Der Amerikanische Traum - leider zerbrochen

Andreas Fischer
·Lesedauer: 3 Min.

Oscar-Gewinner Ron Howard scheitert bei Netflix beim Versuch, vom Niedergang der einst prosperierenden Mittelschicht in den USA zu erzählen.

Den sozialen Aufstieg zu schaffen, ist schwierig geworden in den USA. Der amerikanische Traum ist vor allem im Kernland zum Albtraum geworden, geprägt von Armut und Opioiden. Im Rust Belt etwa, dort wo früher das industrielle Herz der Vereinigten Staaten schlug, kämpfen viele Menschen heute verzweifelt gegen den Abstieg. Desillusioniert, chancenlos, vergessen schlagen sie sich mehr schlecht als recht durch ihre Existenz. Nur wenigen gelingt es, sich hochzuarbeiten: JD Vance erzählte davon in seinem 2016 erschienenen Bestseller "Hillbilly Elegy", den Ron Howard ("A Beautiful Mind") nun für Netflix verfilmt hat.

Vance ist heute ein erfolgreicher Finanzmanager: "Hillbilly Elegy" ist die Geschichte seiner Familie und die (exemplarische) Geschichte einer Region im Niedergang. Vance, der in schwierigen Verhältnissen aufwuchs, nutzte sein Buch weniger als Abrechnung mit Ungerechtigkeiten oder verbittertes Lamento, sondern eher als Schilderung von Tatsachen, die er mit versteckt reaktionärer Sichtweise zeitgeschichtlich einordnete. Im Film entfällt diese durchaus spannende politische Analyse, dafür wird der Rest des Buchs nicht ohne Pathos dramatisiert.

Barscher Ton für ein besseres Leben

Oscar-Preisträger Ron Howard legt den Schwerpunkt auf die Beziehung JDs (Gabriel Basso) zu seiner Mutter Beverly (Amy Adams): Die beiden haben ein inniges, aber auch gestörtes Verhältnis. Beverly liebt ihre Kinder, JD hat noch eine ältere Schwester, ist aber latent überfordert und verliert nach dem Tod ihres Vaters völlig den Boden unter den Füßen. Abhängig zunächst von Schmerzmitteln, später dann von Heroin, entgleitet ihr das Lebens zusehends.

JD zieht zu seiner Großmutter (Glenn Close), einer kraftvollen, entschlossenen Frau, die alles dafür tut, dass der Weg in ein besseres Leben nicht auch noch für ihren Enkel verbaut wird. Glenn Close, unter einer schrägen Perücke und hinter einer enormen Brille kaum zu erkennen, könnte diese Rolle ihre achte Oscar-Nominierung einbringen: Auch wenn sie offensichtlich überdramatisiert ist, verdient hätte die mittlerweile 73-Jährige ihren ersten Academy Award allemal.

Die kettenrauchende Oma zwingt den Jungen (als Kind von Owen Asztalos gespielt) jedenfalls mit barschem Ton in ein besseres Leben: JD schafft es tatsächlich an die Eliteuniversität Yale, wo er Jura studiert und kurz davor ist, einen gut bezahlten Job zu bekommen. Doch dann landet seine Mutter mit einer Überdosis Heroin im Krankenhaus. JD kehrt in seine alte Heimat zurück und läuft Gefahr, seinen Traum aufgeben zu müssen.

Zuversicht in düsteren Zeiten

Howard erzählt nicht chronologisch, sondern verwebt das Jetzt mit dem Einst und versucht, ein Konfliktfeld aufzubauen - zwischen dem "Wo will ich hin?" und dem "Wo komme ich her?". Sein Film versucht sich als Bestandsaufnahme der Befindlichkeiten der weißen Unterschicht in den USA, der nach dem Niedergang von Industrie und Bergbau ab den 1980er-Jahren nicht mehr viel bleibt - findet in den Randbezirken der Gesellschaft aber nur ein Familiendrama in immer neuen Facetten.

JD muss immer neue Krisen managen und konfrontative Situationen auflösen, sodass es eigentlich gar keinen Ausweg für ihn geben dürfte. Aber er findet ihn in dem weichgespülten Drama natürlich doch. Anders als Beverly, die auch als zweitbeste Schülerin ihres Jahrgangs nicht aus ihrer prekären Lebensrealität ausbrechen konnte, setzt er sich ins Auto und fährt seinem Traum entgegen.

Fehlende Krankenversicherung, überreizte Kreditkartenlimits, Perspektivlosigkeit schon im Teenageralter: Nein, der Aufstieg aus der Unterschicht in eine bessere Zukunft ist in Amerika nicht leicht. Das stellt auch "Hillbilly Elegy" pflichtschuldig fest, bleibt dabei aber oberflächlich. Ron Howard und Drehbuchautorin Vanessa Taylor jedenfalls wirken ziemlich ratlos, wie sie mit Donald Trumps Kernwählerschaft umgehen sollen. Sie scheuen die künstlerische und intellektuelle Auseinandersetzung und bauen lieber der Familie ein Denkmal: In "Hillbilly Elegy" bietet die kleinste gesellschaftliche Einheit, egal wie dysfunktional, den einzigen Halt, wenn die Welt zusammenbricht und das Leben in Trümmern liegt. Wenn es doch nur so einfach wäre.