Amazon überrascht mit massivem Gewinnsprung und nähert sich der Billionen-Bewertung


Der Onlinehändler Amazon hat mit einem Gewinn von 2,5 Milliarden Dollar (2,1 Milliarden Euro) im zweiten Quartal überrascht. Vor einem Jahr waren es mit 197 Millionen Dollar nur ein Bruchteil davon.

Auch für das laufende dritte Quartal rechnet Amazon mit einem deutlich höheren Gewinn als bisher von Analysten erwartet: Er soll zwischen 1,4 und 2,4 Milliarden Dollar liegen – weit mehr als doppelt soviel wie von Experten prognostiziert.

Der massive Gewinnsprung im zweiten Quartal und eine Ausweitung der profitablen Geschäftsfelder jenseits der Cloud-Tochter AWS sorgen für Optimismus bei den Anlegern – trotz leichter Enttäuschungen beim Umsatz: Der Kurs zog nachbörslich um gut drei Prozent auf rund 1867 Dollar an und hievte die Börsenbewertung auf über 900 Milliarden Dollar.

Weil Analysten bei Apple, das in der kommenden Woche seine Zahlen für das abgelaufene Quartal präsentiert, keine größeren Überraschungen erwarten, könnte der Onlinehändler damit das Rennen um das erste börsennotierte Unternehmen der Welt mit einer Bewertung von einer Billion Dollar doch noch gewinnen. Apple liegt aktuell bei einer Börsenbewertung von 945 Milliarden Dollar.

Angesichts des Gewinnwachstums verziehen die Anleger Amazon auch, dass die Umsatzprognosen nicht ganz erreicht wurden: Diese zogen im Quartal um imposante 39 Prozent auf 52,9 Milliarden Dollar an – allerdings hatten Analysten mit 53,4 Milliarden gerechnet.

Solche Patzer reichen manchmal schon aus, um steile Kurseinbrüche auszulösen, wie gerade erst der Fall Facebook gezeigt hat: Das soziale Netzwerk hatte nach einem enttäuschenden Quartalsbericht einen historischen Kurseinbruch hinnehmen müssen, der 120 Milliarden Dollar Börsenwert des Unternehmens ausradierte.


Amazon-CEO Jeff Bezos jedoch hatte noch ein weit stärkeres Ass im Ärmel, mit dem er die Umsatzschlappe vergessen machte: Denn der Nettogewinn fiel mit 2,5 Milliarden Dollar gleich mehr als doppelt so hoch aus, wie von Analysten erwartet. Diese hatten mit rund 1,2 Milliarden Dollar gerechnet.

Es war damit das dritte Quartal in Folge, in dem Bezos mehr als eine Milliarde Dollar Gewinn präsentieren konnte und das erste Mal, dass das Unternehmen die Marke von zwei Milliarden Dollar übersprang. Die Gewinne kamen nicht mehr nur aus der bislang dominierenden Sparte Cloud-Computing, sondern auch aus anderen Aktivitäten, vorwiegend im nordamerikanischen Raum.

Fortschritte machte Amazon im Bereich Online-Werbung. Zwar dominieren Google und Facebook einsam diesen Markt mit über 90 Prozent Marktanteil, aber Amazon holt auf. Die Sparte „Sonstiges“, dominiert von Werbung, wuchs um 129 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 2,2 Milliarden Dollar.

Finanzchef Brian Olsavsky sprach im Analystengespräch gerne über diesen Erfolg: „Es ist jetzt ein Multimilliarden-Dollar-Geschäft für uns und wir sehen starken Zuspruch von vielen Seiten.“ Allerdings ist der Weg noch weit bis zu den 13-Milliarden-Dollar-Werbegeldern, die Facebook zuletzt verdient hat.

Cloud-Geschäft wächst weiter stabil

Das Besondere an Amazons Werbung ist die Art, wie dafür Daten gesammelt und verwendet werden. Der Kunde gibt sie selber preis, aber nicht auf einem Marktplatz wie Facebook, wo alle Freunde oder Werbetreibende die Aktivitäten verfolgen können.

Amazon-Kunden verraten ihre Präferenzen wenn sie online einkaufen, Prime-Videos anschauen, den Musikkanal des Online-Riesen benutzen und wenn sie in mit „Echo“ ausgestattete Geräten sprechen, die mittlerweile in Millionen Haushalten stehen.

Diese Daten verbleiben bei Amazon und kurbeln dank künstlicher Intelligenz die eigenen Geschäfte und die der Werbekunden an, die Anzeigen in Amazons Werbenetzwerk buchen können. So ist der Konzern bislang jeder Datenmissbrauchsdebatte entgangen. „Wir sind einzigartig positioniert, um unseren Kunden die direkte Wirkung ihrer Anzeigen zu zeigen“, freut sich Olsavsky. Facebook oder Google müssen dagegen massive und kostenintensive Maßnahmen ergreifen, um ihre Kunden und deren Daten zu schützen.

Das Cloud-Geschäft mit der Tochter AWS wächst gewohnt stabil. Der Umsatz stieg um 49 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf 6,1 Milliarden Dollar. Der operative Gewinn lag bei 1,6 Milliarden Dollar und damit fast 80 Prozent über dem Vorjahreswert.


Dennoch ist es beruhigend für die Anteilseigner, wenn andere Gewinnquellen dazukommen. Gerade erst hat Google auf einer Konferenz in San Francisco zum Generalangriff auf den Cloud-Marktführer Amazon geblasen. Und Microsoft, die Nummer zwei, wächst mit gut 90 Prozent im Quartal noch schneller als Amazon.

Wichtig war deshalb für Amazon der massive Ertragszuwachs im nordamerikanischen Stammgeschäft bei gleichzeitigem Abbau der internationalen Verluste von 727 auf 494 Millionen Dollar. Die hohen Investitionen in Datencenter und Warenhäuser im vergangenen Jahr „haben sich ausgezahlt“, sagte der Finanzchef. International habe Werbung und Marketing geholfen.

Doch da ist auch noch Whole Foods, die Supermarktkette, die Amazon vergangenes Jahr kaufte. Der ausgewiesene Umsatz von 4,3 Milliarden Dollar liegt 16 Prozent über dem Vorjahreswert, als die Kette noch eigenständig Zahlen vorlegte. Insgesamt stieg im US-Stammarkt, bei dem die Investoren bislang nur messerscharfe Margen gewohnt waren, der operative Ertrag von 436 Millionen auf 1,8 Milliarden Dollar.

Für das laufende Quartal erwartet Amazon einen Umsatz zwischen 54 und 57,5 Milliarden Dollar. Der operative Gewinn soll zwischen 1,4 und 2,4 Milliarden Dollar liegen. Doch selbst wenn es beim Gewinn etwas abwärts gehen sollte, läge dieser immer noch über der beruhigenden Schwelle von einer Milliarde, an die sich die Aktionäre jetzt gewöhnt haben.