Amazon-Fahrer packen aus: Kündigungen bei Krankheit, ausbleibende Gehaltszahlungen und kaputte Fahrzeuge

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„Everybody“ singt eine Amazon-Kurierfahrerin hinter dem Steuer ihres Autos, „needs somebody to love“. Die Pakete hinter ihr stimmen ein in den Song der Blues Brothers, im Bild erscheinen lachende und glückliche Menschen zur Weihnachtszeit, die einander beschenken mit den singenden Paketen.

Paketzusteller von Amazon.
Paketzusteller von Amazon.

Die Fahrerin übergibt persönlich jedes der Geschenke an die Amazon-Kunden und strahlt. Abends kommt die Fahrerin nach Hause und wird von ihren freudestrahlenden Kindern empfangen. Es sind tolle Arbeitsbedingungen und eine heile Welt für die Fahrer und Fahrerinnen, die der US-Konzern in einem Werbeclip zeigt, der etwas älter als ein Jahr ist.

Amazon-Kuriere, mit denen Business Insider und „Frontal“ gesprochen haben, schildern ihre Arbeitsrealität anders. „Wir Kuriere werden von den Chefs behandelt wie Hunde“, sagt Kamil Kruczynski. Der Pole hat ein halbes Jahr für den Lieferdienst DSHT gearbeitet, ein Subunternehmen von Amazon, das Pakete für das Unternehmen ausliefern lässt. Kruczynskis Arbeitstag begann täglich um 10 Uhr, meistens war er nicht vor 21 Uhr zu Hause. Versprochen wurden ihm dafür 2.000 Euro im Monat, nach drei Touren wurde ihm eröffnet, dass es nur 1600 Euro werden würden. „Die Höhe des Salärs hängt vom Gutdünken der Chefs ab – wenn man sich bei ihnen einschleimt, Kaffee bringt, einen Energieriegel und sagt wie gut sie heute aussehen, kann der Tagessatz mal höher ausfallen“, so Kruczynski.

Nach der Krankmeldung folgte die Entlassung

Die Arbeit machte ihm Spaß, Kruczynski mochte den Kontakt zu den Kunden, baute Bekanntschaften auf, die körperliche Arbeit machte ihm wenig aus. Als der Pole aber krank wurde, feuerte ihn sein Chef noch am selben Tag. „An einem Tag ging es mir am Abend schlecht. Ich bin am Folgetag zum Arzt, der hat mich sofort krankgeschrieben – ich war dehydriert, erschöpft. Ich habe bei der Arbeit angerufen, gesagt, dass ich krank bin“, sagt Kruczynski. Was folgt, mag so gar nicht zur heilen Welt passen, die Amazon vom Leben der Kuriere in seiner Werbung erzählt. „Kurze Zeit später rief der Chef zurück, er sei auf dem Weg zu mir, die Kündigung habe er dabei. Ein Theater hat der bei mir im Hof veranstaltet! Ich habe ihm gesagt, er soll sich beruhigen und gefälligst benehmen. Einen offiziellen Grund für die Kündigung habe ich bis heute nicht, an dem Abend sagte er mir aber ins Gesicht, dass er mir wegen der Krankheit kündigt.“

Kruczynski ist juristisch gegen die Kündigung vorgegangen – und hat vor Gericht Recht bekommen. Er hat sich mit seinem ehemaligen Arbeitgeber auf eine Ausgleichszahlung geeinigt. Die Einigung liegt Business Insider und „Frontal“ vor.

Es gibt viele Geschichten wie die von Kamil Kruczynski. Etwa die von Yassin Saed (Name geändert), einem 48-jährigen Kurierfahrer, der 2019 für das Amazon-Subunternehmen BSWR GmbH gearbeitet hat. Der Chef hat Saed für Dezember und Januar das Gehalt nicht gezahlt, Beiträge zur Sozialversicherung gab es überhaupt nicht. Bei seinem nächsten Arbeitgeber wiederholte sich die Masche – es gab wieder zwei Monate kein Gehalt. Saed ist vor knapp 30 Jahren aus Pakistan nach Deutschland gekommen, hat Frau und Kinder, die er ernähren muss.

„Bei Amazon angeheuert – und das Elend nahm seinen Lauf“

Als ihm sein Arbeitgeber ohne Begründung kein Gehalt zahlte, musste er es sich im Bekanntenkreis zusammen leihen, eine andere Möglichkeit sah er nicht mehr, um über die Runden zu kommen, sagt er zu Business Insider und „Frontal“. Seine ausgebliebenen Gehälter für rund fünf Monate hat er bis heute nicht erhalten. Gefragt, wie es ihm damit gehe, lächelt Saed traurig und sagt: „Wie würde es Ihnen gehen in so einer Situation? Ich bin seit dreißig Jahren in diesem Land, zahle meine Steuern und halte mich an alle Regeln. Bis 2019 hatte ich keine Probleme. Dann habe ich bei Amazon (bei einem Subunternehmen von Amazon, Anm.d.Red.) angeheuert – und das Elend nahm seinen Lauf.“

Saed hat seine Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Ein Merkmal, das ihn anscheinend besonders interessant macht für die Chefs der Kurierdienste. Sie sollen nämlich insbesondere Fahrer mit mangelnden Sprachkenntnissen einstellen – damit diese nicht lesen können, was eigentlich genau in dem Arbeitsvertrag steht, den sie unterschreiben. So sieht es jedenfalls Klaudia Schölzel, die als Referentin bei „Faire Mobilität in Thüringen“ vom DGB arbeitet. „Die Chefs der Subs suchen sich bewusst Mitarbeiter, die die Sprache nicht gut sprechen. Das nutzen sie aus, um sie möglichst schlechte Verträge unterschreiben zu lassen. Wir versuchen, die Angestellten zu unterstützen und ihnen ihre Rechte zu erklären“, sagt Schölzel.

Auch der Fall Kruczynski hat laut Schölzel System. „Ganz oft war es so, dass der Arbeitgeber mit einer Kündigung oder einem Aufhebungsvertrag reagiert hat auf die Krankschreibung eines Mitarbeiters. Und ihn dann gezwungen hat, den Aufhebungsvertrag zu unterschreiben“, sagt Schölzel.

Sie und die „Faire Mobilität in Thüringen“ vom DGB kämpfen gegen die schlechten Arbeitsbedingungen bei den Subunternehmen von Amazon. Der Konzern trage eine Mitverantwortung, sagt Tina Morgenroth, die als Koordinatorin des Projekts tätig ist. Ihre Organisation unterstützt Fahrer bundesweit.

„Es ist ein System der organisierten Verantwortungslosigkeit, das Amazon dort betreibt. Sie gliedern die Arbeit an Subunternehmer aus, die ihre Angestellten ausbeuten. Amazon will am Ende nichts damit zu tun haben und versucht mit einer reinen Weste dazustehen und zu sagen: Bei uns läuft alles super. Die Kundinnen und Kunden sind weiterhin König, aber der Preis dafür ist, dass es auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen wird. Das kommt in der Öffentlichkeit bisher zu kurz“, sagt Morgenroth.

„Werden Vorwürfe prüfen und durchgreifen“

Amazon weist die Vorwürfe zurück. Der Konzern prüfe regelmäßig, ob sich die Subunternehmer an geltende Gesetze halten.

„Das stellt nicht die Wirklichkeit für tausende Menschen dar, die bei kleinen und mittelständischen Lieferunternehmen in ganz Deutschland beschäftigt sind und jeden Tag Pakete zu Amazon Kund:innen bringen. Wir erwarten von unseren Partnern, dass sie ein erstklassiges Arbeitserlebnis für ihre Fahrer:innen bieten und wir überprüfen sie aktiv, um die Einhaltung sicherzustellen“, sagt ein Amazon-Sprecher zu Business Insider. „Unsere Lieferservicepartner verpflichten sich vertraglich, die geltenden Gesetze insbesondere im Hinblick auf Löhne, Sozialabgaben und Arbeitszeiten einzuhalten. Wir werden diese Vorwürfe prüfen und werden durchgreifen, sollten wir feststellen, dass ein Partner diese Erwartungen nicht erfüllt“, sagt der Sprecher weiter.

Stefan Sell, VWL-Professor an der Hochschule Koblenz, ordnet die Entgegnung von Amazon ein. „Das ist eine Antwort, die wir leider schon seit vielen Jahren in diesem System zu hören bekommen. Und solange der Auftraggeber, der an der Spitze der Pyramide sitzt, nicht wirklich in die unmittelbare direkte Verantwortung und damit auch Haftung für die Zustände in dieser Lieferkette genommen wird, solange wird sich an dieser ‚Ich wasch mir die Hände in Unschuld‘-Haltung auch nichts ändern“.

Wie prekär die Zustände sein können bei den Subunternehmen von Amazon, zeigt ein besonderer Lieferdienst aus Bayern: die Oberlandlogistik Parcel Service GmbH. Ein Mitarbeiter, der anonym bleiben will, erzählt über die Arbeitsbelastung an einem Werktag:

„Am Anfang waren es 100 Stopps, dann 200, dann 270 Pakete in einer Schicht. Es gab Zeiten, in denen die Pakete nicht auf der Ladefläche, sondern auch auf dem Beifahrersitz gestapelt werden mussten, weil es im Laderaum keinen Platz mehr gab. Das war hart.“

Der Angestellte und einige seiner Kollegen kamen aus Ungarn nach Bayern, um bei dem Logistikunternehmen zu arbeiten. Die Autos, die ihnen für den Kurierdienst zur Verfügung gestellt wurden, seien zum Teil schrottreif gewesen, erzählen die Fahrer und zeigen uns Fotos. Bei Glatteis im Winter hätten sie Angst gehabt, zu fahren.

Bei einem Mitarbeiter blieben am Ende des Monats 30 Euro auf dem Gehaltszettel

„Der Zustand der Autos war sehr schlecht: Sie waren demoliert, die Seitenspiegel abgebrochen und die Windschutzscheibe war gesprungen. Vor allem die Reifen, die hatten kaum Profil. Ich musste natürlich damit fahren, es war lebensgefährlich“, sagt der Mitarbeiter.

Abgefahrene Profile an den Rädern der Fahrzeuge der Amazon-Kuriere.
Abgefahrene Profile an den Rädern der Fahrzeuge der Amazon-Kuriere.

Die Oberland hat den Angestellten nicht nur Autos, sondern auch Schlafplätze zur Verfügung gestellt – für einen ordentlichen Preis. „Wir haben pro Person 300 Euro monatlich für ein Bett bezahlt. Wenn wir vier Leute waren, dann also viermal 300 Euro. In den Wohnungen war überall Dreck. Die Küche war völlig nutzlos – auf einem einzigen Herd mussten wir das Wasser erhitzen, um uns zu waschen. Es gab nur eine Dusche, die auch nur kaltes Wasser hatte oder gar kein Wasser. Die Badewanne konnte nicht benutzt werden, die Dusche war oft kaputt“, berichten die Fahrer.

Marode Reifen an den Fahrzeugen der Amazon-Lieferdienste.
Marode Reifen an den Fahrzeugen der Amazon-Lieferdienste.

Business Insider liegen die Lohnabrechnungen der Mitarbeiter vor. Dabei macht die Oberland eine ganze Reihe an Abzügen geltend. Es tauchen in einer Lohnabrechnung etwa 234 Euro Bearbeitungsgebühr für Blitzer, 500 Euro für einen KFZ-Schaden und 300 Euro für Miete auf. Den Fahrern bleiben zum Teil nur wenige hundert Euro übrig am Ende des Monats, einmal sind es nur rund 30 Euro.

„Ich konnte kein Geld mehr nach Hause schicken und so ging meine Beziehung in die Brüche. Es ist auch nicht billig, von München nach Hause zu fahren. Ich habe meine Mietwohnung in Ungarn kündigen müssen und dann meine Unterkunft hier in Deutschland. So musste ich mehrere Wochen im Auto schlafen, ich hatte nicht mal Geld für Essen“, sagt einer der ungarischen Angestellten.

Oberland-Ex-Chef will alles richtig gemacht haben

Die Oberland-Logistik hat mittlerweile Insolvenz angemeldet. Business Insider und Frontal haben den ehemaligen Geschäftsführer Sebastian Döhring mit einem langen Fragebogen konfrontiert. In seinen Antworten weist er die Anschuldigungen seiner ehemaligen Angestellten zurück. Alle Abzüge vom Lohn seien gerechtfertigt. Weder die Firma, noch er selbst hätten daraus einen finanziellen Vorteil gezogen, sagt Döhring.

Zu den Kosten für den Schlafplatz entgegnet der Ex-Chef: „Die Mieten wurden von uns direkt in Höhe von 300 Euro pro Person an den Vermieter im Voraus bezahlt und den Mitarbeitern im Folgemonat vom Lohn abgezogen. Hierdurch wurden Kautionszahlungen der Mietarbeiter vermieden, die diese selbst nicht aufbringen konnten, um hier ein Apartment zu erhalten.“

Auf den Vorwurf der teils desaströsen Zustände der Kurier-Fahrzeuge entgegnet Döhring, dass die Fahrzeuge ausschließlich von der Sixt Autovermietung und von Buchbinder Rent-a-Car stammen. „Alle uns von den Fahrern mitgeteilten Mängel wurden umgehend an die zuständigen Autovermieter übermittelt und um sofortige Behebung gebeten. Schäden wurden den Fahrern nur bei grob fahrlässigem Verhalten und dann auch nur in Maximalhöhe der vereinbarten Selbstbeteiligung von 500 Euro belastet“, sagt Döhring.

Auch bei den Lohnabzügen wegen Bußgeldern sei alles mit rechten Dingen zugegangen, versichert Döhring. „Den Mitarbeitern wurden nur Bußgelder belastet, welche sie eben trotz Aufforderung NICHT selbst an die Polizei bezahlt haben. Hier erhielten wir dann regelmäßig Besuch von der örtlich zuständigen Polizei, welche dann uns zur Begleichung der Bußgelder aufgefordert hat, da wir als Fahrzeugmieter hinterlegt waren“, sagt der Ex-Geschäftsführer.

Amazon erstattet Strafanzeige

Ging bei der Oberland-Logistik also alles mit rechten Dingen zu? Amazon hat andere Schlüsse gezogen und geht mittlerweile juristisch gegen Döhring vor. Der Online-Riese hat Strafanzeige gegen den Ex-Chef von Oberland-Logistik erstattet. Den Vertrag mit der Oberland Logistik GmbH habe man bereits im März gekündigt und den Fahrern Hilfe angeboten, teilt ein Amazon-Sprecher mit. Auf Nachfrage, ob Amazon auch die Arbeitsbedingungen bei dem Subunternehmen DHTS prüfe, bei dem Kruczynski arbeitet und womöglich sogar eine Strafanzeige prüfe, heißt es aus Konzernkreisen, dass man sich aktuell bei dieser Sache in einem intensiven Prüfprozess befinde. Bei wie vielen weiteren Lieferdiensten Amazon „intensiv prüft“, ob eine Strafanzeige fällig wird, ist offen.

Professor Sell sagt, der Fehler liege im System, das Amazon geschaffen hat. „Denn im jetzigen System kann Amazon die Preise massiv drücken, die Anbieter gegeneinander ausspielen. Die haben überhaupt keine Marktmacht und sind gezwungen, dann diesen enormen Preisdruck von Amazon an die eigenen Beschäftigten weiterzugeben“, sagt Sell. „Wir brauchen unbedingt allgemein verbindliche Tarifstrukturen, an die sich diese oftmals vielen kleinen Unternehmen halten müssen, die dann auch in die Preiskalkulation gegenüber Amazon Eingang finden müssen“.

Lieferungen bis vor die Wohnungstür haben ihren Preis

Es gäbe aber noch eine andere Möglichkeit, wie man die Arbeitsbedingungen der Kuriere verbessern kann, sagt Professor Sell. Dafür könnte man nach Dänemark schauen, dort holen die Kunden nämlich ihre Pakete aus Verteilzentren ab. „Wenn ich die aber nach Hause geliefert bekommen möchte, quasi in mein Wohnzimmer, dann muss ich in Dänemark einen deutlich höheren Preis für diese Zustellung bezahlen. Denn das ist doch klar: Wenn wir die Arbeitsbedingungen der Paketzusteller wirklich verbessern wollen, dann würde das deutlich höhere Kosten verursachen. Und die muss jemand bezahlen.“

Transparenzhinweis: In einer ursprünglichen Fassung war dieser Artikel versehentlich mit einem Foto bebildert, das einen Mitarbeiter der Delivery Experts GmbH zeigte. Die hier berichteten Vorwürfe gegen Amazon-Subunternehmer stehen allerdings in keinem Zusammenhang mit der Delivery Experts GmbH. Deshalb haben wir das Foto ausgetauscht.

VIDEO: Italien: Kartellbehörde verhängt Milliardenstrafe gegen Amazon 

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