Die Angst vor den Geisterspielen

Jonas Nohe

Der erste abendliche Eindruck vor Ort: Pyeongchang muss sich vor europäischen Wintersport-Hochburgen nicht verstecken.

Doch kein halbes Jahr ist es her, da bestand die Berichterstattung zu den Olympischen Spielen nahezu ausschließlich aus Negativschlagzeilen.

Ganze Sportnationen dachten angesichts der angespannten Lage zwischen dem nordkoreanischen Machthaber Kim-Jong Un und US-Präsident Donald Trump an einen Olympia-Verzicht. Die Winterspiele in Südkorea drohten im Kräftemessen zweier geltungsbedürftiger Staatschefs unterzugehen - selbst das Horrorszenario einer Absage schien denkbar.

"Im frühen Sommer war die politische Lage schon ein Thema. Da hat man sich Gedanken gemacht, wo das noch hinführen kann", gesteht Biathlet Erik Lesser. Umso mehr könne man nun "froh sein, dass wir nach Pyeongchang fliegen und uns nur auf die Spiele konzentrieren können".

Pyeongchang wirft Fragezeichen auf

Ein großes Fragezeichen aber bleibt: Wie wird die Stimmung an den Wettkampfstätten aussehen? (SERVICE: Der Zeitplan von Olympia)

Pyeongchang ist in Europa nicht gerade als Wintersportmekka bekannt, die Geschichte als Austragungsort internationaler Spitzenwettkämpfe überschaubar.


Erschwerend kommt hinzu, dass die Gastgeber im Großteil der olympischen Wintersportarten keinerlei Erfolge vorzuweisen haben: Alle 53 südkoreanischen Medaillen bei Olympischen Winterspielen gab es entweder im Short Track oder im Eisschnelllauf.

Daran dürfte sich auch durch das Rekordaufgebot von 121 Athleten bei den Spielen in der Heimat nicht allzu viel ändern. Ob diese Aussicht allzu viele Südkoreaner aus den Eishallen hinaus an die Schanzen, Loipen und Skihänge lockt?

Peiffer wegen Stimmung skeptisch

"Im vergangenen Weltcup war die Stimmung eher mau. Ich glaube nicht, dass so wahnsinnig viel los sein wird", meint Biathlet Arnd Peiffer bei SPORT1: "Ich habe in Ruhpolding schon gesagt: Hier waren wahrscheinlich mehr Leute bei einem Rennen als in Südkorea bei allen Rennen zusammen."

Auch Teamkollege Lesser wäre schon zufrieden, wenn "sich vielleicht ein paar Koreaner dorthin verlaufen und uns an der Strecke anfeuern". (SERVICE: Der Liveticker für Olympia)


Etwas optimistischer blickt Skisprung-Ass Richard Freitag im Gespräch mit SPORT1 voraus: "Ich bin gespannt, glaube aber, dass es eine gute Stimmung sein wird. Als wir drüben waren, haben wir gesehen, dass die Leute dort echt sportbegeistert sind."

Nichtsdestotrotz glaubt auch Freitag, dass die einheimischen Fans "zu allererst in den Eisstadien sein werden". (SERVICE: Der Medaillenspiegel bei Olympia)

Ticketverkauf für Olympia stockt

Und wie sieht es mit den internationalen Zuschauern aus, die üblicherweise alle vier Jahre in Scharen zu den Olympischen Winterspielen strömen?

Zum Jahreswechsel - und damit nur etwas mehr als einen Monat vor Beginn der Spiele - hatte das Organisationskomitee erst 61 Prozent der Tickets verkauft. Eine Woche vor der Eröffnungsfeier waren es immer noch erst 75 Prozent - deutlich weniger als bei vergangenen Winterspielen, auch bedingt natürlich durch die lange Zeit angespannte Lage auf der koreanischen Halbinsel.

"Wir haben vor allem noch viele hochpreisige Tickets übrig", erklärte Organisationschef Hee-Beom Lee und kündigte an: "Wir müssen einige Notfallmaßnahmen einleiten, um die Ticketverkäufe anzukurbeln."


Ob das in der Kürze der Zeit noch gelingt, scheint fraglich. Ausländische Gäste, die eine Woche vor dem Start der Wettkämpfe keine Reise nach Südkorea geplant hatten, dürften kaum noch kurzfristig anreisen.

Zumindest bei den Olympia-Generalproben im vergangenen Jahr gab es dann aber doch auch den einen oder anderen Hoffnungsschimmer in Sachen guter Stimmung.

Langenhorst schwärmt, Vogt bleibt cool

"Wir haben letztes Jahr schon einen Weltcup dort gehabt als Testevent. Da war die Stimmung schon richtig gut", sagt Snowboarderin Carolin Langenhorst bei SPORT1 und schwärmt: "Die Leute sind supernett, sind offen und herzlich und ich schätze schon, dass sich da der eine oder andere Koreaner an die Strecke verirren wird."

Letztlich sei es auch nicht schlimm, wenn die Zuschauerränge nicht komplett ausverkauft seien, meint Arnd Peiffer: "Wenn die, die da sind, richtig Ballett machen, dann gibt es trotzdem eine gute Stimmung."

Das Erlebnis Olympia wollen sich die deutschen Sportler von äußeren Einflüssen ohnehin nicht vermiesen lassen.

"Auf jeden Fall freue ich mich auf die Olympischen Spiele, von daher ist es eigentlich egal zu welcher Zeit und an welchem Ort", sagt Skispringerin Carina Vogt.

Und letztlich wohl auch, vor wie vielen Zuschauern. Die Medaillen glänzen schließlich auch vor leeren Rängen.