Der Amerian Dream stirbt nie


Die Krankenversicherung steckt in einer Existenzkrise. Die Mieten steigen ins Uferlose, die Löhne dagegen nicht. Das Land ist gespalten wie nie, aber wen kümmert es? Die Amerikaner momentan jedenfalls nicht. Sie hoffen kollektiv auf das große Los, das sie von allen ihren Sorgen befreien könnte. Oder wie Silicon-Valley-Milliardär Marc Andreesen es ausdrückt: „Wenn du vor dem Jackpot unglücklich warst, wirst du auch danach unglücklich sein. Geld macht nicht glücklich. Aber wenn du davor glücklich warst, wirst du danach noch glücklicher sein. Es ist einfach schön, wenn man sich keine Sorgen mehr machen muss, wie man die Rechnungen bezahlt.“ Denn: Im Jackpot der Lotterie Powerball sind 700 Millionen Dollar.

Das ist der zweithöchste Jackpot aller Zeiten. Das größte Lotterieticket in den USA überhaupt wurde am 13. Januar 2016 ausgespielt. Es waren 1,6 Milliarden Dollar aufgelaufen, die sich am Ende drei Gewinner teilten. Wird heute der Jackpot nicht geknackt, kann er sich ganz schnell wieder in diese Richtung bewegen. Alleine von Montag auf Dienstag ist die Gewinnsumme von 650 auf 700 Millionen angestiegen, weil überall in den USA wie verrückt Lose gekauft werden. Vor Verkaufsstellen, die schon einmal Jackpot-Gewinnerlose verkauft haben, bilden sich lange Schlangen, viele nehmen 50 oder 100 Kilometer Anfahrt in Kauf. Die Gewinnchance liegt bei 1 zu 292 Millionen, wenn in Florida am Mittwoch um 23 Uhr Ostküstenzeit die fünf weißen Gewinnerkugeln gezogen werden.


Dabei kommt für so manchen schnell die Ernüchterung. Sollte nur ein einziger Glückspilz die richtige Kombination haben, überweist die Lotteriegesellschaft einen Bruchteil der 700 Millionen Dollar. Zuerst hält automatisch der Staat die Hand auf und zieht pauschal 25 Prozent Steuern ein. Dazu kommt noch die Steuer des Bundesstaates, in dem der Gewinner lebt. Kalifornien macht eine Ausnahme und besteuert keine Lottogewinne.

Der Rest wäre auch immer noch besser als gar nichts, laut offiziellen Angeben wären es 443 Millionen, nach allen Abzügen. Oder der Gewinner wählt die Standardoption für Mutige: 30 Zahlungen über 29 Jahre. Stirbt der Gewinner, sind alle restlichen Zahlungen verloren. Das wird wohl auch der Grund sein, warum die meisten Glücklichen den Spatz in der Hand wählen statt der Taube auf dem Dach.


Neben dem Geld winkt auch ein rapider Prestigegewinn. Ein Einzelgewinner wäre (nach Steuern) mit einem Schlag reicher als Celine Dion (laut Forbes geschätzt 400 Millionen), Justin Bieber (265 Millionen), Taylor Swift (280 Millionen) oder Beyonce (350 Millionen). Man muss sich dann auch nicht mehr von der Ehefrau des Finanzministers Steven Mnuchin unflätig anblaffen lassen, dass man ein Loser sei, weil man, anders als sie, kein Geld hat oder teure Markenklamotten trägt, wenn man mit einem Regierungsjet auf einen vom Steuerzahler bezahlten Tagesausflug geht. Das Finanzministerium erklärte mittlerweile, dass die Mnuchins die Kosten des Fluges erstatten werden und und Frau Mnuchin entschuldigte sich für ihren Ausfall.
Ironischerweise ist ausgerechnet in Nevada, der Heimat der Zockerstadt Las Vegas, das lotterhafte Lottospiel verboten. Vor Annahmestellen wie in Primm Valley an der Staatsgrenze zu Kalifornien bilden sich deshalb schon seit Tagen Warteschlangen von 100 Metern und mehr. Von Las Vegas über die I-15 sind es nur 30 Minuten, und man wird doch wohl noch träumen dürfen.

Und falls ich am Donnerstag nicht mehr zur Arbeit erscheine – ruft einfach gar nicht erst an.