und deshalb weiterhin auf Aktien setzen, sichern andere ihre Portfolios in Erwartung fallender Kurse ab.



Im ersten Halbjahr waren große Aktienpositionen im Portfolio der Garant für hohe Renditen. „Die meisten Marktteilnehmer waren von der Aktienmarktentwicklung überrascht. Wir dagegen haben mit einem positiven Marktumfeld gerechnet, deshalb waren wir richtig investiert“, sagt Thomas Retzlaff von Hallertauer Vermögensmanagement. Der Asset-Manager nimmt am Vermögensverwalter-Contest der DAB BNP Paribas teil, über den das Handelsblatt berichtet. Retzlaff liegt mit seinem Depot derzeit in der Kategorie „Chance“ auf dem ersten Rang.

Mit Blick auf die kommenden Monate will er das Risiko in seinem Portfolio reduzieren. Das Umfeld für Aktien dürfte zwar positiv bleiben, sagt er. Der Aufwärtstrend werde aber voraussichtlich nicht mehr so schnurgerade verlaufen wie im ersten Halbjahr.



Einerseits böten mögliche Korrekturen Einstiegschancen für Schnäppchenjäger. „Andererseits haben die meisten Marktteilnehmer steigende Zinsen nicht auf dem Radar. Da könnte es eine negative Überraschung geben“, warnt Retzlaff. Sollten die Zinsen rascher oder kräftiger steigen als erwartet, dürfte das nicht nur die Renten-, sondern auch die Aktienmärkte belasten.

Robert Bauer, Gesellschafter der Vermögensverwaltung Mademann & Kollegen, war im ersten Halbjahr ebenfalls deutlich optimistischer als jetzt. „Wie viele andere Marktteilnehmer auch haben wir auf weiter steigende Aktienkurse in den USA und Europa gesetzt“, sagt er. Damit sicherte sich das Unternehmen beim Vermögensverwalter-Contest zur Halbzeit den ersten Platz in der Kategorie „Sicherheit“ und den zweiten in der Kategorie „Ausgewogen“.

Inzwischen hat sich der Konjunkturausblick für die USA verschlechtert. Das könnte auch die Kurse europäischer Aktien belasten. „Es stellt sich einmal mehr die Frage, inwieweit sich Europa von einer möglicherweise weniger guten US-Börse abkoppeln kann“, sagt Bauer.



US-Wirtschaft im Fokus



Der Vermögensverwalter rüstet sich für einen turbulenten Herbst mit stärkeren Schwankungen und weiteren Rücksetzern an den Börsen. „Wir beobachten den Markt genau und werden unsere Aktienquote weiter abbauen“, sagt er. „Eine Erholung der Aktienmärkte, die den Dax über die 13 000er-Marke bringen sollte, erwarten wir erst gegen Ende des Jahres.“

Es dürfte kaum einen Vermögensprofi geben, der in diesen Tagen nicht die Entwicklung der US-Wirtschaft und die Signale der großen Notenbanken im Blick behält. Die US-Notenbank Fed will bald ihre Bilanz verkürzen. Ob sie darüber hinaus den Leitzins in den USA im laufenden Jahr noch einmal anheben wird, ist ungewiss. Die Europäische Zentralbank (EZB) verweigert bisher Hinweise darauf, wann sie aus der ultralockeren Geldpolitik auszusteigen gedenkt. EZB-Chef Mario Draghi vertröstete die Anleger auf den Herbst.



Jeder weitere Schritt der Notenbanker dürfte sich an den Finanzmärkten bemerkbar machen. Nicht alle Vermögensverwalter sehen aber jetzt schon die Notwendigkeit, sich auf eine straffere Geldpolitik einzustellen. Bert-Ardo Spelter, Geschäftsführer der Vermögensverwaltung ICFB, hat im ersten Halbjahr stark auf US-Wachstumswerte wie Amazon, Apple und Facebook gesetzt.

„Daneben konnten wir mit Infrastruktur- und Chemiewerten punkten sowie mit japanischen Aktien“, sagt er. Mit dieser Strategie belegte ICFB zur Jahresmitte den ersten Platz in der Kategorie „Ausgewogen“ und den zweiten Platz in den Kategorien „Sicherheit“ und „Chance“.

In den kommenden Monaten wird Spelter voraussichtlich an seiner Positionierung festhalten. „Weil sich unsere Strategien gut entwickeln, planen wir aktuell keine größeren Veränderungen“, sagt er. Zwar rechnet auch er damit, dass die Kurse europäischer Aktien unter Druck geraten, sobald die EZB damit beginnt, die Leitzinsen anzuheben.



Noch ist dieses Szenario seiner Einschätzung nach aber weit entfernt. „Ein konkurrenzfähiges Zinsniveau zu den Aktienmärkten ist nicht in Sicht. Deshalb werden wir unsere hohe Aktiengewichtung beibehalten“, sagt Spelter.

Auch Gottfried Urban, Chef der Bayerischen Vermögensverwaltung, will erst einmal abwarten. Im ersten Halbjahr hat er unter anderem vom Aufwärtstrend bei europäischen Nebenwerten profitiert. Im Wettbewerb der Asset-Manager liegt die Bayerische Vermögensverwaltung derzeit in der Kategorie „Ausgewogen“ und in der Kategorie „Chance“ auf Rang drei.

„In der Ruhe liegt die Kraft. Man sollte nur etwas unternehmen, wenn sich die Großwetterlage ändert oder die Kurse zu weit gelaufen sind“, sagt Urban. „Beides ist nicht der Fall. Deshalb werde ich im zweiten Halbjahr wahrscheinlich nicht viel an der aktuellen Positionierung verändern.“