Amerikas ungeliebter Krieg geht weiter


„Mein erster Instinkt hat mir gesagt, wir müssen da raus, und normalerweise folge ich meinem Instinkt.“ Aber Dinge sähen halt „anders aus, wenn man am Schreibtisch“ sitzt. US-Präsident Donald Trump räumte direkt zu Beginn seiner Ansprache an die Nation ein, dass er sein Wahlversprechen brechen und gegen seine Instinkte handeln wird. Die US-Truppen sollen in Afghanistan stationiert bleiben, er will aber nicht bekanntgeben, wie viele es sein werden oder wie lange sie dort bleiben werden.

Statt nach „Zeitpunkten“ soll anhand von „Fortschritten vor Ort“ entschieden werden, damit die Gegner keine Anhaltspunkte mehr haben, was wann passieren wird. Das ist natürlich ein zweischneidiges Schwert. Wenn sich die Verhältnisse nicht ändern, könnte der Einsatz ewig dauern. Deshalb betonte er zugleich, die Unterstützung sei nicht „unendlich“ und auch kein „Blankoscheck“ für die afghanische Regierung.


Unverblümte Botschaften gab es auch an die Partnerländer Indien und vor allem die überwiegend islamische Nuklearmacht Pakistan. Dort seien die Terroristen „beheimatet, die wir verfolgen“, so Trump. Dem soll ein Ende gesetzt werden, „und zwar schnell“, betonte er unter Hinweis auf die Wirtschaftsströme zwischen diesen Ländern und den USA. Im Grund war es die Androhung eines neuen Wirtschaftskriegs, wenn die Aktivitäten gegen den Terror nicht verstärkt würden.

Ein ernster und fokussierter US-Präsident präsentierte sich am Montag in Fort Myer in Virginia. Die schnörkellose Ansprache an die Nation kam ohne jegliche Seitenhiebe auf politische Gegner aus, ohne Selbstbeweihräucherung und unnötigen Narzissmus. Trump hielt sich eisern an seine Vorgaben, es gab keine spontanen Sondereinlagen zu ebenso überraschenden wie irrelevanten Themen.

Trump hat ein Glaubwürdigkeitsproblem

Zusammen mit seinen Sicherheitsberatern habe er die Situation ausführlich analysiert und sei zu einer Lösung gekommen. Die wiederum sieht so aus, wie man sie erwartet, wenn der Präsident überwiegend von Ex-Generälen umgeben ist. „Wir dürfen die Fehler, die wir in Irak gemacht haben, in Afghanistan nicht wiederholen“, erklärte Trump. Ein überhasteter Rückzug aus Afghanistan würde nur ein „Vakuum hinterlassen“, so wie es im Irak passiert sei.



Deswegen bleiben die US-Truppen in Afghanistan, obwohl Trump die „Frustration der Menschen“ in den USA nach fast 17 Jahren Krieg teile. Seine neue Strategie werde aber zu einem Sieg führen. Das US-Militär vor Ort werde praktisch völlig freie Hand bekommen. Die Menschen müssten ihm nur glauben. Aber genau da liegt das Problem.

Trump hat ohnehin ein Glaubwürdigkeitsproblem und am Montag hat er es nur noch weiter verschärft. Seit 2011 hat er per Twitter immer wieder die Afghanistan-Politik von Barack Obama als vollständiges Desaster kritisiert, den sofortigen Abzug aller Truppen gefordert. Die Beendigung der „Verschwendung von Geld und Menschenleben“ in dem längsten Krieg, den die Vereinigten Staaten je geführt haben, war zentrales Wahlkampfthema.


Alte Versprechen werden gebrochen


„America first“ sollte auch für den Einsatz des Militärs gelten, Trump wollte nicht mehr den „Weltpolizisten“ spielen. Mit einer Ausnahme: Der Kampf gegen den Terror. Den wollte er schnell und erfolgreich beenden. Und jetzt sieht es so aus, als ob sein im Wahlkampf angekündigter „Geheimplan“, um Terrorgruppen wie den Islamischen Staat zu vernichten, im Prinzip genauso aussieht wie der von Barack Obama. Nur wird die US-Öffentlichkeit keine Details mehr erfahren

Trotzdem bittet er die US-Bürger, ihm einen Blankoscheck auszustellen, um vielleicht noch mehr ihrer Söhne und Töchter an den Hindukusch zu schicken, von wo einige nicht mehr zurückkehren werden. Bislang sind rund 2300 US-Soldaten in diesem Krieg gefallen und Tausende mehr wurden verletzt.


Als potenziell positive Wendung kann seine Bemerkung gewertet werden, es werde „vielleicht irgendwann eine politische Lösung geben mit Teilen der Taliban“, aber niemand wisse, wann oder ob. Das ist eine Einladung an die Taliban, an den Verhandlungstisch zu kommen und so den USA einen ehrenvollen und „siegreichen“ Abgang zu verschaffen. Trump betonte, die Zeiten, in denen die USA „Staaten nach ihren Vorstellungen“ aufbauen, sollen vorbei sein. Man werde nur noch Terroristen bekämpfen, die Afghanen müssten ihre Zukunft selbst gestalten.

Keine Privatarmee in Afghanistan

Die Entscheidung für eine andauernde Truppenpräsenz gibt einen wichtigen Hinweis auf den Einfluss des am Freitag entlassenen Chefstrategen Steve Bannon. Die Webseite „Breitbart News“, zu der er nach dem Ausscheiden aus dem Weißen Haus zurückgekehrt ist, veröffentlichte kurz vor Trumps TV-Rede einen Bericht.

Demnach wurde der Gründer der privaten Söldnerfirma Blackwater, Eric Prince, im letzten Moment von einem Treffen in Camp David ausgeladen, wo er die Vorteile seines Plans für eine Privatarmee von 5500 Soldaten mit Verstärkung von 2200 US-Armeeangehörigen für Afghanistan erläutern wollte. Für Blackwater wäre das ein Milliardengeschäft gewesen, je nachdem, wie viele Jahre der Einsatz noch dauern wird.

Bannon, heißt es in dem Bericht, hätte sich im Weißen Haus immer für eine Limitierung der US-Auslandseinsätze stark gemacht. Am Ende war Bannon in der Regierung also vollständig isoliert.


Prince erklärte gegenüber Breitbart allerdings, was viele US-Bürger jetzt auch vermuten: „Ich fürchte“, so Prince, „er (Donald Trump) wird umfallen und dieselben gescheiterten Paradigmen der letzten 16 Jahre akzeptieren.“ In der Tat hat es immer wieder gescheiterte Versuche gegeben, die afghanischen Truppen für den Anti-Terror-Kampf aufzubauen.

In der Hochphase des Krieges hatten die USA fast 100.000 Soldaten in Afghanistan, bevor Barack Obama die Präsenz stückweise abbaute und danach wieder leicht auf 8400 erhöhte. Nun wird das Mäntelchen des militärischen Schweigens über die künftige Truppenstärke gelegt.

Aber wie so oft muss man erst mal ein oder zwei Tage abwarten, bevor man die wahren Hintergründe der Pläne des Präsidenten tatsächlich versteht. Am heutigen Dienstag wird der „Kandidat“ Donald Trump für 2020, nicht der Präsident, eine Wahlkampfveranstaltung in Arizona abhalten. Sie wird vor handverlesenen Trump-Anhängern stattfinden, und dann wird der 45. Präsident der USA wieder frei von der Leber reden. Vielleicht auch zu Afghanistan. Denn dann muss er seiner Kernwählerschaft klarmachen, warum er wieder einmal nichts von alten Versprechen wissen will.