Dax droht im Niemandsland zu versacken

Seit seinen Tiefständen im März hat sich der Dax um sechs Prozent erholt. Doch in den kommenden Wochen erwarten Experten keine Ausreißer nach oben oder unten.


An den Börsen dieser Welt startet die neue Woche fast schon verdächtig ruhig. Kein Tweet aus dem Weißen Haus mit Strafzoll-Drohungen oder neuen Sanktionen verunsicherte die Anleger. Die Stimmung ist gelassen, auch an der Frankfurter Börse.

Seit seinem Tief Ende März dieses Jahres ist der Dax um sechs Prozent gestiegen. „Für eine Gegenbewegung aufgrund der damals vorherrschenden Panik am Markt ist das nicht schlecht“, urteilt Börsenexperte Stephan Heibel, Inhaber des Analysehauses Animusx. „Ob sich daraus eine neue Rally entwickelt, die den Dax auf neue Hochs führen kann, wird sich nun entscheiden.“ Immerhin: Die Bodenbildung, die Heibel bereits Anfang März ausgemacht hatte, scheint bereits vollzogen zu sein.

Der Börsenexperte wertet die wöchentliche Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment aus, eine Erhebung zur Börsenstimmung unter mehr als 3.000 Anlegern. Aus den Ergebnissen leitet er Einschätzungen ab, wie sich der deutsche Leitindex in den kommenden Handelstagen entwickeln könnte.


Seine Prognose für die Kursbewegungen in den kommenden Handelstagen lässt sich in einem Wort zusammenfassen: seitwärts. Sämtliche Werte zeigten eine neutrale Verfassung an. „Die Sonne scheint, Anleger haben sich an die geopolitischen Spannungen gewöhnt und ihre Portfolios entsprechend angepasst, sodass sie derzeit offensichtlich entspannt das gute Wetter genießen können“, sagt der Sentiment-Experte.

Erneute Ausverkäufe, wie sie vor wenigen Wochen noch zu beobachten waren, hält Heibel im Moment für unwahrscheinlich. Stattdessen gibt es leise Hoffnung, dass es bald in die andere Richtung gehen könnte: „Vielleicht gibt der Zulauf bei den Bären in der Erwartungshaltung der Anleger einen Hinweis: Dieses Verhalten habe ich häufig zum Beginn einer Rally gesehen.“


Denn bei den Antworten auf die Sentimentumfrage zur Dax-Kursentwicklung in drei Monaten ist die Zahl der Pessimisten, die fallende Kurse erwarten, mit sechs Prozentpunkten deutlich gestiegen. „Nach einem Kursplus von sechs Prozent gibt es nun einige Investoren, die meinen, nochmal mit einem blauen Auge davon gekommen zu sein“, beschreibt Heibel die Stimmungslage, „weil so viele negative Meldungen in den vergangenen zehn Wochen ein schlechtes geopolitisches und konjunkturelles Weltbild in die Köpfe der Anleger transportiert hat.“

Antizyklisch betrachtet könnte die wachsende Zahl der Skeptiker ein Indiz dafür sein, dass die aktuelle Zurückhaltung künftig ins Gegenteil verkehrt und dann steigende Kurse nach sich zieht.

„Natürlich sind wir nur einen Tweet des US-Präsidenten Donald Trump von einem erneuten Ausverkauf entfernt“, meint der Börsenfachmann. „Doch genauso sind wir auch nur eine Pressemeldung über eine Einigung im Handelsstreit zwischen China und den USA von einer fulminanten Rally entfernt.“ Entsprechend würde sich Heibel für die kommenden Wochen am Markt neutral positionieren, wobei er Aktien von den Unternehmen, deren Geschäft durch die aktuellen Streitigkeiten betroffen sind, meiden würde.


In der vergangenen Woche legte der Dax bereits zum vierten Mal in Folge zu und in den kommenden Tagen könnten Quartalsbilanzen zahlreicher Unternehmen den Kursen weiteren Auftrieb geben. Die Daten des Dax-Sentiment aber zeigen, dass die Erwartungen der Anleger indes von Skepsis geprägt sind.

Nur noch 24 Prozent (minus vier Prozentpunkte gegenüber der Vorwoche) sehen in der aktuellen Entwicklung einen Aufwärtsimpuls. Weitere neun Prozent (plus vier Prozentpunkte) betrachten das Ganze als einen Prozess der Bodenbildung. Jeder Zehnte (minus ein Prozentpunkt) geht davon aus, dass die abgelaufene Woche nichts weiter als eine kleine Erholung im übergeordneten Abwärtsimpuls ist.

Kräftig Zulauf hat das Lager derer erhalten, die derzeit von einer Seitwärtsbewegung ausgehen (plus sechs Prozentpunkte auf 51 Prozent). Die Zahlen zeigen: Das Sentiment bewegt sich im neutralen Bereich.

Diese Erwartungshaltung spiegelt sich auch im Handlungswillen wider: Unverändert verkaufen möchten noch 15 Prozent, hingegen wollen weiterhin 24 Prozent (minus zwei Prozentpunkte) in den kommenden zwei Wochen Aktien zukaufen. Mit 61 Prozent (plus zwei Prozentpunkte) zeigt sich die Gleichverteilung zwischen Bullen und Bären in der Investitionsbereitschaft bei denen, die vorerst gar nicht handeln wollten.


Seitwärts dürften sich die Kurse allerdings nicht nur in Deutschland bewegen. In den USA macht sich dieser Tage ebenfalls Zurückhaltung bemerkbar. Der Bulle/Bär-Index der US-Privatanleger zeigt mit acht Prozent einen leichten Überhang der Bullen an, die Gesamtstimmungslage bleibt aber neutral.

Angesichts der unentschlossenen Anleger sei es durchaus möglich, dass der deutsche Leitindex Dax in den kommenden Wochen zwischen 12.000 und 12.800 Punkten handelt und keine außergewöhnlich Hoch- oder Tiefstände erreicht. Anleger haben dafür einen Begriff: Niemandsland.


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