„Wer anderen mit Zerstörung droht, hat keinen Friedensnobelpreis verdient“


Die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) hat im vergangenen Jahr den Friedensnobelpreis gewonnen – unter anderem für die Bemühungen um ein internationales Abkommen, das Atomwaffen verbietet und von mehr als 100 Ländern unterstützt wird. Die Generalsekretärin der Organisation, Beatrice Fihn, ist nach Singapur gereist, um den Gipfel von Donald Trump und Kim Jong Un vor Ort zu verfolgen.

Frau Fihn, das Interesse an diesem Gipfel ist riesig, die Erwartungen sind es auch. Lässt sich der Korea-Konflikt an einem Tag lösen?
Es wird sicher nicht den perfekten Deal gleich im ersten Treffen geben. Aber ich hoffe, dass jetzt ein Prozess zur nuklearen Abrüstung beginnt. Noch vor ein paar Monaten haben Nordkorea und die USA einander mit der gegenseitigen Auslöschung gedroht. Und nun gibt es dieses Treffen. Das ist eine historische Chance.

Glauben Sie denn wirklich, dass Kim Jong Un vorhat, auf seine Atomwaffen zu verzichten?
Ich hoffe. Auch Nordkoreas Regime muss sehen, dass Atomwaffen extrem gefährlich sind. Atomwaffen werden viel zu oft als etwas Magisches betrachtet, das uns sicherer macht. Aber das Gegenteil ist der Fall. Sie machen uns sehr verwundbar.


Nordkoreas Regime sah Nuklearsprengköpfe bisher immer als Überlebensgarantie.
Nordkorea will aber auch Frieden mit Südkorea. Mit der Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel ist dieses Ziel erreichbar.

Bisher habe sich die Atomwaffen für Kim Jong Un doch absolut gelohnt. Er bekommt damit jetzt sogar ein Treffen mit dem US-Präsidenten, was noch vor kurzem undenkbar schien.
Dass dieses Treffen Nordkorea als Nuklearmacht legitimieren könnte, finden auch wir besorgniserregend. Wir unterstützen Diplomatie, aber es ist auch wichtig, dass die internationale Gemeinschaft keinen Staat ermutigt, Atomwaffen zu entwickeln. Es muss klar sein: Atomwaffen sind absolut unmenschliche Massenvernichtungswaffen und kein akzeptabler Weg, Prestige und Macht zu bekommen.

Kim Jong Un bringen die Waffen aber Macht. Für ihn sind sie der wichtigste Trumpf in den Verhandlungen.
So sehen das vielleicht manche. Wahr ist aber auch, dass Atomwaffen eine immense Gefahr darstellen – und zwar für alle Seiten. Ein nordkoreanischer Nuklearschlag auf Seoul würde Millionen Menschen töten. Das gleiche gilt für einen amerikanischen Atomangriff auf Nordkorea.

Sollte es tatsächlich eine Einigung zur Denuklearisierung geben, was würde das bedeuten für Ihr Ziel, Atomwaffen weltweit komplett zu verbieten?
Das wäre natürlich ein großartiger Erfolg. Jedes Land, das sich dazu bekennt, keine Atomwaffen zu nutzen, ist wichtig. Da sind auch Länder wie Deutschland gefragt, die Atomwaffen stationieren. Wer Zivilisten schützen will, kann nicht gleichzeitig auch auf Atomwaffen setzen. Da müssen für den Rest der Welt die gleichen Standards gelten wie für Nordkorea.

Reicht denn die kurze Vorbereitungszeit dieses Gipfels, um Nordkorea auf diese Standards festzulegen?
Schwer zu sagen. Es ist sicherlich schwierig, in der kurzen Zeit eine Vereinbarung zu treffen, die detaillierte Zeitpläne beinhaltet oder die Frage wie die nukleare Abrüstung verifiziert werden wird. Aber es ist definitiv möglich und notwendig, dass es ein Bekenntnis zum Ziel der Denuklearisierung gibt. Aber in Singapur treffen zwei unberechenbare Personen aufeinander – und die USA unter Donald Trump sind gerade besonders unberechenbar. Wir wissen nicht, was morgen wirklich passieren wird.


Fürchten Sie, dass am Ende nur ein PR-Event für beide Seiten herauskommt?
Es besteht definitiv die Gefahr, dass das nur ein Fototermin wird, ohne echte Fortschritte. Deshalb ist es wichtig, dass auch internationale Organisationen wie zum Beispiel die Atomenergiebehörde IAEA künftig an den Gesprächen teilhaben. Dieser Prozess muss auf Basis des internationalen Rechts ablaufen. Er darf nicht nur von diesen beiden Individuen abhängen. Wie schnell sich Trump von einer Abmachung wieder verabschieden kann, haben wir ja gerade in Kanada gesehen.

Genauso wie beim Platzen des Iran-Abkommens.
Das hat ein großes Fragezeichen hinter die Bereitschaft der USA gesetzt, sich an Vereinbarungen zu halten. Den Iran-Deal zu verlassen war ein großer Fehler, der jetzt definitiv die Verhandlungen behindern könnte.

Dennoch inszeniert sich Trump mit dem Nordkorea-Gipfel als Friedensmacher. Dass es zu den Gesprächen kommt, führt er auf seine harte Rhetorik zurück.
Ich halte nicht Trumps „maximalen Druck“ für ausschlaggebend für die Entwicklung, sondern die diplomatischen Bemühungen Südkoreas. Der Regierung in Seoul ist es gelungen, die Egos beider Seiten zu streichen und so dieses Treffen möglich zu machen. Diplomatie hat uns hierher gebracht, nicht Drohungen.

Trump würde gerne Ihrer Organisation nachfolgen und ebenfalls den Friedensnobelpreis bekommen.
Er hat Nordkorea mit der totalen Zerstörung und damit auch mit einem Massenmord an Hunderttausenden Zivilisten gedroht. Dafür hat man keinen Friedensnobelpreis verdient.

Frau Fihn, vielen Dank für das Interview.