Anleger leihen Argentinien Geld für 100 Jahre

Achtmal ist Argentinien in den letzten 200 Jahren pleitegegangen. Doch Investoren interessiert das nicht. Das südamerikanische Land hat eine Anleihe platziert, die erst in 100 Jahren fällig wird – und Anleger greifen zu.


Jorge Piedrahita kann es nicht fassen: „Argentinien ist noch nicht reif für eine hundertjährige Anleihe, sie kommt viel zu früh“, ist der der Chef des britischen Vermögensverwalters Puma Investment überzeugt. Er sei nicht sicher, ob es in der Vergangenheit einmal 20 Jahre am Stück gab, in denen das Land nicht zahlungsunfähig wurde, sagt Piedrahita der Nachrichtenagentur Reuters. Viele Investoren sehen das aber offensichtlich anders. Für die neue 2,75 Milliarden Dollar schwere Anleihe Argentiniens, die erst am 28. Juni 2117 zurückgezahlt wird, bekamen die Konsortialbanken um Citi und HSBC Kaufaufträge im Umfang von 9,75 Milliarden Dollar.

Angelockt wurden die Investoren von der hohen Rendite. Wobei die Einschätzung „hoch“ sehr relativ zu sehen ist. Verzinst wird die Anleihe mit einem jährlichen Kupon von 7,25 Prozent. Da die Anleihe zum Kurs von 90 Prozent und damit unter dem Nennwert von 100 Prozent platziert wurde, ergibt sich so auf Endfälligkeit gerechnet eine jährliche Rendite von 7,9 Prozent. Doch viel ist das nur, wenn man die Bonds zum Beispiel mit US-Staatsanleihen vergleicht. In den USA rentiert die 30jährige Anleihe – US-Staatsbonds mit längerer Laufzeit werden zwar diskutiert, aber es gibt sie noch nicht – mit knapp 2,8 Prozent. Im Euro-Raum, wo die Leitzinsen noch niedriger liegen als in den USA (und die Europäische Zentralbank fleißig Staatsanleihen kauft) sind die Renditen noch deutlich niedriger.


Doch dafür haben Anleger mit Argentinien auch eine wahre Leidensgeschichte hinter sich. Seit Argentiniens Unabhängigkeit im Jahr 1816 ging das Land achtmal pleite. Den weitaus größten Zahlungsausfall gab es im Dezember 2001 als Argentinien Anleihen im Gegenwert von knapp 100 Milliarden Dollar nicht bedienen konnte – letztlich war das eine Folge der Asien-Krise von 1999, die alle Schwellenländer mit in den Abgrund zog.

Beispiellos war dabei der harte Schuldenschnitt, den Anleger hinnehmen mussten. Die damalige Regierung strich den Gläubigern rund 75 Prozent ihrer Forderungen. Die harte Umschuldung gab es im Jahr 2005 und 2010, doch mit den letzten institutionellen Gläubigern einigte sich das Land unter dem neuen Präsidenten Mauricio Macri erst im Februar 2016.


Investoren setzen viel Hoffnung auf den neuen Präsidenten, der in der Tat seit seinem Amtsantritt Ende 2015 versprochene Reformen zielstrebig umsetzt. Er gab den Wechselkurs des Peso frei und beendete die Devisenkontrolle. Dazu öffnetet er sein Land für den Handel und reduzierte die Exportsteuern auf Agrarprodukte.

Die Rückkehr an den Anleihemarkt feierte Argentinien im April 2016. Vorher hatte der Streit mit den letzten Gläubigern – vor allem dem Hedgefonds Elliot – die Aufnahme neuer Anleihen verhindert. Im April vergangenen Jahres nahm die zweitgrößte Volkswirtschaft Südamerikas dann Schulden über 16,5 Milliarden Dollar auf einen Schlag auf – und freute sich über eine mehr als vierfache Überzeichnung.



Mit der Laufzeit steigen die Risiken


Seither haben sich Argentiniens Anleihen – wie die vieler anderer Schwellenländer – gut entwickelt; die Kurse stiegen und die Renditen fielen für Neueinsteiger. Die längste Laufzeit der im April 2016 platzierten Anleihen lag bei 30 Jahren. Begeben wurde dieser Bond mit einer Rendite von acht Prozent, inzwischen ist sie auf 7,2 Prozent gesunken.

Auch Argentiniens Aktienmarkt boomt: Der Merval-Index ist in diesem Jahr um 28 Prozent gestiegen. Ökonomen schätzen, dass Argentiniens Wirtschaft in diesem Jahre um 2,7 Prozent wachsen wird. Im vergangenen Jahr Jahr schrumpfte sie noch um 2,3 Prozent.

Für Argentinien sei die Schuldenaufnahme aktuell sehr günstig, betont Micheal Roche, Stratege beim US-Broker Seaport Global Holdings. Er kann nachvollziehen, dass sich das Land die niedrigen Zinsen so lange wie möglich sichern will. Dennoch sind 100 Jahre eine sehr lange Laufzeit für Anleihen. Es gibt nur wenige Schuldner, die sich über einen so langen Zeitraum Geld leihen. Den Anfang machte bereits im Jahr 2010 Mexiko mit einer 100-jährigen Dollar-Anleihe. Sie rentiert aktuell mit 4,4 Prozent. Dafür hat Mexiko aber auch eine höhere Bonität als Argentinien und wird von den Ratingagenturen mit dem Gütesiegel Investment-Grade für sichere Schuldner eingestuft.


Außer Mexiko und Argentinien hat bislang nur Irland eine 100-jährige Anleihe begeben, allerdings war diese vom Volumen her sehr klein und wurde bei nur wenigen Investoren privat platziert. Dazu kam eine 100-jährige Anleihe, die Großbritannien während des ersten Weltkrieges platzierte und im Jahr 2014 tilgte.

Außerdem haben einige Unternehmen wie der brasilianische Ölkonzern Petrobras und der französische Versorger EDF eine 100-jährige Anleihen begeben. Dafür sind Anleihen mit 50 Jahren Laufzeit in den vergangenen Jahren immer häufiger auf den Markt gekommen: im Euro-Raum unter anderem aus Frankreich, Italien, Spanien und Österreich.

Mit der Laufzeit steigen allerdings auch die Risiken. Und das nicht nur mit Blick auf die Frage, ob ein Land in 50 oder 100 Jahren noch zahlungsfähig ist. Auch die Kurse schwanken bei Anleihen mit höheren Laufzeiten erheblich stärker als bei Kurzläufern, eben weil Anleger ihr Kapital so langfristig binden. Nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten im vergangenen November fiel zum Beispiel der Kurs der 100-jährigen mexikanischen Anleihe im Vergleich zum August um mehr als 20 Prozent. Die Rendite stieg während dieser Zeit nur um einen Prozentpunkt von 3,9 auf 4,9 Prozent. Das zeigt: Anleger mit ewigen Bonds brauchen starke Nerven.

KONTEXT

Das Prinzip festverzinslicher Wertpapiere

Zinsen und Rückzahlung

Festverzinsliche Anleihen haben einen fixen Zinskupon, der sich auf den Nominalbetrag von 100 Prozent, also zum Beispiel 1 000 Euro, bezieht. Zu diesem Betrag werden die Papiere am Ende der Laufzeit zurückbezahlt. Bei einem Kurs von 100 Prozent entspricht also die Rendite dem zugesicherten Zins.

Kurse und Renditen

Während der Laufzeit werden Anleihen gehandelt, deshalb schwanken die Kurse, die in Prozent angegeben werden. Der Rückzahlungswert bleibt unverändert bei 100 Prozent. Die Zinskupons, die sich auf den Nominalwert beziehen, verändern sich ebenfalls nicht. Weil Zinszahlungen und Tilgungen gleichbleiben, sinkt die Rendite für Neueinsteiger, wenn die Kurse steigen. Umgekehrt ist es genauso: Wenn die Kurse fallen, dann steigen die Renditen für Investoren, die neu zugreifen und bis zur Fälligkeit halten.

Renditeentwicklung

Entwicklung - Die Kurse vieler Anleihen - vor allem die von Staatsanleihen im Euro-Raum und in Japan - sind so stark über 100 Prozent gestiegen, dass Anleger trotz der Zinsen weniger Geld wiederbekommen, als sie angelegt haben. Somit sind die Renditen für Neueinsteiger sogar negativ. Das geht umso schneller, weil die Kupons stetig sinken. So haben zweijährige Bundesschatzanweisungen in Deutschland seit dem 20. August 2014 einen Kupon von null Prozent, seit dem 21. Januar 2015 gilt das auch für fünfjährige Bundesobligationen. Die im Sommer 2016 platzierte zehnjährige Bundesanleihe hatte ebenfalls einen Null-Kupon, bei der aktuellen zehnjährigen Bundesanleihe liegt der Kupon aber bei 0,25 Prozent.