Der Angriff der Firmenjäger in Deutschland

Aggressive Hedgefonds haben Deutschland für sich entdeckt. Sie attackieren immer mehr Unternehmen und heizen so das Fusionsgeschäft an.

Auf Heinrich Hiesinger kommen schwere Zeiten zu. Nach einer Umfrage des Informationsdienstes „Activist Insight“ rechnen 52 Prozent der Befragten damit, dass der Vorstandsvorsitzende von Thyssen-Krupp der nächste Chef ist, der auf Druck von aktivistischen Investoren gehen muss.

Paul Singer mit seinem angriffslustigen Hedgefonds Elliott und der Aktivist Cevian Capital wollen, dass Hiesinger deutlich bessere Konditionen bei der geplanten Fusion des Stahlbereichs von Thyssen mit Tata Steel herausschlägt. Außerdem habe der Konzern erheblichen Spielraum für Verbesserungen im operativen Geschäft, meint Elliott.

Die Attacke auf Thyssen ist längst kein Einzelfall mehr. Gerade wenn es um Fusionen und Übernahmen (M & A) oder aber Verkäufe von Unternehmensteilen geht, mischen sich Aktivisten in Europa immer häufiger ein. Sie sprechen sich gegen Mischkonzerne aus und fordern eine klare Fokussierung auf das Kerngeschäft, weil das den Aktienkurs antreiben soll. Wenn Konzernteile abgespalten werden oder Fusionen zu mehr Marktmacht führen sollen, treiben die Angriffe der Hedgefonds auch das M & A-Geschäft an.


Die Folge: ein neuer Rekord bei Fusionen und Übernahmen mit deutscher Beteiligung im ersten Halbjahr. Nach Berechnungen des Finanzdatenanbieters Thomson Reuters kletterte das M & A-Volumen seit Anfang Januar auf 187 Milliarden Dollar. Selbst im Boomjahr 2007 kurz vor der Finanzkrise lag der Vergleichswert bei lediglich 164 Milliarden Dollar.

Aggressive Hedgefonds schrecken vor kaum etwas zurück

Investmentbanker Rainer Langel, Europachef von Macquarie, erwartet, dass es im zweiten Halbjahr noch besser läuft. „Es dürfte zu einer Endspielsituation kommen wie im Jahr 2007“, urteilt er. Wer als Erster Übernahmen durchzieht, habe gewonnen. Die aggressiven Hedgefonds spielen dabei eine wichtige Rolle, und sie schrecken auch vor den ganz großen Namen der deutschen Wirtschaft nicht mehr zurück. Im Gegenteil, eine gewisse Mindestgröße ist wichtig für die Angreifer.

„Die etablierten Aktivisten-Fonds suchen erfahrungsgemäß primär größere Unternehmen, da sie für ihre Strategien Liquidität in den Aktien benötigen, um eine substanzielle Position aufzubauen und später nicht in einem Wert gefangen zu sein, sondern ihn auch wieder verkaufen zu können“, betont Birger Berendes, zuständig für das deutsche M & A-Geschäft bei Bank of America Merrill Lynch. „Ich bin ganz sicher, dass es auch Aktivisten gibt, die sich mit der Causa Siemens beschäftigten“, zeigte sich Siemens-Finanzvorstand Ralf Thomas auf der CFO-Konferenz des Handelsblatts überzeugt.

Im Mutterland der Spezial-Hedgefonds, den USA, wird es für die Aktivisten inzwischen immer schwieriger, neue Fälle zu finden, an denen sie ansetzen können. Deshalb verlagern sie ihre Aktionen zunehmen in andere Teile der Welt. Mit einer Feuerkraft von 158 Milliarden Dollar haben die Fonds vergangenes Jahr weltweit 60 Kampagnen angestoßen und Kursänderungen in der jeweiligen Geschäftspolitik gefordert.


Ein Beispiel für die Einflussnahme ist der belgische Mischkonzern Akzo Nobel, der sich zunächst erfolgreich gegen eine feindliche Übernahme gewehrt hatte, sich anschließend aber auf Druck von Elliott aufspalten musste. Der Finanzinvestor Carlyle erwarb den Spezialchemiebereich für einen zweistelligen Milliardenpreis.

In Deutschland sorgten Kampagnen heimischer Aktivisten wie Petrus Advisors bei der Commerzbank-Tochter Comdirect und Active Ownership Capital (AOC) bei der Schaltbau Holding und dem Pharmaunternehmen Stada für Aufsehen. Bei Stada trieb auch Elliott den Verkaufspreis nach oben. Die Amerikaner haben jetzt beim Anlagenbauer Gea ihren Anteil auf über fünf Prozent ausgebaut und wollen dem Management um den langjährigen Konzernchef Jürg Oleas Beine machen. Oleas hatte mit Prognosesenkungen die Aktionäre verprellt.

„Aktivisten katalysieren und kommunizieren die Unzufriedenheit der Aktionäre. Das wird M & A und andere Portfoliomaßnahmen befeuern“, steht für Alexander Mayer, Partner bei Goldman Sachs, fest. Gerade Elliott verfüge über jede Menge Feuerkraft, aber auch über viel Geduld, wenn er bei Unternehmen eine andere Geschäftspolitik durchdrücken will, urteilt ein Investmentbanker.

Dabei bekommen die Angreifer immer öfter Unterstützung von anderen Großanlegern. „Eine ganze Reihe von Investoren schwimmt im Kielwasser der Aktivisten“, betont Wolfgang Fink, Deutschlandchef von Goldman Sachs. Sie wollen von anziehenden Kursen profitieren, die mit dem Einstieg der Hedgefonds verbunden sind. Ohnehin steigt mit „den Aktivisten der Druck auf die gemäßigtere Fraktion der traditionellen Fonds, ebenfalls lauter zu werden“, meint Fink.

Umbau der Wirtschaft

Inzwischen haben die Aktivsten gelernt, sich im deutschen Umfeld zu bewegen. Sie wissen heute, was Mitbestimmung in den Aufsichtsräten heißt, und nehmen sie ernst. Teilweise drängen die Hedgefonds aber auch selbst in den Aufsichtsrat. Für den Gründungspartner von AOC, Florian Schuhbauer, steht fest: „In Deutschland werden sich aktivistische Investoren etablieren, weil auch Minderheitsaktionäre hier viel Einfluss haben können. Besser ist es in Europa nur noch in Schweden.“


Doch die Konzerne schlafen nicht und versuchen, sich effizient aufzustellen, bevor sie eine Angriffsfläche für Aktivisten bieten. Sie spalten Tochterfirmen ab oder verkaufen sie. Unternehmen, die sich auf das Kerngeschäft konzentrieren, sogenannte Pure Plays, würden heute den Anforderungen des Marktes gerechter als die besten Konglomerate, ist Finanzchef Thomas von Siemens überzeugt. Auch deswegen befindet sich deutsches M & A auf Rekordjagd.

Merrill-Banker Berendes erwartet noch mehr Transaktionen, die Branchen verändern, wie bei Bayer und Monsanto, RWE und Eon oder auch Vodafone nach dem Kauf der Geschäfte von Liberty Global inklusive Unitymedia. Branchenübergreifende und nachhaltige technologische Veränderungen wie die Digitalisierung zwingen viele Unternehmen, sich neu aufzustellen, urteilen Investmentbanker.

Dass die Finanzierung von Megaübernahmen trotz der schrittweisen Zinserhöhungen in den USA kein Problem ist, zeigt das Beispiel Bayer. Zur Finanzierung des Kaufs von Monsanto sammelten die Leverkusener innerhalb von Stunden 15 Milliarden Dollar über den Verkauf von Anleihen ein. Danach folgten Bonds über fünf Milliarden in Euro.

Für die Investmentbanker ist das alles ein Grund zum Jubeln. Bei ihnen klingeln die Kassen. Mit 118,4 Millionen Dollar hat JP Morgan 2018 in Deutschland am meisten eingenommen (siehe Grafik), gefolgt von der Deutschen Bank. Insgesamt haben die Banken bereits im ersten Halbjahr 1,3 Milliarden Dollar an Provisionen bei M & A, Aktien- und Anleiheemissionen sowie Krediten verdient. 2018 verspricht ein Spitzenjahr zu werden.