Bei analogen Chaoten investiert keiner

Deutschland gilt seit Jahren als Paradies für Geldwäscher. Dass es selbst prominente Fintechs nicht besser machen, zeugt von skandalöser Ignoranz.

Man muss nicht im Keller gewesen sein. Man kann sich die Szenerie auch so gut vorstellen. Da steht Horst Seehofer also regelmäßig vor seiner Modelleisenbahn und versucht sich zu entspannen. Der Silberrücken des Bundeskabinetts gibt grünes Licht, schließt Schranken oder stellt umgekippte Züge wieder auf die Schienen.

Inzwischen scheint bei ihm aber mehr als nur eine Märklinlok entgleist zu sein. Mit einem absurden Powerplay hat er im Asylstreit beinahe die Regierung in die Geschichtsbücher entsorgt und sich gleich mit. Wie lange der Kompromiss nun hält, weiß kein Mensch. Klar ist aber: Nie zuvor wurde in dieser Republik in so kurzer Zeit so viel Politikverdrossenheit produziert. Mit seinem Rücktritt vom Rücktritt und seinen Pöbeleien gegen Kanzlerin Angela Merkel ließ der Orbán light jede Souveränität vermissen. Die nötige inhaltliche Auseinandersetzung geriet dabei leider zur Nebensache.


Aus ökonomischer Sicht sind Stilnoten irrelevant, der Vorgang an sich aber nicht. Selbstverständlich ist Deutschland noch ein starkes Land. Wirtschaft und Institutionen stehen solide da, eine Regierungskrise können sich die Deutschen leisten. Sie produziert keine Anarchie. Und die Börse kümmert das Theater sowieso nicht.

Doch das ist nur eine Momentaufnahme. Im langfristigen Standortwettbewerb läuft die Uhr jetzt ein bisschen schneller gegen Deutschland. Keine vier Jahre ist es her, als das Land im globalen Ranking der Schweizer Wirtschaftshochschule IMD auf Platz 6 lag. Heute reicht es lediglich für Rang 15. Nur wenige Kriterien verhinderten bislang, dass das Land weiter abrutscht. Eines davon ist die im internationalen Vergleich hohe „politische Stabilität“. Zwei Drittel der befragten Manager legen großen Wert darauf.

Deutschland kann sich also in dieser Disziplin keine Sorglosigkeit leisten. Zu viel anderes wurde bereits vernachlässigt. Das Steuersystem gilt als wirtschaftsfeindlich, die Bürokratie wuchert, im Bildungssystem regnet es rein, die Autobahnbrücken bröckeln, und der Breitbandausbau gleicht einem Trauerspiel. So eine Gemengelage schreckt langfristig Investoren ab – und kostet Jobs. Bei analogen Chaoten investiert kein Mensch. Schon heute bauen etwa deutsche Automanager die E-Mobile von morgen lieber im Ausland.
In der weiten Welt geht es eben komplexer zu als in Seehofers Bahnbiotop. Wer zu viele Haltesignale überfährt, produziert echte Opfer – und zerstört nicht nur die Playmobilfigur „Modell Merkel“.