"Anfangs wurden wir als Öko-Spinner abgetan": Wie das nachhaltige Unternehmen Hydrophil mit Nischenprodukten in den Drogeriemarkt kam

Cornelia Meyer
·Lesedauer: 4 Min.
Zu den Produkten von Hydrophil gehören nachhaltige Zahnbürsten als Bambus, Zahnpasta und Wattestäbchen.
Zu den Produkten von Hydrophil gehören nachhaltige Zahnbürsten als Bambus, Zahnpasta und Wattestäbchen.

Die meisten Menschen dürften bei nachhaltigen Zahnbürsten, die seit rund zwei Jahren im Trend liegen, vor allem an Plastikverzicht und "Zero Waste" denken. Doch das Hamburger Unternehmen "Hydrophil", Pionier und Marktführer in diesem Segment, hatte zunächst eine ganze andere Motivation.

Denn die drei Gründer Wanja Weskott, Sebastian Bensmann und Christoph Laudon haben sich bei dem Projekt "Viva con Agua" von Sankt Pauli kennengelernt. Die Non-Profit-Organisation will Menschen in aller Welt den Zugang zu sauberem Trinkwasser ermöglichen. Bei einer Fahrradtour im Jahr 2013 diskutierten die drei Freunde über die Wasserverschwendung bei der Herstellung von Konsumgütern, beispielsweise in der Textilindustrie –und ob sich daran etwas ändern ließe.

Die Hamburger begannen mit einem T-Shirt, das im Freundes- und Bekanntenkreis gut ankam. Doch als sie entschieden, ein Unternehmen zu gründen, suchten sie sich nach einiger Recherche ein anderes Produkt aus: Zahnbürsten aus Bambus. "Bambus kann ohne künstliche Bewässerung wachsen. Dass die Zahnbürsten dann auch helfen, Plastik einzusparen, war ein positiver Nebeneffekt", sagt Corinne Heuer von der Wasserneutral GmbH, zu der Hydrophil gehört, im Gespräch mit Business Insider.

"Anfangs wurden wir als Öko-Spinner abgetan"

Dabei waren sie am Anfang gar nicht komplett plastikfrei, da die Borsten aus Nylon waren. Um weiter ein veganes Produkt bleiben zu können, verzichteten die Unternehmer auf Tierborsten und wählten stattdessen welche auf Rizinusöl-Basis.

"Anfangs wurden wir als Öko-Spinner abgetan und mussten noch krasse Überzeugungsarbeit leisten", erzählt Heuer. Doch seit drei bis vier Jahren wird das Interesse an ihrem Unternehmen immer größer. Auch die Produktpalette hat sich erweitert: Neben den Bambus-Zahnbürsten verkauft Hydrohpil inzwischen nachhaltige Zahnseide-Sticks, Wattestäbchen aus Bambus, Seife, festes Shampoo, Zahnputz-Tabletten und Lippenbalsam.

Inzwischen gibt es Hydrophil-Produkte nicht nur im eigenen Online-Shop oder in Bio- und Unverpackt-Läden zu kaufen, sondern auch in den großen Drogeriemarktketten wie dm, Rossmann, Müller und Douglas.

Die drei Gründer von Hydrophil: Wanja Weskott, Sebastian Bensmann und Christoph Laudon.
Die drei Gründer von Hydrophil: Wanja Weskott, Sebastian Bensmann und Christoph Laudon.

"Es ist uns zugutegekommen, dass sich das Thema Nachhaltigkeit in Richtung Mainstream entwickelt hat", sagt Heuer. Mehr als fünf Millionen Zahnbürsten und mehr als eine Million Wattestäbchen aus Bambus hat Hydrophil bisher verkauft, das Unternehmen konnte so 120 Tonnen Plastik einsparen. Seit 2016 sind die Hamburger profitabel.

Alternativen zu Plastik sind Trend. Das bedeutet aber auch immer mehr Konkurrenz für das kleine Unternehmen – insbesondere von den Big Playern der Branche. Hydrohpil beobachtet die Entwicklung mit gemischten Gefühlen. "Es ist grundsätzlich eine positive Entwicklung, dass auch große Unternehmen auf den Nachhaltigkeitszug aufspringen. Nachhaltigkeit ist ja nicht nur ein Trend, sondern eine globale Notwendigkeit", betont Corinne Heuer. "Wir sehen es als Bestätigung, dass wir auf dem richtigen Weg waren."

Die Zahnbürsten sind klimaneutral

Andererseits ärgern sich die Hamburger auch über Greenwashing und Kopien ihrer Produkte von Herstellern, die weniger streng auf Nachhaltigkeit setzen. Der Konkurrenzdruck sei enorm gestiegen, so Heuer: "Es ist Ansporn für uns, unsere Produkte noch besser und nachhaltiger zu machen."

Von Siegeln oder Zertifikaten, die die ganze Lieferkette in den Blick nehmen und echte Nachhaltigkeit garantieren könnten, hält sie nicht viel: "Siegel kosten Geld. Das wäre ein Wettbewerbsvorteil für große Unternehmen." Hydrophil setzt stattdessen auf Aufklärung. "Wir versuchen, so transparent wie möglich zu sein", sagt Heuer.

In Zukunft will Hydrohpil weiter wachsen, sowohl international als auch auf dem heimischen Markt. Mit neuen Marken soll das Konzept der Nachhaltigkeit auch auf Produkte jenseits des Badezimmers ausgeweitet werden. "Naiked" fokussiert sich beispielsweise auf Haushaltsprodukte.

Doch klingt es zunächst merkwürdig, wenn die nachhaltigen Zahnbürsten in China produziert werden. "Wir produzieren aus Klimagründen nah am Rohstoff. Und der Moso-Bambus findet in China die besten Wachstumsvoraussetzungen. In Deutschland müssten wir die Pflanzen künstlich bewässern", erklärt Heuer. Inzwischen würden die Produkte aus China mit dem Zug geliefert, seit kurzem seien die Zahnbürsten zudem klimaneutral.

Anders als bei Viva con Agua haben sich die Gründer von Hydrophil gegen eine NGO oder Stiftung entschieden. "Wir sind ein Wirtschaftsunternehmen, aber wir versuchen, einiges anders zu machen", so Corinne Heuer. Mit dem Projekt bleibt Hydrophil trotzdem eng verbunden: Zehn Prozent des Gewinns werden an Viva con Agua gespendet.

Auch flache Hierarchien und gute Arbeitsbedingungen in der gesamten Lieferkette sind den Unternehmern wichtig. "Unsere Gründer haben sich sehr lange in China auf die Suche gemacht nach geeigneten Unternehmern, die auf Arbeitsschutz achten und ihre Mitarbeiter fair bezahlen", sagt Heuer.

Kritik kam jedoch kürzlich vom Magazin "Ökotest". In einem Test mit Zahncremes wurde die relativ niedrige Fluorid-Konzentration in der Hydrophil-Zahnpasta Pure Mint bemängelt. Die empfohlene Menge liege bei 1.000 bis 1.500 ppm, bei besagter Zahnpasta jedoch nur bei 500 ppm. "Bei genannter Empfehlung handelt es sich um ein Statement der Bundeszahnärztekammer zum Thema Fluorid", heißt es in einem Statement von Hydrophil, das Business Insider vorliegt.

"Hierbei handelt es sich allerdings nicht um eine verbindliche Aussage, sondern um die Empfehlung einer Organisation. Im Prozess der Produktentwicklung unserer Zahnpasta haben wir unterschiedliche Empfehlungen betrachtet und uns auch an der aktuellen Debatte um den Fluoridgehalt in Zahnpasta orientiert."