Analyse: Der IS hat den Krieg gewonnen

Tobias Huch
Freier Journalist
Düstere Vorzeichen: Irakischer Soldat während der Befreiung Mossuls (Bild: AP Photo/Khalid Mohammed)

Ende 2017: Die Zentralregierung in Bagdad verkündet stolz, dass der IS besiegt sei. Mit keiner Silbe erwähnt sie die Peshmerga, also jene kurdischen Kämpfer, die maßgeblich dazu beitrugen, dass der IS militärisch in Bedrängnis geriet und so erst die Grundlage für alle weiteren militärischen Erfolge der irakischen Armee legten. Es sind Feinheiten wie diese in offiziellen Presseerklärungen, die einen Hinweis darauf geben, wie gespalten der Irak weiterhin ist.

Das Land ist mustergültiges Beispiel eines “Failed State” und wird es auch auf lange Sicht bleiben, sollte die Regierung in Bagdad ihre konfrontative, feindliche Einstellung gegenüber diversen Bevölkerungsgruppen im Irak – nicht nur den Kurden – nicht von Grund auf ändern. Sie beschert dem IS damit, trotz dessen militärischer Niederlagen, einen späten Triumph: Eben dieser “Failed State” ist es, den der IS will. Denn ethnische Spannungen, allgemeine Unzufriedenheit, blindes Chaos und marodierender Hass bilden einen perfekten Nährboden für jede Terrorgruppe. Und vor allem Hass ist es, den die gegenwärtige Regierung in Bagdad massenhaft sät. Sie geht damit einer ebenso klugen wie perfiden Taktik des IS auf den Leim.

Plan des IS ist aufgegangen

Um die Hintergründe zu erklären, müssen wir ein Jahr zurückgehen: Damals hatten kurdische Verbände die Vororte von Mosul befreit, ein Siedlungsgebiet mit vor allem christlicher und kurdischer Bevölkerung. Weiter wollte man nicht vorrücken, weil man die List des IS erahnte: Die Befreier in einen Häuserkampf zu verwickeln, mit blutigen Gefechten um buchstäblich jeden Stein der Stadt, mit hohem Blutzoll und riesigen Verlusten auf Seiten der sunnitisch-arabischen Zivilbevölkerung.

Militärisch war die Schlacht um Mosul für den IS aussichtslos und von Beginn an zum Scheitern verurteilt; doch ein militärischer Sieg war auch nie das Ziel des IS. Sein Plan war es, zunächst die Linien der irakischen Armee und der so genannten “Golden Division” – einer irakischen Eliteeinheit – auszudünnen. Das ist ihm gelungen: Über 70 Prozent der “Golden Division” – womöglich sogar noch mehr – fielen im Kampf gegen den IS.

Schiitische Kämpfer auf einer Parade zum israelfeindlichen al-Quds-Tag in Bagdad (Bild AP Photo/Hadi Mizban)

Aufgefüllt wurden die Verluste durch radikal-schiitische Milizen, die in der “Al-Haschd asch-Scha’bī” organisiert sind, was übersetzt so viel bedeutet wie “Volksmobilisierungseinheit”, kurz PMU (“Popular Mobilization Units”). Diese Miliz rekrutiert sich aus schiitischen Kämpfern, welche jedoch nicht der irakischen Regierung, sondern allein ihrem fanatischen Glauben und den Mullahs in Teheran zu Loyalität verpflichtet sind. In der sunnitischen Bevölkerung werden sie ebenso gehasst wie gefürchtet.

Die Geschichte wiederholt sich

Nur zu gut erinnert man sich in Mosul an die grässlichen Verbrechen und Massaker, die schiitische Milizen an Sunniten verübt hatten und die einst zum Erstarken des IS in der Region beigetragen hatten. Der damalige irakische Ministerpräsident Nūrī al-Mālikī, der heute wieder kurz vor der Machtergreifung steht, war der Hauptverantwortliche für diesen offenen Bruch innerhalb der irakischen Gesellschaft.

Friedensnobelpreisträger und US-Präsident Barack Obama ließ ihn frei gewähren und zog fatalerweise die meisten US-Truppen vorzeitig ab, allen außen- und sicherheitspolitischen Bedenken und Expertenwarnungen zum Trotz. Zwar hatte Obama damit eines seiner Wahlversprechen gehalten, doch einen Kardinalfehler begangen; denn der IS – damals noch ISI bzw. später dann ISIS – war zu einem beherrschenden Machtfaktor in der Region geworden. Auch aufgrund der interkonfessionellen Spannungen wurde die von Abū Mus’ab az-Zarqāwīs als al-Qaida-Abspaltung AQI gegründete Terrormiliz unter ihrem neuen Führer Abū Bakr al-Baġdādī mit Rückendeckung aus der Bevölkerung mächtiger und mächtiger.

Die Geschichte wiederholte sich schon bald, da der Hilferuf Bagdads gegen den IS erst die Al-Haschd asch-Scha’bi auf den Plan rief: Im Zuge der Niederwerfung des IS richteten die schiitischen Milizen – so berichten es zuverlässige zivile und militärische Quellen – ungeheuerliche Kriegsverbrechen in Mosul und den anderen “befreiten” Gebieten an. Einmal mehr bewahrheitete sich die Weisheit, dass die Feinde der eigenen Feinde alles andere als Freunde sind: Beim Angriff auf die kurdische Öl-Metropole Kerkuk richtete sich der Hass der schiitischen Einheiten gegen die Kurden, die mehrheitlich ebenfalls Sunniten sind. Zahllose Zivilisten – darunter auch Kinder – wurden regelrecht abgeschlachtet, kurdische Häuser und Geschäfte zerstört und angezündet.

Protest im Jahr 2015: Vielen Irakern ist der ehemalige Premier al-Maliki (links auf dem Transparent) bereits so verhasst wie Saddam Hussein (AP Photo/Khalid Mohammed)

Folge war die Flucht der kurdischen Zivilbevölkerung. Dabei war der Angriff auf Kerkuk von langer Hand geplant: Schon vor einem Jahr “träumten” die schiitischen Milizen davon, endlich gegen die Kurden vorgehen zu dürfen. Das sogenannte “Unabhängigkeitsreferendum” der Kurden war hierbei keinesfalls die Ursache, sondern nur ein willkommener Vorwand für den überfallartigen Angriffskrieg Bagdads auf die freiheitlich-westlich orientierten Kurden, die sich zuvor als so fähige und entschlossene Verbündete im Kampf gegen den IS bewährt hatten.

Der Westen gießt Öl ins Feuer

Zu dem feigen Angriff auf die kurdische Hochburg trug maßgeblich bei, dass im Vorfeld diverse Staaten – darunter an führender Stelle Deutschland – ihre Distanzierung von den Kurden erklärt hatten und den Milizen so einen mörderischen Freifahrtschein ausstellten – ganz offensichtlich in Unkenntnis der tatsächlichen Lage in der Region. Denn die westliche Politik des “Erhalts der territorialen Integrität des Iraks”, koste es, was es wolle, ist vor diesem Hintergrund nichts weiter als ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einem neuen IS.

Da verwundert es auch nicht, dass der selbsternannte “Kalif des IS”, Abū Bakr al-Baġdādī, das “Angebot des Westens” und der Regierung in Bagdad prompt dankbar aufgriff und in seiner letzten Audiobotschaft die IS-Standardthese verbreitete, der Islam und die Umma (Gemeinschaft der Muslime) würden durch den “westlichen Kolonialkreuzzug” angegriffen. Zugleich rief er zum Kampf gegen die “häretischen” Schiiten auf – klare, simple Feindbilder, die von der Masse der unterdrückten und vom Krieg gezeichneten sunnitischen Araber gerne und bereitwillig aufgenommen werden. So hält sich der Terror weiter über Wasser.

Die Saat geht auf: In seiner letzten Botschaft rief IS-Führer al-Baġdādī zum Kampf gegen die Schiiten auf (Bild: AP Photo)

Und obwohl die Eindämmung des schiitisch-extremistischen Terrors unter iranischer und irakischer Flagge jetzt das Gebot der Stunde und von ungeheurer Dringlichkeit wäre, ist keine Hilfe zu erwarten; nachdem sie ihren kurdischen Verbündeten im Stich gelassen hat, sieht die Staatengemeinschaft weg.

Taktischer Sieg für den IS

Der IS mag militärisch geschlagen sein; doch er geht nun zu einem erbarmungslosen Guerillakrieg über. Die vom Westen verratenen und verkauften Kurden braucht er nicht mehr zu fürchten, und Bagdad folgt blind seinen ausgelegten Ködern. Ideologisch und taktisch hat der IS somit doch den Krieg gewonnen; vorerst. Das ist die bittere Wahrheit.

Der IS und andere Terrorgruppen, die ihm folgen werden, werden immer wieder solche Siege davontragen, solange den Menschen nicht das Recht auf Selbstbestimmung zugestanden wird und man sie nicht aktiv darin unterstützt, sich von den Diktatoren des Mittleren Ostens zu befreien –  egal ob sie Baššār al-Asad, Nūrī al-Mālikī oder Ajatollah Chāmene’i heißen.

Der Autor beim Çay-Trinken mit christlichen Kämpferinnen der Syrischen Demokratischen Kräfte (Bild: Tobias Huch)

Der Autor ist regelmäßig in Kurdistan, dem Irak und Syrien unterwegs. Seit 2014 war er mehrfach an der IS-Front, hält Kontakt mit Kämpfern der Anti-ISIS-Allianz und Regierungs- und Stammesvertretern der Region.