Warum Anleger Angst in Volatilität messen

Mit komplizierten Finanzprodukten haben Anleger darauf gewettet, dass es an der Börse ruhig bleibt. Jetzt hat sie der plötzliche Kurssturz auf dem falschen Fuß erwischt.


Angst lässt sich messen – zumindest an der Börse: Die so genannte Volatilität gibt an, wie stark die Kurse schwanken. Je höher die Volatilität, desto größer die Kursausschläge. Der jüngste Kurssturz an den Börsen sorgte für einen schlagartigen Anstieg der Volatilität – und das könnte viele Investoren teuer zu stehen kommen.

Mit so genannten Exchange Traded Notes (ETN) hatten Investoren, darunter auch die Großbank Credit Suisse, auf einen weiteren Dornröschenschlaf gesetzt. Angesichts der Ruhe an den Märkten war das eine erfolgversprechende Taktik: Je weiter die Volatilität sinkt, desto mehr Gewinn erhalten die Anleger. Doch am Montag ging diese Wette nach hinten los. Die Kurse der entsprechenden Finanzprodukte rauschten in den Keller. Das weckt die Sorge vor möglichen Ansteckungseffekten. Der Vermögensverwalter Blackrock hat die Volatilitätswetten am Dienstag kritisiert, weil ihre Risiken nicht klar erkenntlich seien.

Viele Anleger wurden vom jähen Anstieg der Volatilität auf dem falschen Fuß erwischt. Darunter auch die Credit Suisse, die eine ETN mit dem sperrigen Namen „VelocityShares Daily Inverse VIX Short-Term ETN“ begeben hat. Deren Kurs sackte im nachbörslichen Handel etwa um 84 Prozent ab. Der Handel wurde ausgesetzt.

Medien berichteten zunächst, dass der Bank wegen des Kurssturzes millionenschwere Verluste drohten. Doch die Schweizer dementieren. „Als Antwort auf bestimmte Nachfragen bestätigt die Credit Suisse, dass sie keine Handelsverluste … erlitten hat“, heißt es in einem Statement der Bank. Finanzkreisen zufolge soll sich die Bank gegen Kursverluste abgesichert haben. Sie soll rund ein Drittel der begebenen Papiere selbst halten.

Am Nachmittag kündigte die Credit Suisse an, die betroffenen ETNs zurückzukaufen. Sie würden zum 21. Februar eingelöst, heißt es in einem Statement. Das sei möglich, weil der Wert am Montag bei weniger als 20 Prozent des Vortageswertes gelegen habe.


Auch der Kurs eines ähnlichen ETN der Bank Nomura war drastisch gefallen. Das japanische Institut kündigte an, das entsprechende Produkt vorzeitig aufzulösen. Anleger erhalten dabei nur einen vorher festgelegten Teil ihres Einsatzes zurück.

Angesichts der drastischen Entwicklung warnt der amerikanische Vermögensverwalter Blackrock vor den Volatilitätswetten. Blackrock fürchtet, dass Anleger den Unterschied zu den populären börsengehandelten Indexfonds (ETF) nicht verstehen. Die Exchange Traded Notes „sind keine ETFs, und sie verhalten sich unter Stress auch nicht wie ETFs“. Deswegen biete man sie auch nicht an.

ETNs sind börsengehandelte Wertpapiere in Form einer Schuldverschreibung einer Bank, die an der Börse gehandelt werden. Es handelt sich hierbei nicht um forderungsbesicherte Wertpapiere wie es beispielsweise ETFs sind. Bei den Indexfonds Funds zählt das investierte Geld als Sondervermögen und ist im Falle einer Insolvenz der Bank vor den Gläubigern geschützt. Bei Indexfonds change Traded Notes gibt es zwei verschiedene Modelle, besicherte und unbesicherte. Besicherte ETNs sind zumindest teilweise bzw. vollständig gegen das Kontrahentenrisiko abgesichert.

Viele Investoren hatten mit den ETNs versucht, aus der niedrigen Volatilität Profit zu schlagen. Jahrelang schienen die Sorgen der Anleger wie weggeblasen: Sie verließen sich auf die lockere Geldpolitik der Notenbanken und die stimulierenden Effekte für die Aktienmärkte. Die Volatilität an den Aktienmärkten erreichte Tiefststände. So sank der Volatilitätsindex VIX, der die Schwankungen beim amerikanischen Leitindex S & P 500 misst, im vergangenen Jahr auf ein Rekordtief von weniger als neun Punkten.


Die Aussagefähigkeit der Kennziffer hat jedoch ihre Grenzen. Die Daten werden aus den Terminmarktpreisen für den Index abgeleitet. Und sie beziehen lediglich kurzfristige Kontrakte ein. Längerfristig erkannte Risiken bleiben also außen vor.

Angesichts der jüngsten Turbulenzen stieg der VIX nun massiv an: Am Dienstag kletterte er bis auf 50 Punkte. Am heutigen Dienstag rutschte er aber rasant wieder auf 24 Punkte.

Die Anlageexperten der UBS schätzen, dass rund drei Milliarden US-Dollar in den Volatilitätsprodukten stecken. Der starke Anstieg des Volatilitätsbarometers VIX gehe demnach auf die ETP zurück. Sie hätten zu einer regelrechten "Explosion" des VIX geführt. Doch damit sei nun wahrscheinlich Schluss: "Dass die Produkte nahezu bankrott sind bedeutet, dass Sie den VIX-Markt nicht mehr beeinflussen werden".

Ein ähnliches Instrument wie den VIX gibt es auch für den deutschen Aktienmarkt und den Dax. Die Entwicklung folgt im Trend den Vorgaben aus den USA. Der Volatilitäts-Dax ist allerdings lange nicht so stark gestiegen wie das Sorgenbarometer für die Wall Street. Mit einem Stand von 28 Punkten erreicht der „VDax“ immerhin das höchste Niveau seit vergangenem Frühjahr, fiel aber heute wieder auf 24 zurück.

Die Volatilität ist einer der wichtigsten Risikokennzahlen an den Finanzmärkten. Sie misst die Schwankungsintensität der Rendite eines Finanzprodukts bezogen auf den Mittelwert seiner Rendite. Sie gibt nicht die Richtung einer Preisänderung an, sondern vielmehr ihre Schwankungsbreite.

Die Indizes Vix und VDax beziehen sich auf die implizierte, die zukünftige Volatilität. Dabei nutzt man die momentanen Preise für Aktienoptionen, um die heute erwartete Volatilität zu berechnen. Um diese Volatilität als Anlageklasse zu nutzen, greifen Produktanbieter auf Futures zurück. Und wie bei sämtlichen Investments auf Basis von Terminkontrakten gibt es zahlreiche Fallstricke. Vereinfacht formuliert können Anleger mit solchen Produkten nur einen Gewinn erzielen, wenn sie die Markterwartungen deutlich übertreffen, die diese Terminkontrakte anzeigen.