Warum Amerikas Ölbranche vor „Harvey“ zittert


Über der amerikanischen Ölindustrie zieht ein Sturm auf. Nein, es handelt sich nicht um ein abgedroschenes Sprachbild, sondern eine tatsächliche meteorologische Bedrohung: Der Tropensturm Harvey rast auf die texanische Küste zu. Am Freitagabend (Ortszeit) könnte er sie erreichen. Harvey könnte der mächtigste Hurrikan seit mehr als zehn Jahren sein, der auf das amerikanische Festland trifft. Neben Eigenheimbesitzern fürchten Ölkonzerne um ihr Hab und Gut.

Das Nationale Hurrikanzentrum stufte den Sturm am späten Freitag (Ortszeit) eigenen Angaben zufolge auf die vierte und damit zweithöchste Kategorie der Hurrikan-Skala hoch. Die Winde erreichten Geschwindigkeiten zwischen 185 und 233 Stundenkilometern. Den Prognosen zufolge soll „Harvey“ am späten Freitagabend oder frühen Samstagmorgen auf Land treffen. Sein Auge sei derzeit über dem Golf von Mexiko rund 100 Kilometer von der Küste entfernt.

Der Hurrikan könnte damit zum schwersten Sturm in den USA werden, seit vor zwölf Jahren „Katrina“ die Stadt New Orleans und die umliegende Gegend verwüstet hatte. Betroffen ist ein von insgesamt 16 Millionen Menschen bewohntes Gebiet zwischen der Stadt Brownsville und Houston mit einem Küstenstreifen von etwa 560 Kilometern Länge. Für die Einwohner von sieben Bezirken an der Küste wurde eine Evakuierung angeordnet, sie müssen sich dem aber nicht beugen. In der Hafenstadt Corpus Christi mit gut 300 000 Einwohnern ist nach Angaben von Reportern vor Ort und der Zeitung „Caller Times“ das öffentliche Leben weitgehend heruntergefahren.

Grund genug auch für die Ölindustrie, Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Denn fast die Hälfte der Raffinerie-Kapazität des Landes, also jenem Gewerbe das Öl zu Benzin und anderen Treibstoffen verarbeitet, liegt an der Golfküste. Hiervon mussten laut Reuters-Schätzungen knapp zehn Prozent geschlossen werden, „was einem Nachfrageausfall von knapp einer Million Barrel pro Tag entspricht“, erklären die Rohstoffexperten der Commerzbank.

Je näher der Hurrikan kommt, desto stärker schlägt sich die Nervosität beim Preis für das nordamerikanische Leichtöl WTI nieder. Ein Barrel (159 Liter) kostet am Freitag mit 47,90 Dollar rund 50 Cent mehr als am Vortag. Bei den Preisen für Benzin schlägt der Hurrikan schon jetzt voll durch: Seit Mittwochabend hat sich der Treibstoff um knapp neun Prozent verteuert. Eine Gallone (3,8 Liter) kostete zuletzt 1,71 Dollar.


Corpus Christi ist einer der bedeutenden Raffinerie-Standorte in den USA. Dort hat nach Angaben von S&P Global Platts etwa das Ölunternehmen Flint Hills seine 300.000 Barrel/Tag-starke Raffinerie geschlossen. Unternehmen wie Valero, Phillips 66, Marathon und Shell haben zwar noch nicht gehandelt, seien aber vorbereitet. „Wir behalten den Sturm im Auge und werden insbesondere für unsere Anlagen in Corpus Christi und Three Rivers im Falle der Fälle entsprechende Entscheidungen treffen“, sagte ein Valero-Sprecherin S&P Global Platts. Da auch der Schiffsverkehr vom Sturm betroffen ist, wird zudem die Ölversorgung der Raffinerien eingeschränkt. Der Hafen von Corpus Christi sei für den Schiffsverkehr geschlossen, erklärte eine Sprecherin der Hafenbehörde dem amerikanischen Wirtschaftssender CNBC.

Laut der US-Energiestatistikbehörde EIA befinden sich allein im Golf von Mexiko rund 17 Prozent der amerikanischen Ölförderung. Die Unternehmen haben bereits begonnen, ihre Bohrplattformen im Golf zu evakuieren. Nach Angaben des Bureau of Safety and Environmental Enforcement betrifft dies 39 von 737 bemannten Plattformen. Sicherheitsventile unter der Meeresoberfläche werden geschlossen, um im Falle eines Unfalls das Austreten von Öl zu verhindern. Insgesamt wird die Ölversorgung damit um knapp 170.000 Barrell eingeschränkt.


Derzeit fördern die USA täglich 9,4 Millionen Barrel Öl. Allein die Raffinerien an der texanischen Golf-Küste können täglich rund fünf Millionen Barrel Öl verarbeiten.

Auch an Land werden erste Vorkehrungen getroffen. Zwar sieht es so aus, als würde Harvey die derzeit stärkste Schieferöl-Region Permian im Westen von Texas verschonen. Der Wirbelsturm droht aber den Schieferöl-Gürtel Eagle Ford, der sich vom Südwesten des Bundesstaates in den Nordosten zieht, zu treffen. Statoil, das zwei Plattformen dort betreibt, hat diese gesichert und evakuiert das Personal. ConcoPhillips hat seine Bohraktivitäten vorübergehend ausgesetzt.

Wie groß die Auswirkungen auf dem Ölmarkt am Ende sein werden, hängt sehr davon ab, ob sich der Sturm Harvey – wie von Meteorologen befürchtet – bis zum Eintreffen auf dem Festland noch verstärkt oder nicht. Die Industrie hofft, größerem Unheil zu entgehen.

KONTEXT

Fragen und Antworten zur Entwicklung des Ölpreises

Warum fallen die Preise, obwohl die Opec weniger fördert?

Im Vorfeld der Entscheidung der Opec und ihrer Partnerländer wie Russland waren die Anleger schon auf die Verlängerung der seit Januar geltenden Förderbremse bis März 2018 vorbereitet worden. Einige hatten aber auf eine deutlichere Verlängerung und stärkere Kürzungen spekuliert.

Was bezweckt die Opec mit der niedrigeren Förderung?

Das Kartell und seine Partner, darunter Russland, wollen das Überangebot auf dem Weltmarkt schmälern und damit die Preise stützen. Erklärtes Ziel ist es, die Ölvorräte von einem aktuellen Rekordhoch von drei Milliarden Fässern auf 2,7 Milliarden Fässer zu senken - dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre. Das für die Finanzmärkte richtungsweisende Nordseeöl Brent kostet derzeit gut 50 Dollar - im Sommer 2014 war der Preis mit 115 Dollar noch mehr als doppelt so hoch.

Wie wird sich der Preis jetzt entwickeln?

Das hängt davon ab, wie viel Öl tatsächlich vom Weltmarkt verschwindet. Und genau das ist der Haken. Die US-Ölindustrie dürfte in die Bresche springen und die Lücke schließen, die durch den Opec-Beschluss von Donnerstag entsteht.

Gibt es besondere Preis-Marken?

Ja. Umkämpft ist fast jede runde Marke - auch aus psychologischen Gründen. Doch in der Vergangenheit waren stets zwei Preis-Marken wichtig: die 30-Dollar-Marke und die 50-Dollar-Marke. Die erstere wurde Anfang 2016 erstmals seit 2003 wieder unterschritten, was letztlich die Opec auf den Plan rief. Nachdem das Kartell im November erstmals wieder eine Förderkürzung beschloss, kletterte der Preis wieder über 50 Dollar und hat sich seither mehr oder weniger darüber behauptet.

Welche Rolle spielen die US-Ölkonzerne

Die USA machen bei der Förderkürzung nicht mit - dürften sie aus rechtlichen Gründe vermutlich auch gar nicht. In den USA ist die Ölindustrie zudem nicht staatlich organisiert wie in vielen anderen Förderländern. Von Texas bis in die Dakotas feiert das Fracking seit Mitte 2016 ein Comeback. Die US-Ölindustrie pumpt derzeit wieder so viel Öl an die Oberfläche, wie vor einigen Jahren, als die Ölschwemme erstmals die Preise ins Rutschen brachte.

Ist Fracking nicht ein sehr kostspieliges Verfahren?

Ja und nein. Denn während des Preisverfalls der vergangenen beiden Jahre hat die Branche nicht geschlafen. In Texas und anderen US-Regionen sind die Förderkosten inzwischen teilweise so niedrig wie in Nahost. Der technische Fortschritt macht Fracking wieder profitabel. Machten US-Firmen vor einigen Jahren erst ab einem Ölpreis von 60 Dollar Profit, reichen ihnen inzwischen schon 30 Dollar.

Was macht die Opec denn jetzt?

Bis März 2018 kürzt die Opec die Produktion um 1,8 Millionen Barrel täglich. Am 30. November kommen die Mitglieder erneut in Wien zusammen, um die Lage zu beraten. Außerdem wollen sie enger mit den Nicht-Opec-Partnern - sprich Russland - zusammenarbeiten. Saudi-Arabien will zudem seine Exporte in die USA verringern. Doch das ist nicht ohne Risko: Die Opec-Länder und Russland drohen Marktanteile an die US-Ölkonzerne zu verlieren.

Wer sind die größten Ölförderer der Welt?

Die Opec steht für rund ein Drittel des weltweiten Rohöl-Angebots. Neben dem Kartell-Mitglied Saudi-Arabien sind Russland und die USA mit großem Abstand und einer Förderung von je etwa neun bis zehn Millionen Fässern Öl am Tag die größten Ölproduzenten der Welt.

Welche Folgen hätte ein neuerlicher Ölpreisverfall für die Weltwirtschaft?

Wenn der wichtigste Schmierstoff für die Produktion nicht viel kostet, ist das generell gut für die Konjunktur und den Geldbeutel des Verbrauchers, der beim Benzin spart. Aber es gibt auch Kehrseiten - beispielsweise für die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Denn sie kämpft seit Jahren gegen eine zu geringe Inflation, was auf Dauer für die Konjunktur schädlich ist. Erwarten Verbraucher und Firmen fallende Preise, halten sie sich mit Käufen und Investitionen zurück. Der niedrige Ölpreis dämpft zudem in einigen Förderländern die wirtschaftliche Dynamik. Vielerorts werden Investitionen zurückgestellt.