Nur noch 395 Tage, bis Großbritannien sich von der EU trennt. Wie genau, ist noch immer unklar. Unternehmer werden nervös und hoffen auf einen „Soft Brexit“.


In exakt 395 Tagen ist die Zeit abgelaufen – und Großbritannien wird die Europäische Union (EU) verlassen. Doch bis dahin haben beide Parteien noch einiges zu klären: Soll es einen harten Schnitt geben, mit plötzlichen Zöllen, Einfuhrverboten und strengen Regeln für ausländische Arbeitskräfte? Oder soll es einen „Soft Brexit“ geben, in Form einer Zollunion, wie er beispielsweise dem britischen Labour-Chef Jeremy Corbyn vorschwebt? Fast zwei Jahre nach dem folgenschweren Referendum sind viele Details noch immer ungeklärt.

Wenn der EU-Chefunterhändler für den Brexit, Michel Barnier, am Dienstag in Brüssel vor den Europäischen Rat tritt, um über den Stand der Verhandlungen zu informieren, dürften daher nicht nur die Minister aufmerksam zuhören. Je näher der 29. März 2019 rückt, desto unruhiger wird auch die deutsche Wirtschaft. Das zeigt eine Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) aus dem Februar, die dem Handelsblatt vorliegt.

Die DIHK hat 900 Unternehmen gefragt, wie sie die Auswirkungen des Brexits auf ihr künftiges Geschäft einschätzen. Bei der Auswertung hat sich der Verband auf Unternehmen konzentriert, die mit Großbritannien stark in Verbindung stehen: 91 Prozent von ihnen exportieren ins Vereinigte Königreich (UK), jedes vierte hat dort eine Niederlassung, jedes fünfte beschäftigt britische Staatsbürger.


Die Befragung zeigt, dass bereits während der Brexit-Verhandlungen der Handel spürbar abnimmt. Zwar schätzen viele Unternehmen (46 Prozent) die Lage derzeit noch als halbwegs zufriedenstellend ein. Mehr als jedes dritte Unternehmen (36 Prozent) rechnet aber damit, dass sich die Perspektiven im UK-Geschäft verschlechtern werden. Nur zwölf Prozent der Befragten zeigen sich optimistisch.

Am deutlichsten sei der Rückgang in der Metall-, Fahrzeug- und Zuliefererindustrie sowie im Großhandel, so die Studie. Eine Eintrübung erwarten viele Unternehmen auch beim britischen Konsumklima: Seit dem Referendum hat das britische Pfund im Vergleich zum Euro um mehr als zehn Prozent an Wert verloren. Das führt zu Kaufkraftverlusten auf der Insel.

Kevin Heidenreich ist als IHK-Experte für internationale Wirtschaftspolitik und Außenwirtschaftsrecht für die Studie verantwortlich. Dem Handelsblatt sagt er: „Vor allem die Stahl- und Fahrzeugindustrie reagiert empfindlich auf die Aussicht von Zöllen, weil sich deren Produkte leicht verzollen lassen.“

Viele Unternehmen stellten sich die Frage, ob es London gelinge, die eigenen Zollbehörden rechtzeitig auf den Wechsel vorzubereiten – oder ob Waren wegen der Umstellung zunächst einmal monatelang an Grenzen und Häfen liegen bleiben müssen, bis sich das neue System eingespielt habe.

Unternehmer wünschen sich den „Soft Brexit“

Schon 2017 gingen die Exporte ins Königreich im vergangenen Jahr um zwei Prozent zurück. Die Folge: Vor dem Brexit-Referendum am 23. Juni 2016 war Großbritannien weltweit der drittgrößte Absatzmarkt für deutsche Unternehmen. Nun liegen die Briten als Abnehmer nur noch auf Platz fünf.

Die DIHK schätzt auf Basis ihrer Befragungen, dass die britische Wirtschaft im laufenden Jahr nur noch um 1,5 Prozent wächst – und damit deutlich schwächer als der Rest der EU, wo die DIHK derzeit von einem Wirtschaftswachstum von 2,1 Prozent im Jahr 2018 ausgeht. „Zwar wird die Kaufkraft in absehbarer Zeit nicht auf null sinken. Aber schon jetzt ist eine Abnahme spürbar“, so Heidenreich.

Ein Großteil der Unternehmen wappnet sich daher schon jetzt für den Austritt: Gegenüber der DIHK gaben 79 Prozent aller befragten Unternehmen an, sich bereits mit möglichen Konsequenzen für ihr Geschäft auseinandergesetzt zu haben. Das gilt auch für jene, die nicht vorranging auf dem britischen Markt aktiv sind.

Doch was die Auswirkungen des EU-Austritts angeht, herrscht offenbar noch große Unsicherheit. Nur 14 Prozent gaben an, gut auf mögliche Folgen vorbereitet zu sein. Mehr als jedes zweite Unternehmen (55 Prozent) ist allerdings der Meinung, dass die konkreten Auswirkungen noch nicht absehbar seien.


Eindeutig ist allerdings, dass die übergroße Mehrheit der Unternehmen einen „Soft Brexit“ bevorzugt. Ganz oben auf der Wunschliste für die Brexit-Verhandlungen fast aller Unternehmen steht der freie Warenverkehr (91 Prozent). Auf Platz zwei folgt geringer bürokratischer Aufwand (86 Prozent), anschließend freier Kapital- und Zahlungsverkehr (63 Prozent) sowie die zügige Umsetzung des Austritts (52 Prozent). Einheitliche Standards (40 Prozent) und Dienstleistungsfreiheit (37 Prozent) landen auf den hinteren Plätzen.

Studienautor Heidenreich erklärt, dass mögliche Regulierungsunterschiede derzeit vor allem bestimmte Branchen betreffen: „Hier sind vor allem die Pharma- und Chemieindustrie zu nennen.“ Viele Unternehmen hoffen derzeit noch darauf, dass sich London entschließt, für einen Übergangszeitraum weiterhin an EU-Regeln festzuhalten.

Allerdings gibt der Experte zu bedenken: „Je weiter Sie in die Zukunft schauen, desto größer wird der Unterschied zwischen EU- und britischer Regulierung wachsen.“ Dem Königreich den Rücken zu kehren erwägt aber nur ein kleiner Teil der Firmen: Nur acht Prozent der Befragten gab an, Investitionen, die eigentlich in Großbritannien getätigt werden sollten, nun verlagern zu wollen. Hier stehen vor allem Deutschland und die sonstige EU hoch im Kurs (je 46 Prozent). Nur 33 Prozent wollen künftig vermehrt Mittel außerhalb Europas (33 Prozent) oder in Ost- und Südeuropa (16 Prozent) investieren.

Dass immerhin jedes zwölfte Unternehmen schon jetzt plane, Investitionen umzuschichten, habe selbst ihn überrascht, sagt Heidenreich. „Derzeit ist ja noch gar nicht sicher, wie der Brexit am Ende ausgestaltet ist.“ Es zeuge von großer Verunsicherung, wenn Firmen schon prophylaktisch verstärkt auf andere Märkte strömen.

Heidenreich vermutet, dass die Zahl jener Unternehmen, die Großbritannien verlassen, für den Fall eines harten Brexits steigen wird. „Man muss sich vorstellen: Großbritannien wäre dann ein Drittland wie der Südsudan oder Russland.“ Firmen, die den europäischen Markt bedienen wollen, dürften sich daher eher innerhalb der EU niederlassen als außerhalb. „Neuinvestitionen dürften dann kaum noch getätigt werden.“