Andrea Nahles will die SPD wieder zur Kümmerer-Partei machen


Am 22. August 1959 ist Marianne Ried in die Wingertstraße 21 eingezogen. Gut 59 Jahre später sitzt im Wohnzimmer der nun 83-jährigen Dame die SPD-Parteivorsitzende Andrea Nahles und trinkt Kaffee. Die Wohnzimmerdecke ist holzvertäfelt, in einem Schrank stehen kleine Schnapsflaschen aufgereiht, auf dem Tisch liegen reichlich Krapfen und Gebäck bereit. „Ich wohne seit 59 Jahren hier“, sagt Marianne Ried. Doch vor fünf Jahren hätten neue Eigentümer das Haus im Frankfurter Ostend übernommen und ihr seitdem das Leben zur Hölle gemacht.

Andrea Nahles nimmt ein Stück Kirschstreusel. Erst sei das Dach abgenommen worden, erklären ihr Hausbewohner, zwischenzeitlich hätte der Flur keine Außenwände mehr gehabt, das Telefon ging einen Monat mal nicht, die Dusche falle ständig aus.

Seit fünf Jahren lebten sie nun schon unter diesen Umständen und wehrten sich gegen die Investoren. „Wir sind doch die Mittelschicht. Wir wollen nur unser Mietrecht wahrnehmen. Doch uns wird das Leben immer schwerer gemacht“, klagen die Hausbewohner.


Nahles schluckt etwas Kuchen herunter. „Hier geht es um gezieltes Raus-Modernisieren“, sagt die SPD-Vorsitzende. „Das geht nicht, da müssen wir was gegen tun, Leute. Dafür werde ich sorgen.“ Wohnungspolitik soll eines der zentralen SPD-Themen im hessischen Landtagswahlkampf werden. Das ist aber nicht der einzige Grund, aus dem Nahles bei ihrer ersten Sommerreise als SPD-Chefin hier einkehrt.

Mit dem intimen Besuch in Frau Rieds Wohnzimmer will sie auch eine Wiederbesinnung auf alte SPD-Werte in die Öffentlichkeit transportieren: Die SPD soll wieder die Kümmerer-Partei werden. Die, die den Menschen vor Ort zuhört und ihre Sorgen ernst nimmt. „Wenn wir die Stimme für die Alltagssorgen der Leute sind, ist das genau richtig“, sagt Nahles.

In Bayern und Hessen droht der SPD ein Doppel-Debakel

Für die SPD-Chefin liefen die vergangenen Wochen gut. Nahles hat die SPD unfallfrei durch die schwere Regierungskrise manövriert, die erste große Bewährungsprobe als Parteivorsitzende hat sie damit bestanden.

Die letzten zwei Wochen konnte sie nach Dauer-Wahlkampf und Dauer-Regierungsbildung endlich einmal abschalten. Elf Tage Urlaub auf Sardinien. Nach all den Strapazen hat sie es sogar durchgehalten, nur einmal morgens ihr Smartphone zu checken.


Die zweite Jahreshälfte wird für sie nicht leichter werden als die kraftzehrende erste. Bei den Landtagswahlen in Bayern und Hessen droht der SPD ein Doppel-Debakel: In Bayern könnte sie von der AfD überholt werden, und im einst roten Hessen steht sie laut aktuellen Umfragen nur bei 22 Prozent. Sollte die SPD mit diesen Ergebnissen einlaufen, könnte in der Partei die Debatte um den Sinn der Regierungsbeteiligung im Bund wieder aufzuflammen.

Für Nahles stellt sich diese Sinnfrage nicht. Sie sitzt auf einem bunten Karton, vor ihr dreht ein kleiner Roboter Kreise, den zwei Kinder in der Frankfurter „Haba-Digitalwerkstatt“ in den letzten zwei Stunden programmiert haben. „Oh cool, der tanzt. Habt Ihr ihm auch einen Namen gegeben?“, will sie wissen. „Ja, Tommy, der Flitzer.“ Für Nahles zeigt die Einrichtung für Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren exemplarisch, wie digitale Bildung in Deutschland aussehen sollte.

Der Haken: Die Werkstatt ist eine Ausnahme und privat organisiert, der dreitätige Workshop kostet 250 Euro. „Wir müssen das auch in normale Schulen bekommen“, sagt Nahles. „Die Kiddies wachsen mit den ganzen Sachen auf, und die Schule wirkt wie Postkutsche im Zeitalter des ICE. Das kann’s nicht sein.“

Immerhin habe die Bundesregierung jetzt einen 2,4 Milliarden Euro schweren Digitalfonds dafür aufgelegt. Doch dann hört sie von einem Lehrer in der Werkstatt, dass die Kriterien, wann die Mittel beantragt werden können, nicht richtig klar seien. „Da hake ich direkt nach“, sagt Nahles. Der Roboter tanzt inzwischen auf einem Tisch. Als er auf eine Kante zuflitzt, hält Nahles schützend ihre Hand davor.

Einen Absturz für die SPD will Nahles auch im Oktober bei den beiden Landtagswahlen verhindern. Terminlich liegen die Wahlen ungünstig. Am 14. Oktober wird zuerst in Bayern gewählt. Dort ist die SPD traditionell schwach, in den jüngsten Umfragen aber schneiden die Sozialdemokraten historisch schlecht ab.

Hoffnungen ruhen auf Thorsten Schäfer-Gümbel

Spitzenkandidatin Natascha Kohnen hat den ländlichen Raum faktisch abgeschrieben und setzt ausschließlich auf die Wähler in Großstädten. Bislang geht diese Strategie nicht auf.

Sollte Bayern schiefgehen, so die Befürchtung, könnte das die Hessen-Wahl zwei Wochen später negativ beeinflussen. Dort hatte man gehofft, nach 19 Jahren Opposition endlich wieder den Ministerpräsidenten zu stellen. Doch davon ist Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel auch bei seinem dritten Anlauf derzeit weit entfernt.

Bouffier bringe das Land nicht voran, habe aber auch keine großen Fehler gemacht, und die gute Wirtschaftslage helfe dem Amtsinhaber, raunt ein hessischer SPD-Politiker hinter vorgehaltener Hand. Schlechte Aussichten für die SPD.

Einzige Rettung für Schäfer-Gümbel wäre wohl der Gang in eine Große Koalition, was für ihn und die SPD in Hessen aber auch eine Demütigung wäre. Dort sind sich CDU und SPD so spinnefeind wie in kaum einem anderen Bundesland. Nahles wird im hessischen Wahlkampf viele Auftritte absolvieren, noch mehr aber in Bayern. In der SPD gibt es nicht viele, die Bierzelte zum Kochen bringen können.

Mit ihrer letzten Station auf ihrer Sommerreise durch Hessen erfüllt sich die Germanistin Nahles einen Wunsch. Im historischen Schloss Philippsruhe in Hanau schaut sie sich Exponate der Gebrüder Grimm an. Die Gebrüder seien viel mehr als Märchen-Sammler, sie seien auch politisch aktiv, dabei „unkonventionell“ gewesen. „Sie hatten den Mut, moderne Menschen im Zeitalter der Reaktion zu sein“, sagt Nahles.


Es sind Sätze, mit denen Nahles auch sich selbst beschreibt. Am Samstag wird sie 60 Lkw-Fahrer treffen. Nahles weiß, dass darunter AfD-Sympathisanten sein werden. Gerade deshalb sucht sie das Gespräch. Auf dem Gelände der Gebrüder-Grimm-Festspiele bieten drei Schauspielerinnen Nahles derweil einen Ausschnitt aus der „Prinzessin auf der Erbse“ dar.

In dem Lied geht es darum, immer höher hinaus zu wollen. Andrea Nahles ist in der SPD inzwischen ganz oben angekommen. Die Frage ist, ob auch die SPD mit ihr noch einmal zu einem Höhenflug ansetzt.