Amanal Petros: Flüchtling aus Eritrea jubelt bei EM-Premiere

Amanal Petros kam mit 16 Jahren als Flüchtling aus Eritrea nach Deutschland. Inzwischen läuft er für die deutsche Leichtathletik-Nationalmannschaft. Foto: Ulrike John

Amanal Petros zerrte sein Nationaltrikot Richtung Kamera und deutete einen Kuss auf den Stoff an. So abgezockt eine solche Geste bei Profifußballern erscheint, so rührend und ehrlich kam sie bei dem Langstreckenläufer rüber.

Seht her! Ich, der Flüchtling aus Eritrea, bin hier Dritter geworden - bei meinem ersten Einsatz für die deutsche Leichtathletik-Nationalmannschaft. Das wollte der überglückliche 22-Jährige vom SV Brackwede damit sagen.

Bei den Team-Europameisterschaften in Lille gab es kaum einen Athleten, der so verbissen kämpfte wie der Neuling über 5000 Meter - und definitiv keinen, der sich so über einen dritten Platz freute. Amanal Petros, mit 16 über Äthiopien und ohne seine Familie als Asylbewerber in Deutschland gelandet, rannte am Samstag nach 13:59,83 Sekunden über die Ziellinie. «Es war genial. Und es war eine Ehre für mich», sagte er später.

Amanal Petros begann einst mit dem Laufen, um der Enge des Flüchtlingsheims in Bielefeld zu entkommen. In der Szene ist er inzwischen etabliert, Mitglied der U23-Nationalmannschaft, Dritter bei der Junioren-Cross-EM, zweimal deutscher Vize-Meister über 10 000 Meter. Aber inmitten einer Mannschaft mit Olympiasiegern und Weltmeistern - das war nochmal etwas Neues. «Die Leute sind unheimlich freundlich», sagte Amanal Petros in seinem beachtlichen Deutsch. «Sie denken nicht daran, dass sie berühmt sind.»

Es hatte eine halbe Ewigkeit gedauert, bis der Drittplatzierte in der Interview-Zone auftauchte: Amanal Petros war allen Kampfrichtern entwischt und hatte in der Kurve mit Fans gejubelt - wie ein Fußballer. Die Startnummer hatte ihm jemand dabei abgerissen. Dass ihm Spikes von Konkurrenten beim Rennen feine, blutende Risse an den Beinen zugefügt hatten: Amanal Petros lachte darüber.

Sein Vorbild - «und ein guter Freund» - ist übrigens Richard Ringer: Der EM-Dritte hatte auf einen Start in Lille verzichtet und sah sich den Lauf seines Trainingskollegen im Fernsehen an. «Das hat er klasse gemacht», lobte Ringer. «Wir haben in den letzten Tagen noch zusammen trainiert. Am Montag kommt er wieder nach Oberhof - da werden wir sicher was für ihn organisieren.» Für ihn sei Amanal Petros ein «sehr, sehr guter Freund. Er spricht schon ziemlich gut Deutsch, ich helfe ihm da natürlich. Aber sein Schreibstil ist noch lustig.»

Für Amanal Petros ist es in Oberhof «wie in Afrika. Die Berge sind so hoch.» Nächste Woche bekommt der Ausdauerspezialist übrigens die Ergebnisse seiner Realschulprüfung. Am liebsten möchte er nun zur Sportfördergruppe der Bundeswehr. Sein nächstes Ziel ist die U23-EM Mitte Juli in Polen. Mit einer Teilnahme an der Leichtathletik-WM im August in London wird es wohl eng: Die Norm, die Ringer schon gelaufen ist, liegt bei 13:22,60 Minuten. Amanals Petros Bestzeit steht bei 13:37,20. Aber: Der junge Mann aus Eritrea hat schon oft Geduld bewahrt. «Ursprünglich komme ich ja aus dem Fußball», erzählte er. «Aber der Trainer war nicht so zufrieden und wollte mich nicht mehr haben.»

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