Anleger schützen sich erneut vor einem Ausverkauf


Das beherrschende Thema an den Märkten ist der Handelsstreit zwischen USA, Europa und auch China. Sollte der Konflikt eskalieren, drohen nach Meinung vieler Analysten den Aktienbörsen herbe Verluste. Doch Börsenexperte Stephan Heibel sieht das anders. „Die Reaktion dürfte kurzlebig sein“, meint er. „Das Risiko bleibt auf der Oberseite.“ Wenn die Aktienmärkte weiter ansteigen sollten, seien viele Marktteilnehmer zu gering investiert und müssten dann den Kursen hinterherlaufen – und würden mit späten Käufen vermutlich für noch höhere Notierungen sorgen.

Basis für seine Prognose ist das Handelsblatt Dax-Sentiment, eine Umfrage unter mehr als 3.000 Anlegern zur Börsenstimmung. Hinter solchen Erhebungen stehen – vereinfacht formuliert – zwei Annahmen: Wenn viele Anleger optimistisch sind, haben sie bereits investiert. Dann bleiben wenige übrig, die noch kaufen und damit die Kurse in die Höhe treiben könnten.

Umgekehrt gilt: Wenn die Anleger pessimistisch sind, sind sie mehrheitlich nicht investiert. Dann können nur noch wenige verkaufen und damit die Kurse drücken. Für seine Prognose, wie sich der deutsche Leitindex in den kommenden Handelstagen entwickeln könnte, wertet Heibel zusätzlich weitere Indikatoren aus.


Wie hoch die Qualität seiner Prognosen ist, stellte der Inhaber des Analysehauses Animusx auch in der vergangenen Woche unter Beweis. „Weiterhin halte ich eine Seitwärtsbewegung in den kommenden Wochen, wenn nicht sogar steigende Kurse für wahrscheinlicher“, sagte er am vergangenen Montag, als viele Experten fallende Kurse voraussagten. Der Dax stieg auch in der vergangenen Handelswoche um 0,3 Prozent.

Denn vor einer Woche gab die kurzfristig neutrale Verfassung der Sentiment-Indikatoren keinen Hinweis auf eine Schieflage, die zu einer Kursbewegung in die eine oder andere Richtung hätte führen können. Gleichzeitig gab der 5-Wochen-Durchschnitt des Dax-Sentiments mit einem weiterhin deutlich negativen Wert dem deutschen Leitindex eine kräftige Unterstützung.

Der 5-Wochen-Durchschnitt des Sentiments (siehe Grafik) hat seit Beginn der Umfrage im September 2014 zuverlässige Einstiegssignale geliefert, wenn er einen unteren Extremwert erreicht hatte – so wie im Februar 2016 und im August des vergangenen Jahres. Gleichzeitig gab es nur einen Ausverkauf an den Märkten, wenn die Kurve im oberen Bereich notierte.

Vor drei Wochen hatte der Animusx-Geschäftsführer auf Basis der Daten des Dax-Sentiments eine Erholungsbewegung prognostiziert. Seither ist der Dax um bis zu fünf Prozent angesprungen. Damals kündigte Heibel an, zu einem späteren Zeitpunkt zu untersuchen, ob sich daraus eine nachhaltige Rally entwickeln könne. „Wir laufen jetzt auf diesen ,späteren Zeitpunkt‘ zu“, erläutert er.


Seiner Meinung nach erfolgte die erste Erholungsbewegung in den vergangenen drei Wochen aufgrund von Deckungskäufen von Shortsellern, die auf fallende Kurse gesetzt hatten. Denn als sich abzeichnete, dass es keinen Crash gab, haben diese ihre sogenannten Shortpositionen wieder verkauft.

Solche Spekulationen auf fallende Kurse bilden ein Sicherheitsnetz für die Börse. Denn die Short-Produkte basieren auf dem Prinzip von Leerverkäufen. Dabei leiht der Inhaber einer Aktie gegen eine Gebühr dem Leerverkäufer das Wertpapier. Der wiederum verkauft den Titel und versucht, ihn anschließend billiger zu erwerben und dem Inhaber zurückzugegeben. Der Gewinn für den Leerverkäufer ist dann die Differenz zwischen Verkaufs- und Kaufpreis abzüglich der Leihgebühr.

Steigen die Kurse, muss der Leerverkäufer die Aktie wieder kaufen, damit die Verluste nicht ausufern. Und bei fallenden Kursen wird der Leerverkäufer seinen Gewinn einstreichen. In beiden Fällen wird die Aktie gekauft und stützt damit den Kurs.


Doch nun läuft nach Heibels Ansicht diese erste Bewegung aus und es müsse sich zeigen, ob sich überzeugte Anleger finden, die langfristig angelegte Käufe tätigen und damit die Erholungsrally in eine nachhaltige Rally wandeln. Grund genug hätten sie, denn die aktuellen Konjunkturdaten sind durchaus erfreulich - sowohl in den USA als auch in Deutschland.

„Doch die Konjunkturerwartung liegt am Boden“, schränkt Heibel ein. Vor zehn Tagen wurde die ZEW-Konjunkturerwartung veröffentlicht. Mit einem Wert von minus 24,7 wurde die schlechteste Stimmung seit sechs Jahren gemessen, die schlechteste seit der Euro-Schuldenkrise.

Seine Zusammenfassung der aktuellen Börsenlage: Der befürchtete Aktienmarktcrash blieb vorerst aus, Anleger sind erleichtert, aber noch nicht von nachhaltig steigenden Kursen überzeugt. Und sie schützen sich auf dem aktuellen Niveau gegen einen erneuten Ausverkauf. Denn die Konjunkturerwartung zeigt eine schwarze Zukunft an.

„Doch ob sich die schwache Konjunkturerwartung auch an der Börse niederschlägt, ist noch nicht entschieden“, meint der Sentiment-Experte. Vielleicht könne ja ein belastender Handelsstreit und damit eine Konjunkturabschwächung in letzter Sekunde noch abgewendet werden. So bleibe in der Zukunftserwartung der Finanzmarktteilnehmer (gemessen am Sentiment) ein Fünkchen Hoffnung, obwohl die Industrie (gemessen an der ZEW-Konjunkturerwartung) sich schon für schlechte Zeiten wappnet.

„Grundsätzlich nimmt die Börse Erwartungen der Realwirtschaft vorweg“, erläutert Heibel. Entsprechend hoch seien die Absicherungsgeschäfte. Sollte nun tatsächlich ein Abschwung kommen, so ist der Finanzmarkt darauf bereits vorbereitet. „Einen Crash kann ich mir auf Basis der aktuellen Marktverfassung weiterhin nur sehr schwer vorstellen“, meint der Animusx-Inhaber.


Auf der anderen Seite würde eine positive Entwicklung – oder aufgrund der negativen Konjunkturerwartung eine weniger negative Entwicklung als befürchtet – bereits reichen, an den Finanzmärkten für steigende Kurse zu sorgen. Darauf deute auch der 5-Wochen-Durchschnitt des Dax-Sentiments hin, der diese Woche nochmals gesunken ist und damit eine weiterhin stabile Unterstützung für den Aktienmarkt darstellt.

Der Ergebnisse der aktuellen Umfrage: Mit 55 Prozent (minus sechs Prozentpunkte gegenüber der Vorwoche) sehen weiterhin die meisten Anleger in der aktuellen Marktbewegung eine Seitwärtsbewegung. Noch jeder Zehnte (minus ein Prozentpunkt) geht bereits von einem Aufwärtsimpuls aus, weitere neun Prozent (plus drei Prozentpunkte) sehen den Dax in einer Topbildung. Doch weiterhin sehen 21 Prozent (plus vier Prozentpunkte) in der aktuellen Entwicklung einen übergeordneten Abwärtstrend. Die aktuelle Stimmung ist somit leicht zurückgegangen.

Immerhin acht Prozent (plus ein Prozentpunkt) wollen auf diese Entwicklung spekuliert haben. Weitere 46 Prozent (minus fünf Prozentpunkte) haben dies zum größten Teil erwartet. Hingegen sehen 36 Prozent (plus drei Prozentpunkte) ihre Erwartungen der Vorwoche kaum erfüllt und jeder Zehnte (plus ein Prozentpunkt) wurde auf dem falschen Fuß erwischt. „Die Verunsicherung der Vorwochen ist verschwunden, von Selbstzufriedenheit kann jedoch noch keine Rede sein“, erläutert der Börsenexperte.

Inzwischen gehen 27 Prozent (plus zwei Prozentpunkte gegen über der Vorwoche) für den Dax in drei Monaten von steigenden Kursen aus, unverändert 29 Prozent erwarten hingegen fallende Notierungen. Mit 31 Prozent (plus ein Prozentpunkt) gibt es eine leichte Mehrheit, die eine Seitwärtsbewegung erwartet. Optimisten und Pessimisten halten sich derzeit nahezu die Waage, die Erwartung der Anleger ist als neutral einzuschätzen.
Dennoch wollen inzwischen 21 Prozent (plus drei Prozentpunkte) Aktien verkaufen, während nur 14 Prozent (plus zwei Prozentpunkte) Aktien zukaufen wollen. Mit 65 Prozent (minus ein Prozentpunkt) wissen zwei von drei Anlegern aktuell noch nicht, wie sie sich in den kommenden zwei Wochen verhalten wollen.



Das Euwax-Sentiment der Börse Stuttgart ist leicht ins Minus gerutscht. Das heißt, Privatanleger in Deutschland haben sich in den vergangenen Tagen gegen fallende Kurse abgesichert. Dieser Indikator wird anhand der Trades mit Hebelprodukten auf den Dax berechnet. Der aktuelle Stand bedeutet: Die Anleger haben verstärkt Short-Produkte gekauft, die bei fallenden Notierungen im Wert steigen.

Ganz ähnlich sieht es an der Frankfurter Terminbörse Eurex aus. Das entsprechende Put/Call-Verhältnis der institutionellen Anleger zeigt an: Die Profis haben in den vergangenen Tagen ebenfalls ihre Absicherungsgeschäfte hochgefahren.

In den USA zeigt das Put/Call-Verhältnis der Chicagoer Börse CBOE einen Rückgang der Absicherungsgeschäfte an. Allerdings war dieser Wert in den vergangenen Wochen sehr hoch.
Die Investitionsquote der US-Profis ist um sechs Prozentpunkte auf 82 Prozent zurückgegangen und zeigt eine neutrale Positionierung an. Die Bulle/Bär-Quote der US-Privatanleger steht mit 9,7 Prozent im leicht optimistischen Bereich.

Der anhand technischer Marktdaten berechnete „Angst-und-Gier-Indikator“ der US-Aktienmärkte zeigt mit 53 Prozent eine neutrale Verfassung an, ebenso andere wichtige technische Indikatoren.
Der Blick auf andere Sentiment-Erhebungen zeigt ein uneinheitliches Bild. Für Joachim Goldberg, der für die Börse Frankfurt die Anlegerstimmung ermittelt, stand am Mittwoch vergangener Woche fest: Der Optimismus sei nicht besonders ausgeprägt, was aus Sicht der Sentiment-Analyse eher ein positives Zeichen für die weitere Kursentwicklung ist. „Allerdings droht der Börsenbarometer etwas Sand ins Getriebe zu bekommen, denn die neuen bullishen Akteure werden schon bald Kasse machen wollen“, schrieb er vor wenigen Tagen. Damals notierte der Dax bei rund 12.700 Punkten.

Recht skeptisch sieht Sentix nach Auswertung ihrer Kapitalmarktumfrage die Lage an den Aktienmärkten. „Nun beginnt die saisonal schwache Phase. Von Entwarnung für Aktienbullen kann daher nicht die Rede sein“, heißt es in ihrer Analyse vom heutigen Montag.


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