Eine Amazon-Fahrerin erzählt, wie sie nach drei Jahren völlig unerwartet von einem App-Algorithmus entlassen wurde

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„Seien Sie Ihr eigener Chef und arbeiten Sie nach ihrem Zeitplan, um mehr Zeit zu haben, Ihre Ziele und Träume zu verwirklichen.“ Mit diesen Worten bewirbt Amazon sein Flex-Programm, auch hier in Deutschland. Wer teilnimmt, kann mit seinem eigenen Auto Pakete für den Online-Händler ausliefern. Gesteuert werden die Zustellrouten über eine App – etwa wie bei Uber oder Lyft, nur für Paketzustellungen. Und auch wenn Amazon verspricht, dass Flex-Mitarbeiter „ihre eigenen Chefs sind“, haben sie doch einen Vorgesetzten: Den Algorithmus der App. Wie unberechenbar dieser sein kann, bekam die US-Amerikanerin Neddra Lira zu spüren. Drei Jahre lang fuhr die 42-Jährige für Amazon Pakete aus, wie sie „Bloomberg“ berichtet.

Lira ist eigentlich Schulbusfahrerin und verdiente sich durch das Flex-Programm von Amazon in den Ferien etwas Geld dazu. Durch die Pandemie mussten die Schulen schließen. Die Amazon-Fahrten wurden Liras Haupteinnahmequelle, bis sie im vergangenen Oktober plötzlich entlassen wurde. Warum, weiß sie bis heute nicht genau.

Bei Amazon ist der Algorithmus der Boss

Bei Amazon entscheidet nämlich der Algorithmus der App darüber, wie gut oder schlecht Mitarbeiter ihre Arbeit ausführen. Jeff Bezos macht kein Geheimnis daraus, lieber auf Maschinen statt auf Menschen zu setzen, da diese schneller, besser sowie akkurater arbeiten und dabei auch noch weniger kosten würden. Die App kontrolliert die Flex-Fahrer, anhand der gesammelten Daten werde dann automatisch entschieden, wer mehr Fahrten bekommt und wer gefeuert wird.

Kommt etwa eine Lieferung nicht pünktlich an, wird dies dem Fahrer oder der Fahrerin negativ angerechnet. Einflüsse, über die Flex-Fahrer keine Kontrolle haben, wie Stau, Probleme mit dem Fahrzeug oder Verzögerungen bei der Paketentgegennahme oder Abnahme, würden nicht berücksichtigt.

Kurz vor ihrer Entlassung wurde Lira von der Flex-App noch als „hervorragende“ Mitarbeiterin eingestuft, wie Screenshots von „Bloomberg“ belegen. Am 2. Oktober 2020 erhielt Lira dann eine automatisierte E-Mail, in der behauptet wurde, sie hätte gegen die Bedingungen des Dienstes verstoßen und sei „nicht mehr berechtigt, am Amazon Flex-Programm teilzunehmen.“

Liras kämpfte um ihren Job, doch ihr Gesuch wurde von Amazon abgelehnt. Die Amazon-Mitarbeiter, mit denen sie in dieser Zeit Kontakt hatte und die über ihren Job urteilten, habe sie noch nie zuvor gesehen, sagt sie. Sie sei nicht einmal sicher, ob sie überhaupt Kontakt zu echten Menschen hatte oder nur mit Bots sprach. Antworten kamen entweder vom „Amazon Flex Team“ oder von einer „Magaret“ und wirkten oft automatisch generiert.

Nun hat die Mutter eines Kindes Angst, ihre Hypothek nicht mehr zahlen zu können. „Ich hätte fast mein Haus verloren“, sagte Lira. Auch andere Flex-Fahrer und ein Amazon-Manager sprachen mit „Bloomberg“ über die Probleme mit dem Algorithmus. Das System sei nicht auf die Herausforderungen der Fahrer im Alltag optimiert. Amazon wisse das, setzte aber weiterhin auf den Algorithmus, weil dieser billiger sei, berichten Insider. Amazon äußerte sich bisher noch nicht zu den Vorwürfen.

Dieser Artikel wurde von Klemens Handke aus dem Englischen übersetzt. Das Original findet ihr hier.

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