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Amsterdamer Warnruf für EZB-Zinshändler: Fünf Themen des Tages

(Bloomberg) -- Jana Randow über einen Warnruf von der Amstel an die Geldmärkte. — Fünf Themen des Tages ist auch als Newsletter erhältlich. Zum Gratis-Abo bitte hier entlang.

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Eine knappe Entscheidung

Finanzmärkte unterschätzen möglicherweise die Bereitschaft der Europäischen Zentralbank, nächsten Donnerstag die Zinsen anzuheben, sagt der holländische Notenbanker Klaas Knot im Interview mit Bloomberg. Bedeutet das, der zehnte Anstieg in Folge ist gesetzt? Nicht unbedingt.

Es wird eine “knappe Entscheidung” werden, meint Knot, geleitet hauptsächlich von den neuen, noch nicht ganz fertiggestellten Stabsprognosen zu Konjunktur und Inflation. Diese sollten, ähnlich wie im Juni, als absolutes Minimum eine Rückkehr zum Inflationsziel von 2% Ende 2025 zeigen, so Knot. Jedwede Verspätung wäre äußerst unangenehm. Heißt, ein Grund, sich für eine Anhebung des Einlagensatzes auf 4% einzusetzen — ein neues Rekordhoch.

Viele seiner geldpolitischen Mit-Falken haben in den letzten Wochen ihre Präferenz für einen solchen Schritt bekräftigt, während EZB-Ratsmitglieder aus dem Süden — traditionell eher geldpolitische Tauben — Sorgen über die schwächelnde Konjunktur geäußert haben. Die beängstigt Knot nicht sonderlich. Eine Verlangsamung der Wirtschaft sei eine gewollte Folge der geldpolitischen Straffung, kein Fehler im System, sagt er.

Geldmarkthändler jedenfalls haben zugehört. Sie haben ihre Wetten auf eine Zinserhöhung nächste Woche auf 35% angehoben. Ob das genug ist, wird sich zeigen.

Was Marktteilnehmer heute noch bewegen könnte, berichten Ihnen Rainer Bürgin, Boris Groendahl und Alexander Kell: Apollo, wir haben ein Problem, Ablese-Deal & Ampullen-IPO, Scholz attackiert AfD, schwarzer Konjunkturhimmel, und Immo-Finanzierer sieht mehr Risiko.

Apollo, wir haben ein Problem

Als die UBS die Credit Suisse übernahm, sicherte sie sich zwar einen Schnäppchenpreis, doch musste sie auch eine “gekauft wie gesehen”-Klausel akzeptieren, als wär’s ein gebrauchter Golf von Ebay. Jetzt stoßen die Banker aus der Zürcher Bahnhofstraße offenbar nicht nur auf die erwarteten Risiken in der Investmentbank, sondern auch auf wenig vorteilhafte Bedingungen in Transaktionen, mit denen die Bank in ihrer Agonie noch gerettet werden sollte. Zu den Nutznießern zählt wohl auch der Finanzinvestor Apollo, der der Credit Suisse ein Portfolio nicht mehr gewünschter Verbriefungen abnahm und dafür nicht nur wenig bezahlte, sondern auch noch zukünftige Gebühren generierte. Die UBS will neu verhandeln, aber eine besonders starke Gesprächsposition dürfte sie nicht haben, denn der Deal ist durch. Doch andererseits tritt man Apollo auch als Kunde entgegen und hofft deshalb vielleicht auf Goodwill. Spannend bleibt, welche anderen Ostereier im Credit-Suisse-Netz noch gefunden werden könnten.

Ablese-Deal & Ampullen-IPO

Das Ablesen von Wasser- und Wärmeverbrauch ist ein lukrativer Markt, der auch Finanzinvestoren auf den Plan lockt. Für den Energieabrechnungsspezialisten Techem interessieren sich informierten Kreisen zufolge sowohl die amerikanischen Adressen Blackstone, KKR und Global Infrastructure Partners als auch der australische Vermögensverwalter Macquarie, der das Unternehmen aus Eschborn 2018 in einem Milliardendeal an die heutigen Besitzer verkauft hatte, ein Konsortium um den Schweizer Fondsmanager Partners Group. Das Bundeskartellamt hatte 2017 in einer Sektorbetrachtung die hohen Margen der Ablese-Marktführer Techem und ista kritisiert. Zu einem Wechsel der Besitzverhältnisse über die Börse kommt es unterdessen bei Schott Pharma. Der Spezialist für Medizinampullen soll noch im Jahresverlauf in Frankfurt notiert werden, wie die Mainzer heute mitgeteilt haben. Bloomberg hatte über die Pläne bereits im Juni berichtet.

Scholz attackiert AfD

In untypisch aggressiver Sprache hat Bundeskanzler Olaf Scholz im Bundestag die AfD angegriffen und ihr vorgeworfen, ein “Abbruchkommando für unser Land” zu sein. Die Forderungen der Partei nach einem Rückbau der EU und Abbau des Sozialstaats seien “nichts als mutwillige Wohlstandsvernichtung”. Die Ampelkoalition kommt in der jüngsten INSA-Umfrage nur noch auf 38,5% Unterstützung, der Rückstand der Kanzlerpartei auf die AfD beträgt mittlerweile vier Prozentpunkte. Vor der Wahl in Bayern im Oktober ziehen die Freien Wähler mit ihrem Spitzenkandidaten Hubert Aiwanger laut INSA an den Grünen vorbei.

Schwarzer Konjunkturhimmel

Schwache deutsche Auftragseingänge haben zur Wochenmitte die Stimmung am Aktienmarkt eingetrübt. Die Nachfrage stürzte im Vergleich zum Juni um 11,7% ab und lag damit weit unter dem von Ökonomen erwarteten Rückgang von 4,3%. Bereinigt um den Effekt von Großaufträgen wäre der Indikator allerdings um 0,3% gestiegen. Angesichts der Schlechtwetterfront der vorlaufenden Indikatoren haben drei der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Wachstumsprognosen für 2023 in den Negativbereich gesenkt, wie die FAZ berichtet. Das IWH in Halle und das IfW in Kiel gehen auf -0,5%, das RWI in Essen auf -0,6%. Zusammen mit anderen Forschungseinrichtungen hatten die Institute in ihrer Gemeischaftsdiagnose im April noch ein Wachstum von 0,3% prognostiziert. Weil Psychologie die Hälfte der Wirtschaftspolitik ist, stemmt sich Deutschlands oberster Notenbanker gegen den Defätismus. „Deutschland ist nicht der kranke Mann Europas”, sagte Bundesbankpräsident Joachim Nagel dem Handelsblatt. Der SPD-Mann stellt den jüngsten Meseberg-Beschlüssen der Ampelkoalition ein positives Zeugnis aus und fordert nun rasche Umsetzung.

Immo-Finanzierer sieht mehr Risiko

Der Immobilienfinanzierer Berlin Hyp hat die Zuführung zur Risikovorsorge im Kreditgeschäft im ersten Halbjahr verachtfacht. Die LBBW-Tochter verwies dabei auf konjunkturelle und geopolitische Entwicklungen. Am Immobilienmarkt “dominieren die Moll-Töne”, hieß im Vorwort zum Halbjahresbericht. Laut einer Umfrage im genossenschaftlichen Bankensektor dürfte sich der Preisrückgang bei Wohnimmobilien in der laufenden zweiten Jahreshälfte überwiegend fortsetzen. Die rasant gestiegenen Zinsen hatten zuletzt die Immobilienmärkte weltweit unter Druck gesetzt. In Großbritannien ist Barratt Developments die jüngste Baugesellschaft, die angesichts der hohen Hypothekenbelastung auf dem britischen Wohnungsmarkt einen Einbruch des Geschäfts meldet. Die vier größten britischen börsennotierten Wohnungsbaugesellschaften mussten in diesem Jahr einen Rückgang ihrer Marktkapitalisierung hinnehmen.

Was sonst noch so passiert ist

  • Indexfamilien-Karussell

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