Angela Merkels afrikanischer Größenwahn

Die Kanzlerin will mit privaten Investitionen in Afrika ein Wirtschaftswunder herbeiführen, um Auswanderungswillige zum Bleiben zu bewegen. Die Zahlen zeigen, wie vermessen das ist.


Die Aufmerksamkeit der Bundeskanzlerin für Afrika ist ein eher junges Phänomen. Als in der schwarz-gelben Koalition der damalige Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel (FDP) eine „Afrika-Initiative“ anleierte – laut Spiegel-Online ein „Millionengrab“ – hatte die Kanzlerin kein erkennbares Interesse geäußert. Doch seitdem ist bekanntlich einiges passiert.

Während der so genannten Flüchtlingskrise, in deren Verlauf innerhalb weniger Monate weit über eine Million Einwanderer aus Syrien und anderen vorderasiatischen Ländern nach Deutschland kamen, scheint in der Bundesregierung ein Bewusstsein für das Ausmaß des anstehenden Einwanderungsdrucks aus Afrika entstanden zu sein. Die Antwort der Kanzlerin lautet: „Fluchtursachenbekämpfung“, ein Begriff, der immer öfter aus Berlin zu hören ist.

Schon in diesen beiden Begriffen – Fluchtursachen und Bekämpfung – stecken zwei durchaus zweifelhafte Annahmen: Dass die hunderttausendfache Wanderung übers Mittelmeer nach Europa als „Flucht“ zu begreifen ist, für die also ausschließlich die Push-Faktoren der Herkunfts- und nicht die Pull-Faktoren der Zielländer entscheidend seien; und zweitens dass ausgerechnet das Zielland Deutschland diese vermeintlichen Push-Faktoren in Afrika entscheidend verändern könnte.


Die migrationspolitische Strategie der Kanzlerin besteht letztlich darin, ihr Handlungsfeld extrem zu erweitern. Deutschland oder Europa hält sie für nicht in der Lage, seine Grenzen vor Einwanderungswilligen zu verschließen. Stattdessen glaubt sie offenbar, dass die europäische Mittelmacht Deutschland (circa 82 Millionen Einwohner, Tendenz abnehmend) dafür sorgen könne, dass der Kontinent Afrika (1,2 Milliarden Einwohner, Tendenz explodierend) so wohlhabend wird, dass dessen Bewohner nicht mehr nach Deutschland auswandern wollen.

Merkel hat versucht, das Jahr des deutschen G20-Vorsitzes dafür zu nutzen, diese Idee in der internationalen Gemeinschaft zu verankern. Ob dabei mehr herumkommt als ein paar unverbindliche Worte in der G20-Abschlusserklärung ist fraglich. Schließlich sind die meisten Teilnehmerländer im Gegensatz zu Deutschland nicht unmittelbare Zielländer der auswanderungswilligen Afrikaner. Von der gegenwärtigen US-Regierung hat Merkel auch auf diesem Politikfeld wenig Unterstützung zu erwarten.



Es gibt kaum deutsche Investitionen in Afrika

Dass die bisherige Entwicklungshilfe wenig nachhaltig wirksam ist, also keine selbsttragende wirtschaftliche Dynamik in den meisten Empfängerländern auslöst, wird immer offensichtlicher. In der Bundesregierung und nicht nur dort setzt man jetzt auf privatwirtschaftliche Investitionen. Nicht mehr gute Werke tun, sondern gemeinsam gute Geschäfte machen, lautet die neue Devise. Merkel wünscht sich letztlich folgendes: Afrika soll an der ökonomischen Globalisierung teil haben, soll vom Almosenempfänger zum Investitionsziel werden. Soll also die Entwicklung nachvollziehen, die Ost- und Südostasien seit einigen Jahrzehnten erleben. 300 Millionen Euro hat sie reformorientierten Musterstaaten bei der „Partnerschaftskonferenz mit Afrika“ schon zugesagt, um private Investoren anzulocken.

Ein Blick auf die Tatsachen zeigt, dass die privaten Investoren tatsächlich alles andere als erwartungsvoll nach Afrika blicken. Der Kontinent interessiert sie fast gar nicht. Der saldierte Bestand aller deutschen Direktinvestitionen in allen afrikanischen Ländern (inklusive der nordafrikanischen) hat zwischen 2012 und 2015 (aktuellste Zahlen) sogar leicht abgenommen: Von 7,889 Milliarden auf 7,243 Milliarden Euro. Selbst in kleinen EU-Ländern wie Ungarn investieren deutsche Unternehmen deutlich mehr als auf dem gesamten afrikanischen Kontinent. In Spanien sind deutsche Investoren viermal so aktiv wie in Afrika.

Doch nicht einmal diese Zahlen geben ein realistisches Bild der Attraktivität Afrikas für die deutsche Wirtschaft ab. Denn weit über die Hälfte der Afrika-Investitionen betreffen die Republik Südafrika. Hier haben unter anderem VW und Mercedes-Benz Produktionsstandorte. Danach folgt Ägypten und die anderen arabischsprachigen Länder Nordafrikas. Selbst große und halbwegs stabile subsaharische Länder wie Kenia sind nur mit Klecker-Beträgen von weniger als 100 Millionen Euro präsent. Die meisten afrikanischen Länder tauchen in der Statistik der Bundesbank überhaupt nicht auf, weil deutsche Unternehmen in ihnen praktisch gar nicht investieren.


Auch als Ziel deutscher Exporte ist Afrika eher unbedeutend. Nur für 24,5 Milliarden Euro kauften 2016 alle Afrikaner deutsche Waren und Dienstleistungen ein. Die Schweizer importierten mehr als doppelt so viel, die Niederländer dreimal so viel.

Besonders traurig, nämlich rückläufig, ist die Statistik der deutschen Importe aus Afrika. Während 2014 noch Waren im Wert von über 20 Milliarden Euro aus Afrika nach Deutschland verkauft wurden, waren es 2016 nur 16,6 Milliarden. Auch hier ist Südafrika einsamer Spitzenreiter, gefolgt von den Maghreb-Staaten.   


Das ganze Gerede vom „Chancenkontinent“ entpuppt sich beim Blick in die Statistik also als ziemlich leer. Mit diesen Zahlen im Hinterkopf muss man daher auch das pünktlich zum G20-Gipfel vorgestellte „Fünf-Punkte-Programm“ des Bundesverbands der Deutschen Industrie lesen. Es ist letztlich nichts anderes als eine Erklärung dafür, dass die deutsche Industrie bisher eben gerade nicht in Afrika investiert: „Um wirtschaftliches Wachstum in nachhaltige Entwicklung zu transformieren und mehr Investitionen anzuziehen, ist eine Veränderung der politischen und sozialen Rahmenbedingungen notwendig. Viele Investitionshemmnisse wie Korruption oder Rentiergesellschaften sind vorwiegend politischer Natur und können weder finanziell, noch technisch gelöst werden.“ Das möchte man der Kanzlerin und all jenen zur Lektüre empfehlen, die glauben, man könne Afrika von außen zu einem Wirtschaftswunder verhelfen.