Anleger sind so optimistisch wie noch nie

Die Stimmung am Aktienmarkt hat sich deutlich verbessert, zeigt das Dax-Sentiment des Handelsblatts. Das sah vor einigen Wochen noch ganz anders aus. Eine Herbst-Rally zeichnet sich jedoch nicht ab – noch nicht.


Bloß keine Panik. Die Quintessenz von Börsenexperte Stephan Heibels Ausführungen hat sich in der vergangenen Börsenwoche einmal mehr bestätigt. Nach den ersten beiden Handelstagen, die der Dax deutlich in der Verlustzone beendet hatte, überwog bei vielen Investoren die Unsicherheit. Doch der Leitindex zeigte in den Folgetagen eine deutlich stabilere Performance und schloss im Plus. Seitwärtsbewegung statt Ausverkauf – so hatte es Heibel im Dax-Sentiment vor Wochenfrist auch vorhergesagt.

Seine Empfehlungen leitet Heibel aus den Ergebnissen des Handelsblatt-Dax-Sentiments ab, das mehr als 2.600 Anleger wöchentlich um ihre Einschätzung zur aktuellen Börsenstimmung bittet. Im Fünf-Wochen-Durchschnitt hatte das Sentiment kürzlich einen Tiefpunkt erreicht. Eine derart länger anhaltende Börsenstimmung gilt als Kontraindikator, denn viele Investoren haben ihre Positionen bereits verkauft. Mit nur wenigen Zukäufen treiben sie die Kurse dann wieder nach oben.


Am Montagmorgen sorgten neue Spannungen zwischen Nordkorea und den USA für erneute Verunsicherung an den Aktienmärkten. Börsenexperte Heibel sieht es aber wenig dramatisch: Zwar sorgten solche Spannungen, wie sie Anfang bis Mitte August bereits vorkamen, regelmäßig für Rückschläge – nachhaltig seien sie allerdings nicht. „Im Gegenteil, jede noch so kleine Meldung wird euphorisch gefeiert“, sagt Heibel.


Auch Investoren blicken in diesen Tagen optimistischer aufs Börsenparkett. Der überwiegende Teil der Befragten, nämlich exakt die Hälfte, sieht den Dax in einer Seitwärtsbewegung. 14 Prozent (plus vier Prozentpunkte) erkennen eine Bodenbildung. Immerhin elf Prozent sehen Deutschlands erste Börsenliga in einem aufwärtsgerichteten Impuls (plus fünf). Nur noch 20 Prozent (minus fünf) erkennen eine Abwärtsbewegung.


Das sind keine Extremwerte, allerdings ist die jüngste Entwicklung beachtlich. Zum Vergleich: Vor zwei Wochen erkannte noch die Hälfte aller Befragten den Dax in einem Abwärtsimpuls. „Die Stimmung hat sich von der Depression in den neutralen Bereich zurückgearbeitet“, analysiert Heibel.


Zuversicht in der Spitze

Die Zuversicht wächst und wächst in bislang nicht erreichte Sphären. Mit 54 Prozent – und damit nochmals fünf Prozentpunkte stärker als in der Vorwoche – notiert der Zukunftsoptimismus für die kommenden drei Monate auf dem höchsten Stand seit Auflegung des Sentiments vor drei Jahren. Nach wie vor sechs Prozent erwarten dann eine Topbildung im Markt. 20 Prozent (minus drei) rechnen mit einer Seitwärtsbewegung, 13 Prozent mit einem Abwärtsimpuls.


Nun gilt es, den verstärkten Optimismus auch aufs Parkett zu bringen. 26 Prozent der Befragten (plus drei) planen, in den nächsten beiden Wochen Aktien zuzukaufen, während elf Prozent (minus eins) Papiere veräußern wollen. Leicht gesunken ist der Anteil derer, die noch unentschlossen sind (63 Prozent). Im Hinblick auf die schwelenden politischen Konflikte sagt Börsenexperte Heibel: „Anleger sind sich zunehmend sicher, dass wir den Zenit überschritten haben, sonst wäre der Zukunftsoptimismus nicht auf Rekordniveau.“

Die Selbstzufriedenheit der Umfrageteilnehmer notiert im Gesamtbild auf ähnlichem Niveau wie in der Vorwoche. 52 Prozent der Umfrageteilnehmer gaben an, ihre Erwartungen hätten sich „zum größten Teil“ erfüllt, bei acht Prozent (plus zwei) sogar in vollem Maße. Kaum erfüllt haben sich die Erwartungen von 31 Prozent der Befragten.


Institutionelle Anleger, die überwiegend über die Frankfurter Terminbörse Eurex handeln, setzen nach wie vor auf vergleichsweise hohe Absicherungspositionen – sie gehen folglich verstärkt von fallenden Kursen aus. Ein Indikator dafür ist die Put-Call-Ratio (gehandelte Puts dividiert durch gehandelte Calls), die mit 2,2 Punkten nach wie vor deutlich höher als im Durchschnitt (1,5) steht.

Der von vielen Anlegern befürchtete große Ausverkauf unter die Marke von 11.800 Punkten lässt also weiter auf sich warten. Dass Anleger sich in naher Zukunft vermehrt von ihren Papieren trennen, glaubt auch Heibel angesichts der aktuellen Marktsituation nach wie vor nicht. „Der Zukunftsoptimismus ist gigantisch, so dass Rückschläge umgehend für Käufe genutzt werden.“


Heibel setzt der Zuversicht eine Grenze nach oben – Anzeichen für eine neuerliche Rally erkennt der Börsenexperte nicht. Gleichwohl, und das dürfte kühnen Optimisten Mut machen, sagt er: „Auslöser für eine Kursrally sind im Vorfeld selten in Sicht. Sie sind einfach plötzlich da.“ Fraglich ist, ob dieser nach der Ratssitzung der Europäischen Zentralbank am Donnerstag erfolgt.


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KONTEXT

So sparen die Deutschen

Geldvermögen

Das Geldvermögen der deutschen Bürger beträgt insgesamt 5,6 Billionen Euro. Auf verschiedene Anlageklassen ist es wie folgt verteilt:

Stand Dezember 2016

Quelle: Bundesverband deutscher Banken, Bundesbank

Versicherungen und Pensionskassen

2,15 Billionen Euro

Spar-, Sicht- und Termineinlagen

2 Billionen Euro

Investmentfonds

518 Milliarden Euro

Aktien

373 Millionen Euro

Bargeld

166 Milliarden Euro

Schuldverschreibungen

127 Milliarden Euro

Sonstige Sparanlagen

218 Milliarden Euro